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100 Jahre ifa

Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) feiert 2017 seinen 100. Geburtstag. Ein Interview mit Generalsekretär Ronald Grätz.

Herr Grätz, das  ifa feiert 2017 seinen 100. Geburtstag – wie oft hat sich das Institut für Auslandsbeziehungen seit der Gründung neu erfunden?

Für ein zukunftsorientiertes Institut ist es unerlässlich, sich immer wieder neu zu erfinden und auf die Gegebenheiten und die politische Weltlage, die die Arbeit mitbestimmt, zu reagieren und dies zu reflektieren. Man kann das anhand der historischen Ereignisse Zäsuren und daraus folgenden Neuerfindungen erkennen – sei es nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933, dem Ende des 2. Weltkriegs und der daraus folgenden de facto Neugründung im Jahr 1949 als Institut für Auslandsbeziehungen und auch an der Neuausrichtung des ifa nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“. Doch wie gesagt – das ifa versteht sich als stetig lernendes Institut und entwickelt sich daher immer wieder weiter.

Und in welchem Stadium befindet es sich heute?

Das ifa hat die Funktion als Kunstmittler, Kompetenzzentrum für Kultur und Außenpolitik und Gestalter des Dialogs mit der und für die Zivilgesellschaft. Wir blicken im Jubiläumsjahr 2017 in die Zukunft: Mit „Kulturen des Wir“ wollen wir vor allem Fragestellungen von Vielfalt, Gemeinschaft und Frieden in den Mittelpunkt rücken. „Kulturen des Wir“ basiert auf der Überzeugung, dass Gemeinschaften nicht statisch sind, sondern sich permanent verändern. Darum brauchen wir Austausch, Dialog und Diskurse, um Formen der Vielfalt sichtbar werden und neue „Wir“-Konstellationen entstehen zu lassen. Das Verstehen dieser neuen Konstellationen bildet das Fundament für die Gestaltung drängender Zukunftsaufgaben.

Kulturaustausch gehört zu den Kernaufgaben des ifa. Heute scheint es trotz aller Bemühungen in vieler Hinsicht immer weniger Offenheit für fremde Positionen zu geben. In vielen Ländern gewinnen national orientierte Sichtweisen viel Zustimmung. Was setzt die Arbeit des ifa dem entgegen?

Die weltweite Unterstützung zivilgesellschaftlicher Akteure in ihrem Engagement für Konfliktprävention, Konfliktbearbeitung sowie Demokratie- und Friedensförderung ist ein weiteres definiertes Ziel der Arbeit des Instituts. Die Bildung von Foren für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure unterschiedlicher Lebensbereiche und die Qualifizierung dieser Akteure sind hier ebenso wichtig wie das Empowerment von Organisationen in Transformationsländern und Konfliktregionen sowie deren Unterstützung in ihren Aktivitäten zur Friedenskonsolidierung. Das Themenfeld Kultur und Krise bzw. Kultur und Konflikt ist einer der zentralen Aspekte kultureller Vermittlungsarbeit. Dieses globale Denken widerspricht nationalistischen und rechtspopulistischen Denkweisen und Tendenzen. Dabei spielt der dialogische Ansatz eine wesentliche Rolle. Wir verstehen den Dialog als Lerngemeinschaft und als Haltung. Er ist in seinem Charakter prozessorientiert und ergebnisoffen  schwieriger zu realisieren als – überspitzt formuliert – „lediglich“ das Durchführen von Projekten vor Ort.

Wann ist ein interkultureller Dialog erfolgreich?

Kulturdialog ist erfolgreich, wenn gemeinsame Prozesse (Kooperationen) gestaltet werden, Fragestellungen gemeinsam entwickelt werden (Koproduktionen) und Projekte nicht nur gemacht werden, sondern aus Projekten etwas gemacht wird. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Organisation aus dem interkulturellen Dialog lernt und sich daraus resultierend verändert. Deutlich wird dies an unseren Kunstprogrammen und Ausstellungen, bei denen wir mit externen Kuratorinnen und Kuratoren gemeinsam Themen erarbeiten, diese gemeinsam mit Partnern vor Ort gestalten und so eine multilaterale Perspektive auf ein Thema erhalten, wie zum Beispiel bei der aktuellen Ausstellung in der ifa-Galerie Berlin „In the Carpet“.

Wie wird das Jubiläum 2017 gefeiert – auf welchen Event freuen Sie sich besonders?

Persönlich freue ich mich besonders auf den Festakt, der dem Jubiläum die politische Bedeutung gibt, die dem Ereignis gebührt. Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen, die sicher sehr anregend und inspirierend wirken werden – so der Kupoge-Kongress zu Innen- und Außenpolitik, der ein wichtiges kulturpolitisches Thema aufgreift, die Konferenz „Kulturen des Wir“, die mit „Ein WIR ohne IHR denken“ eine wichtige Botschaft für die Zukunft formuliert, oder auch das Sommerfest im ifa, um das Jubiläum mit zahlreichen Partnern und Freunden des ifa zu feiern. Zudem starten wir im Januar ein eigenes Online-Magazin, in dem aktuelle Fragestellungen von Gemeinschaft diskutiert werden. Welche Verständnisse von Gemeinschaft brauchen wir, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen? Was bedeutet Gemeinschaft heute? Wie grenzen sich Gemeinschaften voneinander ab? Zu Wort kommen darin sowohl nationale als auch internationale Künstler, Wissenschaftler und Autoren wie zum  Beispiel der indische Essayist Pankaj Mishra oder der französische Philosoph Jean-Luc Nancy. Den Auftakt macht die Videoserie „In einem Boot“, in der ersten Folge mit dem politischen Philosophen Otfried Höffe zu seiner Idee der Weltrepublik als ideale Form des globalen Zusammenlebens.

Im Sommer des Jubiläumsjahrs wird Martin Roth, bisher Direktor des Victoria and Albert Museum in London, Präsident des ifa. Was erhofft sich das  ifa-Präsidium von dieser Wahl eines der erfolgreichsten Kulturmanager in Europa? 

Mit Martin Roth kommt eine Persönlichkeit, der über hervorragende internationale Netzwerke verfügt. Zudem denkt und handelt er in hohem Maße interdisziplinär, was für die Weiterentwicklung und Schärfung des Profils des ifa eine große Bereicherung ist. Er wird das ifa kulturpolitisch und mit innovativen Ideen noch deutlicher in der weltweiten Kulturszene als Impulsgeber für internationale Kulturarbeit positionieren.  

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