Amal, Berlin!: Geflüchtete schreiben über Berlin und Deutschland.

Nachrichten für Neuberliner

 

 

Deutschland. Wie finden Berliner Ausbildungsbetriebe und Geflüchtete auf Jobsuche zu einander? Wieso ist das Thema „Ehe für alle“ in Deutschland wichtig? Und warum sind die Berliner so fasziniert von den Pandabären, die im Juli 2017 im Berliner Zoo eingezogen sind? Solche Fragen beantworten die acht Journalistinnen und Journalisten von „Amal, Berlin!“ seit März 2017 auf der neugegründeten Website amalberlin.de. Ihr Angebot richtet sich vor allem an Geflüchtete, die neu in der Hauptstadt sind. Auf amalberlin.de können sie sich auf Arabisch, Farsi, Dari und Deutsch darüber informieren, was in Berlin passiert und welche Themen gerade in Deutschland diskutiert werden.

„Amal“ heißt auf Deutsch „Hoffnung“. Und Hoffnung steckt auch in dem Projekt. Die Journalisten von „Amal, Berlin!“ sind selbst vor einigen Jahren aus Syrien, Afghanistan, Iran und Ägypten geflüchtet. Sie wissen, wie schwierig und mühsam es oft ist, sich in einem anderen Land und einer neuen Stadt zurechtzufinden. Das Angebot von „Amal, Berlin!“ soll Neuankömmlingen den Start erleichtern, ihnen beim Einleben in Berlin helfen und sie ermutigen, sich in ihrer neuen Heimat zu engagieren.

Ein anderer Zugang

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren viele Initiativen entstanden, die auf Arabisch Informationen für Geflüchtete zu bestimmten Themen wie Sexualität oder dem politischen System liefern. Die Macher von „Amal, Berlin!“ haben einen anderen Zugang gewählt: „Wir wollten einfach wie Journalisten berichten und weniger erklären“, sagt Gründerin Julia Gerlach, die selbst als Korrespondentin in Kairo viele Jahre aus der Arabischen Welt berichtet hat. Wer sich regelmäßig über politische Debatten im deutschen Bundestag informiere, verstehe dadurch ganz von allein, wie Demokratie in Deutschland funktioniert. Die Website greift daher auch aktuelle Diskussionen auf und fasst sie verständlich zusammen. So können sich Leser schnell einen Überblick verschaffen.

Etwa 150.000 Menschen in Berlin sprechen Arabisch, Farsi oder Dari. Sie sind die wichtigste Zielgruppe von „Amal, Berlin!“. Die Macher der Plattform wollen neben Neuberlinern auch Menschen ansprechen, die schon länger in der Hauptstadt wohnen und sich in ihrer Muttersprache über aktuelle Themen informieren wollen.

Die Journalisten haben es sehr vermisst, in ihrem Beruf zu arbeiten.

Julia Gerlach, Gründerin von „Amal, Berlin!“

Suche via Facebook

„Die Idee zur Website ist quasi am Küchentisch entstanden“, erzählt Julia Gerlach. Nach ihrer Rückkehr aus Kairo 2015 hatte sie einige geflüchtete syrische Journalisten in Berlin wiedergetroffen, die sie noch von Recherchen im Nahen Osten kannte. „Wir haben gemeinsam überlegt, was die Journalisten hier machen könnten“, sagt Gerlach. „Sie haben es sehr vermisst, in ihrem Beruf zu arbeiten und gleichzeitig gab es sowohl auf Seiten der Geflüchteten, als auch auf Seiten der Deutschen ein großes Bedürfnis nach verlässlichen Informationen.“ Zusammen mit ihrer Schwester Cornelia Gerlach, die ebenfalls Journalistin ist, entspann sich die Idee zu „Amal, Berlin!“. Die Schwestern bauten Kontakt zur Evangelischen Journalistenschule in Berlin auf und suchten über Facebook nach weiteren geflüchteten Journalisten für das arabisch-persische Nachrichtenportal.

Ein halbes Jahr lang trainierten die Journalisten danach an der Evangelischen Journalistenschule Videoberichterstattung, Medienrecht und Recherche. „Die Arbeit in Deutschland unterscheidet sich deutlich vom Arbeitsalltag beispielsweise in Kairo“, erzählt Julia Gerlach. „In Deutschland kann man einfach bei den entsprechenden Stellen anrufen und erhält Auskunft. In Kairo muss man immer die Handynummern von den richtigen Leuten haben – dafür kann man dann auch abends um zehn Uhr zum Telefon greifen.“

Am 1. März 2017 ging die Website online – und schon vier Monate nach dem Start wurde „Amal, Berlin!“ als einer der „Ausgezeichneten Orte im Land der Ideen“ ausgewählt. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ der Bundesregierung und der deutschen Industrie richten den Innovationswettbewerb gemeinsam mit der Deutschen Bank aus.

Ein sprachliches Experiment

„Amal, Berlin!“ ist durch das arabisch-persische Angebot auch ein sprachliches Experiment: In der arabischen Redaktion arbeiten die fünf syrische Journalisten Khalid Alaboud, Amloud Alamir, Anas Khebir, Samer Massouh und Abdolrahman Omaren und die Ägypterin Asmaa Yousouf. Daneben gibt es eine persische Redaktion, in der Noorullah Rahmani aus Afghanistan und Negin Behkam aus Iran gemeinsam auf Farsi und Dari veröffentlichen. Ihre Texte sind sprachlich so formuliert, dass sie sowohl von afghanischen wie auch iranischen Lesern verstanden werden.

Jeden Tag wählen die Journalisten von „Amal, Berlin!“ fünf relevante Nachrichten aus, die sie für die Website vorbereiten. Neben Nachrichten veröffentlicht die Website auch Reportagen, Berichte, Videos und Service-Angebote. Da die meisten User über das Handy im Internet surfen, veröffentlicht „Amal, Berlin!“ alle Texte auch auf Facebook.

Inzwischen interessieren sich auch deutsche Medien für die Beiträge und übernehmen sie auf ihren Websites. Die Texte der Exil-Journalisten eröffnen einen neuen Blick auf Deutschland – und das ist auch für deutsche Leser interessant.

Text und Protokolle: Fanny Steyer und Sarah Kanning

Fotos: Benny Golm

Link zur Website „Amal, Berlin!“: amalberlin.de

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Asmaa Yousouf

Asmaa Yousouf, 38, Ägypten

 

 

Ich habe in Ägypten zu Menschenrechten und Minderheiten geforscht und Essays veröffentlicht. Diese Art von Recherche und Publizistik unterschied sich deutlich von meiner heutigen Arbeit bei „Amal, Berlin!“. In den Workshops der Journalistenschule habe ich das Wesen des Journalismus in Deutschland kennengelernt. Wir können hier frei arbeiten, müssen aber viel recherchieren, Aussagen überprüfen, Belege sammeln und bei heiklen Themen unsere Quellen schützen. Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal so investigativ arbeiten werde. Mir gefällt der Ansatz, nicht über eine akademische, sondern über eine journalistische Herangehensweise Geflüchteten Deutschland näher zu bringen – und andersherum.

Foto: Benny Golm

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Amal-Berlin

Noorullah Rahmani, 48, Afghanistan

 

 

Ich bin vor fünf Jahren nach Deutschland geflüchtet. Zuvor arbeitete ich als Journalist und Nachrichtenproduzent bei einem privaten Fernsehsender in Afghanistan. Eines Tages bekam ich Probleme wegen einiger Berichte über Drogenhandel und Verbrechen an der afghanisch-iranischen Grenze und musste mein Land verlassen. Die Arbeit für „Amal, Berlin!“ mit der Zielgruppe Flüchtlinge bereitet mir große Freude. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Integration nicht von heute auf morgen gelingt. Wir haben Flüchtlinge gefragt, welche Themen sie interessieren. Das sind bei den afghanischen Lesern vor allem Artikel zu Abschiebung und Integration, aber auch zu Ausbildung und Arbeitsplätzen. 

Foto: Benny Golm

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