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Für Ideen streiten

Lebensqualität fällt nicht vom Himmel. Man kann etwas dafür tun. Vier Beispiele.

Engagiert als Bürger

Ruhe ist schön, macht aber viel Arbeit – der Schutz vor Lärm will immer auch erkämpft sein. Besonders plastisch wird das an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main. Seit dort im Herbst 2011 eine neue Landebahn in Betrieb genommen wurde, reißen die Proteste nicht mehr ab. Menschen, die in den Einflugschneisen leben, fühlen sich nicht nur massiv gestört und belästigt, sondern sagen auch: Der Lärm macht uns krank. Selbst das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das im April 2012 ein absolutes Nachtflugverbot zwischen 23 Uhr nachts und 5 Uhr morgens für Europas drittgrößten Flughafen erließ, kann die Anwohner nicht beruhigen. Die Bürgerproteste am Frankfurter Flughafen sind nur ein Beleg dafür, dass Menschen für ihre Lebensqualität streiten. Schon die Demonstrationen Tausender „Wutbürger“ gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs („Stuttgart 21“) ließen dies medienträchtig erkennen. „Die Proteste gegen den Fluglärm in Frankfurt und gegen ‚Stuttgart 21‘ machen deutlich, dass die Menschen stärker mitbestimmen wollen“, sagt die Rechtsanwältin Joy Hensel. Lärmminderung als ein Hauptmotiv für den Wunsch nach mehr Lebensqualität und direkter Demokratie? „Abstrakte Planungsprozesse werden für die Menschen erst durch den Lärm oftmals ganz konkret“, sagt Joy Hensel. In der lärmbelasteten Stadt Hattersheim am Main unweit des Frankfurter Flughafens ist Hensel seit 2001 als deutschlandweit erste Ruhebeauftragte tätig. Sie vermittelt bei so unterschiedlichen Dingen wie Ruhestörung durch private Renovierungsarbeiten oder Lärmbelästigung durch Gewerbebetriebe. Und sie möchte grundsätzlich sensibilisieren, ob es nun um die nächtliche Party oder um die Expansion eines Großflughafens geht. „Bei meiner Arbeit geht es weniger um das reine Vermeiden von Lärm, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein für die Qualität von Ruhe zu schaffen.“

Motiviert als Väter

Lars Gerold ist bereit, neue Wege zu gehen. Für seinen Job in der internationalen Zusammenarbeit ist das essenziell: Gerold hat unter anderem Erfahrungen im Hochschulaufbau in Afghanistan und im Irak gesammelt. Als Referatsleiter in einer Wissenschaftsorganisation in Bonn hat er sich vor Kurzem auf ganz anderes Neuland begeben. Während zwei „Vätermonaten“ klinkte er sich auf der Arbeit aus und kümmerte sich intensiv um seine Töchter Carla (7 Jahre alt) und Martha (6 Monate). „Das war eine schöne Zeit“, sagt er über die Elternzeit, die 2010/2011 jeder vierte Vater in Deutschland nahm. Gerne hätte Gerold noch mehr Vätermonate genommen, „aber das war finanziell nicht darstellbar“. Gerolds Frau promoviert derzeit; auf sein volles Gehalt kann die Familie auf Dauer nicht verzichten.

„Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu erleichtern“ – das ist laut dem „Familienmonitor 2011“ des Instituts für Demoskopie Allensbach die zentrale familienpolitische Forderung von Eltern in Deutschland, deren Kinder jünger als 18 Jahre sind. Dass Väter in ihrem Job kürzertreten, fördert das 2007 eingeführte Elterngeld für die „Vätermonate“. 78 Prozent der Deutschen halten das Elterngeld laut Familienmonitor für eine gute Lösung; 67 Prozent sind der Meinung, dass sich Väter „heute ganz allgemein mehr an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder als vor fünf bis zehn Jahren“ beteiligen. Und viele Männer ziehen wie Lars Gerold einen ganz persönlichen Gewinn aus ihrer Rolle als „neue Väter“. Doch Gerold sagt auch: „Wer sich für Kinder entscheidet, hat in Deutschland oft mit einem unzureichenden Angebot an Betreuungsplätzen zu kämpfen.“

Nicht zuletzt in Bonn-Dottendorf, wo die Familie Gerold lebt. Der kinderreiche Stadtteil an der Rheinaue wirkt mit seinen vielen Grünflächen ein wenig wie ein Idyll; die Suche nach Betreuungsplätzen lässt die meisten Eltern jedoch nicht zur Ruhe kommen. An der Montessorischule, die auch Carla Gerold besucht, hat sich vor einigen Jahren ein Trägerverein gegründet, um den Übergang von der Betreuung in Hortgruppen zur offenen Ganztagsschule zu gestalten. Lars Gerold engagiert sich im ehrenamtlichen Vorstand des Vereins, der ausschließlich aus Eltern der Schulkinder besteht. Über die Sommerferien konnte der Verein zuletzt 100 neue Übermittagsbetreuungsplätze organisieren. „Man muss sich solche Strukturen oft selbst schaffen“, sagt Gerold. Er hofft auf ein Umdenken in der Gesellschaft und konkretes Handeln der Politik. „Wir brauchen nicht nur viel mehr Betreuungsplätze, sondern eine Betreuung, die dem Wohl der Kinder gerecht wird.“

Aktiv als Senioren

„Wir müssen aktiv bleiben, selber etwas tun.“ Für Henning Scherf steht das außer Frage. Und der langjährige Bremer Bürgermeister (1995–2005) lebt überzeugend vor, was er propagiert: als passionierter Radfahrer, als Buchautor, als Kommunarde in der Alten-WG und als stimmgewaltiger Präsident des Deutschen Chorverbandes. Scherf zählt zu den prominentesten Unterstützern des Bundesverbandes „Initiative 50Plus“, der sich „allen Themen einer älter werdenden Gesellschaft“ stellen will, auch der Frage, wie ältere Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt bleiben.

Der demografische Wandel in Deutschland macht die wachsende Zahl der „neuen Alten“ zu entscheidenden Zukunftsakteuren. Schon im Jahr 2020 werden 30 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Weil viele der sogenannten „Best Ager“ noch körperlich und geistig fit sind, sehen sie sich auch nicht als „altes Eisen“, sondern wollen weiter aktiv mitmischen. Laut einer Umfrage des Forsa-In­stituts hätte sich mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Ruheständler 
in Deutschland vorstellen können, länger zu arbeiten. „Intelligente Übergänge zwischen Berufstätigkeit und Rentnerdasein erleichtern den Menschen 50Plus das Leben“, weiß Henning Scherf. Doch selbst im Ruhestand entdecken die „neuen Alten“ mittlerweile neue Wege zu gesteigerter Lebensqualität. Etwa in Wohngemeinschaften, bislang eine Domäne der unter 30-Jährigen. So beobachtet der Altersforscher Roland Rupprecht von der Universität Erlangen-Nürnberg interessiert, „dass Ältere aktiv mit dem Thema Wohnen im Alter 
umgehen, Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenwohnen beliebt sind“.

Auch beim zunehmenden zivilgesellschaftlichen Engagement älterer Menschen spielen soziale Kontakte eine Rolle. Eine 2011 veröffentlichte Untersuchung des Bundesfamilienministeriums beispielsweise sieht in den heute 65- bis 74-Jährigen „eine Gruppe, die in ihrer körperlichen und geistigen Fitness deutlich bessergestellt ist als die gleiche Altersgruppe vor 25 Jahren. Einen hohen Anteil ihrer durch den Austritt aus dem Erwerbsleben gewonnenen freien Zeit investieren sie in Engagement.“ Henning Scherf, der selbst in Bremen in einer WG wohnt, prophezeit: „Wir sind wirklich die klassische ehrenamtliche Basis dieser Gesellschaft. Mit uns kann man eine Zivilgesellschaft entwickeln, die sich viele erträumen.“

Orientiert als „Generation Y“

Wenn Elisabeth Hahnke über Lebensqualität redet, dann spricht sie viel von anderen Menschen. Von den Mitarbeitern ihres Bildungsunternehmens „Rock your Life!“, die sie mit „flachen Hierarchien“ führen will. Von den sozial benachteiligten Schülern, denen „Rock your Life!“ in mittlerweile 800 „Coaching-Beziehungen“ Mentoren für den Weg ins Berufsleben zur Seite stellt. Oder von ihrer vierjährigen Tochter, die Elisabeth Hahnkes Lebensentwurf entscheidend mitprägt. „Ich habe mich gefragt: Was will ich ihr vorleben? Dass sie um 7 Uhr wach sein muss, weil ich keine Zeit für sie habe und sie zur Betreuung abgeben muss?“ Elisabeth Hahnke wollte möglichst frei über ihre Zeit und die Zeit ihrer Tochter verfügen. Durch die Unternehmensgründung gemeinsam mit zwei Kommilitonen hat sie diese Chance. Ein Promotionsangebot eines großen Unternehmens, verbunden mit hervorragenden Karriereperspektiven, lehnte die 28-Jährige noch vor ihrem Masterabschluss an der Zeppelin Universität Friedrichshafen ab.

Karriere nicht um jeden Preis. Und Geld ist nicht alles. Das scheint das Neue, das zeitgeistige Elixier der „Generation Y“ genannten Geburtsjahrgänge zwischen 1980 und 1995. Dass sich Lebensstil und Werteorientierungen wandeln, stellen auch die Personalchefs der großen Unternehmen fest. „Dieser Generation sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie flexibles Arbeiten wichtiger als Aufstiegsmöglichkeiten“, berichtet beispielsweise Christoph Kübel, Personalgeschäftsführer bei Bosch. Und Thomas Sigi, Personalvorstand bei Audi, betont: „Die Jungen sind sehr pragmatisch und kooperativ. Sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in einer Community, nicht bei den Autoritäten.“ Selbst Chef sein möchten viele aus der „Generation Y“ nicht. Und wenn doch, dann wollen sie „anders führen“. „Ich möchte meine Mitarbeiter über ihre Stärken führen, nicht über Rollen, die sie in einem hierarchischen System spielen müssen“, sagt Elisabeth Hahnke. „Wenn jemand seine Stärken in der Kalkulation hat, bin ich dankbar, das abgeben zu können.“ Flache Hierarchien können Zeit kosten. Doch sie sagt: „Lebensqualität heißt für mich nicht, dass mir alles leichtfällt. Rückschläge und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gehören zu einer tatsächlichen Lebenszufriedenheit dazu.“

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