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Ein Sound von Sicherheit

Die Terrororganisation Boko Haram hat in Nigeria viele Dorfgemeinschaften zerstört. Musik, Theater und Film sollen in einem von Deutschland unterstützen Projekt nun dazu beitragen, die Menschen wieder zusammenzubringen.
von Hendrik Bensch

Der Nordosten Nigerias ist vom Terror gezeichnet. Über Jahre hinweg haben die Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram Dorfgemeinschaften überfallen und Häuser geplündert. Viele Menschen mussten fliehen. Derzeit gibt es zwei Millionen Binnenflüchtlinge in der Region, von denen viele in Camps leben.

Ganz langsam kehrt nun aber die Normalität zurück. „Die Atmosphäre ist grundsätzlich ruhig“, berichtet Christopher Mtaku, Wissenschaftler an der Universität im nigerianischen Maiduguri und Gastwissenschaftler am Center for World Music der Universität Hildesheim. „Die Wirtschaft hat sich wieder belebt und Gegenden, die bisher zu gefährlich waren, sind wieder zugänglich.“ Und so kehren langsam die Menschen in ihre Dörfer zurück und bauen sie wieder auf. Dabei sollen auch die Künste, wie Musik und Film, eine Rolle spielen. „Aufgabe der Zukunft wird es sein, Gemeinschaften wieder entstehen zu lassen“, sagt Musikprofessor Raimund Vogels, der seit den 1980er-Jahren mit nigerianischen Forschungskollegen zusammenarbeitet und heute Direktor des Center for World Music ist. „Eine der Identifikationslinien kann Musik sein.“

© Isa Lange/Uni Hildesheim

Impulse aus der Kunst

Einen Beitrag zum Wiederaufbau soll die neue Graduiertenschule „Performing Sustainability. Cultures and Development in West-Africa“ leisten. Durch die Graduiertenschule werden junge Wissenschaftler aus Nigeria, Ghana, Kamerun, Simbabwe, Niger und Südafrika gefördert. Sie setzen sich in den kommenden Jahren damit auseinander, welchen Beitrag die Künste leisten können, um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in West-Afrika umzusetzen. Der Schwerpunkt liegt auf nachhaltiger Entwicklung und Themen der Friedens- und Konfliktlösung. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) die Graduiertenschule bis zum Jahr 2020.

Bei der Graduiertenschule arbeitet das Center for World Music der Universität Hildesheim mit der University of Maiduguri in Nigeria und der University of Cape Coast in Ghana zusammen. Sie haben vor kurzem 15 Stipendiaten ausgewählt, die am Programm teilnehmen.

Neue kulturelle Identitäten

In ihren Forschungsprojekten beschäftigten sich die Stipendiaten unter anderem damit, wie das Theater in Flüchtlingscamps zur Vergangenheitsbewältigung beitragen könnte. Andere Stipendiaten gehen der Frage nach, wie durch Filme und Musik neue kulturelle Identitäten geschaffen werden können. Musiker treten in Nigeria unter anderem bei Dorffesten und Hochzeiten auf. „Dabei geht es aber nicht um reine Unterhaltung“, sagt Raimund Vogels. „Die Musiker sprechen auch soziale Missstände an. Deshalb werden sie gesellschaftlich von vielen Seiten nicht anerkannt.“ In der Schule spiele Musik deshalb keine Rolle. In einem der Forschungsprojekte untersucht nun ein junger Wissenschaftler, inwiefern sich das gesellschaftliche Bild von Musik ändern lässt – und wie sie letztlich wieder in der Schule eingesetzt werden kann, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Beim Wiederaufbau soll auch das Musikarchiv zu nigerianischer Musik helfen, das am Center for World Music aufgebaut wurde. Das deutsch-nigerianische Forscherteam hat unter anderem 1.000 Stunden an Ton‐ und Videoaufzeichnungen sowie 500 Bilddokumente zusammengetragen. Die Ton‐, Video‐ und Bildaufnahmen dokumentieren die Vielfalt der musikalischen Kultur nigerianischer Volksgruppen.

Musikarchiv als Erinnerungsstütze

Das Musikarchiv hat eine große Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis in Nigeria, erzählt Christopher Mtaku. „In großen Teilen Nigerias wird vieles nicht schriftlich festgehalten“, sagt er. Stattdessen vermitteln Musiker beispielsweise Historisches. Boko Haram hat jedoch zahlreiche Musiker ermordet. „Das Archiv könnte deshalb die einzige Quelle sein, durch die zukünftige Generationen im Nordosten die Möglichkeit haben, die Musik früherer Generationen zu hören“, sagt Mtaku.

Derzeit sind die Forscher noch dabei, Musik zu digitalisieren und Texte zu transkribieren. Bald wollen sie es für alle zugänglich machen. Mit Computer und Smartphone sollen dann alle auf das musikalische Erbe zugreifen können. „Das ist eine großartige Möglichkeit, um den Menschen Musik aus ihrer Region wiederzugeben“, sagt Mtaku. Und damit vielleicht auch den Frieden ein Stück weit zu fördern.

© www.deutschland.de

von Hendrik Bensch

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