TdT_Friedensverantwortung Religionen_19052017

„Die positiven Beispiele sichtbar machen“

Wenn es um den globalen Frieden geht, müssen Staat und Religion an einen Tisch und sich auf gemeinsame Werte besinnen. In Berlin startet eine neue Initiative mit großem Ziel.

Deutschland. Unter dem Motto „Friedensverantwortung der Religionen“ hat das Auswärtige Amt ein neues Dialogforum ins Leben gerufen. Vom 21. bis 23. Mai treffen sich in Berlin über 100 Repräsentanten von Religionsgemeinschaften aus 50 Ländern. Vier Fragen an Silke Lechner, die stellvertretende Leiterin des Arbeitsstabes Friedensverantwortung der Religionen im Auswärtigen Amt. Zuvor war die Politikwissenschaftlerin zehn Jahre lang Studienleiterin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Frau Lechner, die großen Religionen beanspruchen für sich, zu einem friedlichen und respektvollen Zusammenleben von Menschen beizutragen. Aber in der Gegenwart wird stärker das Konfliktpotenzial von Religionen und Konfessionen wahrgenommen. Woran liegt das?

Silke Lechner: Wie bei anderen Themen werden schlechte Nachrichten viel eher in den Medien aufgegriffen als gute. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen die Rolle der Religionen ambivalent ist. Und es gibt Fälle, in denen Religion missbraucht wird. Unbestritten ist aber, dass es überall auf der Welt religiöse Akteure gibt, die sich sehr stark für den Frieden in und zwischen ihren Gesellschaften einsetzen. Diese positiven Beispiele wollen wir hervorheben und sichtbar machen. Alle an der Konferenz Beteiligten eint das Bekenntnis zur Friedensverantwortung ihrer jeweiligen Religion – dies ist ein Potenzial, welches auch außenpolitisch genutzt werden sollte.

Hat Deutschland als weltanschaulich neutraler Staat in der Außenpolitik zu lange ignoriert, wie stark die Religion, beziehungsweise. geistliche Oberhäupter, die Gesellschaft und Politik anderer Länder prägen?

In Deutschland selbst gibt es ja eine sehr gute und kooperative Zusammenarbeit mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften – auch diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass das Auswärtige Amt nun langfristige Beziehungen zu Religionsvertretern im Ausland aufbauen will. Wir sehen diese Initiative als Teil einer strategischen Neuausrichtung auch der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, als Teil der „Außenpolitik der Gesellschaften“.

Wer ist zur Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“ eingeladen und was erwarten Sie von diesem ersten Treffen?

Es werden etwa 100 Religionsvertreter aus über 50 Ländern teilnehmen – aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Nord- und Westafrika und aus Europa. Dadurch ergibt sich ein Schwerpunkt bei den Religionen Christentum, Islam, Judentum und einigen kleineren wie Jesiden, Bahai und Ismailiten. Die anderen großen Religionen und Regionen sollen zu einem späteren Zeitpunkt dazukommen. 

Alle teilnehmenden Religionsvertreter übernehmen in Ihren Ländern Verantwortung für den Frieden – sei es durch die Bildungsarbeit an Schulen und Hochschulen, in der Mediation in Konfliktsituationen, oder durch interreligiöse Projektarbeit.

Wir wollen mit diesem Berliner Treffen die Zusammenarbeit mit nicht-staatlichen Akteuren stärken. Wir wollen hören, was die Teilnehmer von ihrer praktischen Arbeit erzählen und wir wollen im Gespräch mit den Religionsvertretern Ideen entwickeln, wie wir an diesen Themen weiterarbeiten können und was die deutsche Außenpolitik tun kann.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Bestrebungen der deutschen Außenpolitik, den interreligiösen Dialog zu unterstützen, als Einmischung abgelehnt werden?

Die Resonanz auf die Einladung zu unserem Berliner Treffen zeigt: Die Religionsvertreter sind äußerst interessiert am Austausch mit uns und freuen sich sehr über diese Initiative von Bundesminister Gabriel. Wir würden übrigens nicht den interreligiösen Dialog als solchen unterstützen, für uns wird es dann interessant, wenn religiöse Akteure als gesellschaftliche und politisch engagierte Akteure auftreten und damit Friedensverantwortung übernehmen. Wir glauben, dass sich die Ebenen der Politik und der Religion sehr gut ergänzen können. In einer von Krieg und Verunsicherung geprägten Welt ist die Friedensverantwortung von Religionen besonders wichtig!

Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“, 21.–23.5., Berlin.

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