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Kosmopolit der Kunst

Okwui Enwezor hat die Gegenwartskunst in Europa und den USA für Einflüsse aus Afrika geöffnet. Seit Oktober 2011 ist er Direktor im Haus der Kunst in München.
30. Dezember 2011 von Oliver Heilwagen

Als Kurator der Documenta 11 war Okwui Enwezor von 1998 bis 2002 einer der einflussreichsten Menschen der Kunstwelt. Die Documenta, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet, gilt als wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst weltweit. Nun ist Enwezor nach Deutschland zurückgekommen: Seit Oktober 2011 leitet er für zunächst fünf Jahre das Haus der Kunst in München, eine der bedeutendsten deutschen Einrichtungen für Gegenwartskunst. Allerdings ist es kein Comeback: Im vergangenen Jahrzehnt hat Enwezor mit zahlreichen Ausstellungen, Festivals und Vortragsreihen auf sich aufmerksam gemacht. Das Magazin „Art Review“ setzt ihn auf Rang 52 seiner Liste der 100 bedeutendsten Persönlichkeiten in der aktuellen Kunst-Szene. Dabei ist Enwezor ein Seiten-Einsteiger ohne eine klassische Kunst-Ausbildung: 1987 schloss er mit einem Bachelor in Politikwissenschaft an der New Jersey City University ab. In die Vereinigten Staaten war er 1982 als 19-Jähriger ausgewandert. Kindheit und Jugend hatte der Spross einer wohlhabenden Ibo-Familie im Südosten Nigerias verbracht. Als er vier Jahre alt war, brach 1967 der Biafra-Krieg aus: In drei Jahren musste seine Familie 45 Mal umziehen. Dieses Nomaden-Dasein hat Enwezor geprägt: „Ich lernte, was es bedeutet, der Andere zu sein – selbst in der eigenen Wohnung.“

Als Student in den USA begann er, sich für Kunst zu interessieren. Ihm fiel auf, dass zeitgenössische afrikanische Künstler meist ignoriert wurden. Um das zu ändern, gründete er 1994 die Zeitschrift „NKA: Journal of Contemporary African Art“, die er gemeinsam mit Salah Hassan und Chika Okeke-Agulu herausgibt. Schnell erwarb sich Enwezor den Ruf, einer der wenigen Kenner außereuropäischer Gegenwartskunst in der westlichen Welt zu sein. Bald folgten erste Aufträge als Kurator. Seinen Durchbruch erlebte er 1996 mit „In/sight“ im Guggenheim Museum New York: Dort präsentierte er 30 Fotografen aus Afrika. Anschließend wurde er Leiter der Biennale in Johannesburg.

In Europa machte er sich 2001 mit „The Short Century“ einen Namen. Die Schau wurde in der Villa Stuck in München und dem Martin-Gropius-Bau in Berlin gezeigt, bevor sie nach Chicago und New York wanderte. Der Untertitel „Independence and Liberation Movements in Africa 1945 – 1994“ stellte klar, worum es Enwezor ging: Den ehemaligen Kolonialherren in Europa in Erinnerung zu rufen, welche Erblast sie dem Kontinent hinterlassen hatten. Kritiker monierten allerdings, unter dem Deckmantel von Kunst und Kultur inszeniere Enwezor eine Agitprop-Schau: Sie feiere nostalgisch Helden der Entkolonialisierung von Nkrumah bis Lumumba, versäume aber, den fortwirkenden Neokolonialismus und die Komplizenschaft der afrikanischen Eliten zu analysieren. Ähnliche Stimmen wurden im Vorfeld der Documenta 11 laut. Sie gestaltete Enwezor als Konferenz-Reihe, die nach Stationen auf vier Kontinenten mit der Ausstellung in Kassel endete. Eine Premiere: Nie zuvor wurden so viele Krisenherde aller Art behandelt. Es war die erste globalisierte Documenta. Enwezor gelang eine Re-Politisierung zeitgenössischer Kunst, die sich 30 Jahre lang stark um akademische Debatten gedreht hatte. Und er erweiterte den Horizont: Erstmals waren Künstler aus Schwellen- und Entwicklungsländern prominenter vertreten.

Seither hatte Enwezor etliche Kuratoren-Jobs und Gastprofessuren. Doch das Haus der Kunst ist die erste Institution, die er übernimmt. Die Vergangenheit des Hauses ist wechselhaft: 1937 während des Nationalsozialismus als Zentrum für Kunst eröffnet, wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg als Offizierscasino der US-Truppen und ab 1949 für Wechselausstellungen moderner Kunst genutzt. Diese Anfangsjahre beleuchtet 2012 eine Schau zum 75-jährigen Bestehen des Hauses. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung kündigte Enwezor für die Zukunft des Hauses ein internationales Programm mit herausragenden und innovativen Künstlern an. Ansonsten aber hält er sich derzeit mit konkreten Plänen noch bedeckt. Obwohl der stets elegant gekleidete und formvollendet auftretende Kultur-Manager lieber über seine Arbeit als seine Person spricht: Über sein Privatleben ist nur bekannt, dass er mit der Kunst-Therapeutin Muna El Fituri eine Tochter hat. Beide leben in New York. Derzeit pendelt Enwezor und verbessert seine Deutsch-Kenntnisse in Sprachkursen des Goethe-Instituts. Künftig will er sich in München niederlassen: Er schätzt „Leichtigkeit und Selbstbewusstsein“ der bayerischen Landeshauptstadt und sagte dem Kunstmagazin „art“, München sei für ihn keine Durchgangsstation.

Eine gute Nachricht für die Stadt. Dort wünscht man sich, dass das Image des „ultimativen Kosmopoliten“, wie ihn die „New York Times“ 2002 nannte, auf München abfärbt und die Stadt als Kunstzentrum über die Landesgrenzen hinaus ins Gespräch bringt.

30. Dezember 2011 von Oliver Heilwagen

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