Vom Flüchtlingskind zum Szene-Gastronom

Wie The Duc Ngo, der mit fünf Jahren aus Vietnam nach Deutschland kam, Karriere in der Gastronomie machte.

The Duc Ngo
The Duc Ngo Franz Michael Rohm - The Duc Ngo

The Duc Ngo ist nicht zu bremsen. Schon wieder plant er ein neues Restaurant. Aus dem  ehemaligen Kant-Café im Berliner Bezirk Charlottenburg will er einen In-Treff machen. Und Duc, wie ihn seine Freunde nennen, hat genaue Vorstellungen, wie das gehen könnte. „Hier werden hochwertige Fischgerichte angeboten, dort vegane und vegetarische Küche“, sagt der 43-Jährige.  Einen Namen für das zweigeteilte Lokal hat er noch nicht. „Aber Ende Juli soll eröffnet werden.“ In der Umgebung betreibt Duc bereits sechs Restaurants. Sushi, Suppen, avantgardistische Vietnamküche, was er sich ausdenkt, funktioniert - meistens.

„Wie bei den Flüchtlingen heute“

Duc ist ein charmanter Gastgeber und hat Spaß an der Arbeit. „Das sind meine vietnamesischen Gene“, sagt er. The Duc Ngo kam 1974 in Hanoi zur Welt. „Mein Vater war Chinese. Diese Minderheit wurde Ende der 1970er Jahre in Vietnam stark diskriminiert. Meine Eltern wurden täglich schikaniert, mussten ihr Gemischtwarengeschäft schließen“, berichtet Duc. Daher entschied die Familie, das Land zu verlassen. „Wir fuhren mit einer vollkommen überladenen Dschunke über das  Südchinesische Meer“. Obwohl er erst fünf Jahre alt war, erinnert er sich genau. „Das war wie bei den Flüchtlingen heute“, sagt er. In einem Sammellager in Hongkong angekommen, gab es die Möglichkeit, entweder nach Santiago de Chile oder nach West-Berlin auszureisen. „Wir entschieden uns für Deutschland und wurden herzlich empfangen“, sagt Duc.

Japanologie und Sushi

Nach einem Aufenthalt in einer ehemaligen Polizeikaserne, erhielt die Familie eine Wohnung. Mit 18 Jahren machte Duc sein Abitur. Schon in de Schulzeit jobbte er bei McDonalds, verkaufte Eis im Zoologischen Garten. „Gastronomie hat mich immer interessiert. Ich aß gerne und fing an, selber zu kochen.“ Früh begeisterte er sich für die japanische Küche. „Einfach, klar, die Übertragung des Zen-Gedankens, das war mein Ding.“ Nach dem Abitur studierte er Japanologie an der Freien Universität in Berlin - und kellnerte in Sushi-Restaurants. Schnell lernte er die essentielle Schneidetechnik für den  Rohfisch und wie man den Reis für Nigiri-Sushi elegant mit der Hand formt. In dieser zeit entstand die erste Idee für ein Restaurant. Im Januar 1999 war es so weit: Duc eröffnete das „Kuchi“ auf der Kantstraße in Charlottenburg, eine stylische Sushi-Bar. Es war wie eine Initialzündung. Kurz darauf folgte ein weiterer Laden, das „Next to Kuchi“ nebenan für einfache Gerichte zum Mitnehmen, 2001 das „Kuchi II“ in Berlin-Mitte.

Keine Karriere ohne Knick

Im Winter 2005 holte er zum nächsten Coup aus und eröffnete das Feinschmecker-Restaurant „Shiro i Shiro“ in der Rosa-Luxemburg-Straße. Spektakulär eingerichtet mit porzellanweißen Tischen und Stühlen, Kristallleuchtern und taubenblauen Stofftapeten. Bereits ein Jahr später zählte es zu den weltweit 50 besten Neueröffnungen. Sharon Stone, Mick Jagger und David Lynch waren unter den Gästen, „das ganze Top-Show-Biz“. Aber: Es lief auf Dauer nicht. „Die Gerichte wurden immer verkünstelter, wir verloren den Kontakt zu den Gästen, der Vermieter wollte die Miete versechsfachen. Auf einmal kam alles Schlechte zusammen.“ Nach drei Jahren schloss Duc schweren Herzens das „Shiro i Shiro“ – und nahm sich eine Auszeit.

Das machen, was man kann

Duc ging sechs Monate auf Selbstfindungstour in die USA, nach Japan, Südkorea, Indien und in die Türkei. „Ich habe mich ausgeruht, erholt und neue Ideen entwickelt“, sagt er. „Außerdem habe ich gemerkt, dass ich mich nicht verdrehen und nur das machen sollte, was ich am besten kann.“ Nach der Rückkehr kochte er in zunächst im neueröffneten Szene-Lokal „Bar Tausend“ am Schiffbauerdamm. Till Harter, der Kopf der Bar, hatte Duc überredet, mit seinem ehemaligen „Shiro i Shiro“-Team den hinteren Raum zu bespielen.   „Hier lernte ich neue Leute kennen, die fragten, ob ich nicht für sie Konzepte entwerfen und realisieren könnte.“

Bald 200 Mitarbeiter

So entstand in Partnerschaft mit Micky Rosen und Alex Urseanu das Konzept für das „Moriki“ in Frankfurt am Main. In einem 400 Quadratmeter großen Lokal in einem der beiden Türme der Deutschen Bank entwickelte er die Idee des „Kuchi“ mit Sushi, Nudel- und traditionellen Vietnam-Gerichten weiter. Mittlerweile sind noch vier Lokale hinzugekommen, zuletzt das „893“ in Berlin. Rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Duc. Demnächst werden es wohl 200 sein. Fast alle Familienmitglieder arbeiten bei ihm, „wenn sie wollen“. Und sehr viele Freundinnen und Freunde. Seine Restaurants betrachtet er als Familienangelegenheit. „Wir helfen uns gegenseitig, das verbindet.“ Hat er einen Traum? „Vielleicht mal einen Stern für ein ganz kleines, exklusives Sushi-Restaurant“, sagt er. Aber jetzt steht erst mal die Eröffnung des nächsten Restaurants an.