Gesellschaft_Elysee2012_engagiert

Video

Offen und engagiert

Das wahre Herzstück der deutsch-französischen Beziehungen ist die Begegnung zwischen den Menschen.
von Nina Drewes und Sandra Kössler

Verstehen sich Angela Merkel und François Hollande, küssen sie sich zur Begrüßung auf die Wange? Sind sie sich einig über die nächsten europapolitischen Schritte? Gerne wird an diesen Fragen gemessen, wie es um die deutsch-französischen Beziehungen steht. Doch diese Beziehungen tragen mit Recht ihren Plural, denn sie lassen sich eben nicht auf das Verhältnis zweier Politiker reduzieren, sondern basieren auf den unzähligen Verbindungen, die die Akteure der Zivilgesellschaften seit Jahren und Jahrzehnten miteinander geknüpft haben und weiterhin knüpfen.

So entstanden an vielen Orten in Deutschland und Frankreich Deutsch-Französische Gesellschaften (DFGs): Mehr als 250 sind in den Dachverbänden VDFG (Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa) und FAFA (Fédération des associations franco-allemandes pour l’Europe) vereint. Die Gesellschaften organisieren kulturelle Veranstaltungen, Kochabende, Diavorträge oder Ausstellungen, versuchen, die französische Kultur und Sprache in ihren Städten lebendig zu halten. Doch viele Deutsch-Französische Gesellschaften haben heute mit einer Überalterung der Mitglieder zu kämpfen. „Manche unserer Gesellschaften haben große Nachwuchssorgen“, sagt Gereon Fritz, Präsident der VDFG. Vielen Jüngeren scheint das Motiv der deutsch-französischen Aussöhnung nicht mehr zeitgemäß. Eine Herausforderung. Die DFGs versuchen bereits, Jugendliche unter anderem durch „Ensemble ailleurs“ zu locken, Projekte, bei denen Deutsche und Franzosen gemeinsam zum Beispiel eine Schule in Burkina Faso sanieren.

Ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen sind deutsch-französischen Städtepartnerschaften. Das ostfranzösische Montbéliard und das baden-württembergische Ludwigsburg waren 1950 die Ersten, die einen deutsch-französischen Städtepartnerschaftsvertrag unterschrieben. In-zwischen gibt es mehr als 2200 Partnerschaften, um die sich sogenannte „comités de jumelage“, Partnerschaftsvereine oder -komitees, kümmern. Ziel ist, dass das Komitee die Fäden in der Hand hält, Anstöße gibt, bei Sport- und Musikvereinen nachhakt, Austausche anregt und konkrete Hilfestellung bietet.

Die Vereine werden meist von den Städten finanziell gefördert – der Betrag ist jedoch je nach Stadt sehr unterschiedlich. Nicht nur aus diesem Grund sind die Partnerschaften mal äußerst aktiv, mal mehr oder weniger eingeschlafen. „Häufig gilt: Je größer die Stadt, desto weniger spürbar ist die Städtepartnerschaft“, so Gereon Fritz. Es sind also gerade die kleinen und mittleren Städte, in denen oft beeindruckende Programme auch öffentlich wahrgenommen werden. Fritz nennt hier exemplarisch Paderborn und Le Mans, zwischen denen fast 40 Vereine intensiven Austausch pflegen, sowie seine Heimatstadt Brilon, die mit Hesdin in Nordfrankreich neben Schülerbegegnungen unter anderem Kunstausstellungen und Bürgerfahrten organisiert.

Intensive Zusammenarbeit in den Grenzregionen

Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit in den Grenzregionen, in denen die deutsch-französische Freundschaft schon lange zum Alltag gehört, aber erst seit einigen Jahren institutionellen Charakter gewinnt. So wurde im Dezember 2010 die Trinationale Metropolregion Oberrhein gegründet, die sich aus dem Elsass, der nordwestlichen Schweiz, der Südpfalz und Baden zusammensetzt und insgesamt sechs Millionen Einwohner umfasst. Schon seit 1992 wurden hier rund 350 Projekte von grenzüberschreitenden Radwegen, internationalen Studiengängen, Forschungsvorhaben, Brücken und Zugverbindungen bis hin zu Umweltprojekten mit Mitteln der Europäischen Union realisiert. Auch in der Großregion SaarLorLux und in den Eurodistrikten (etwa Saar-Moselle und Strasbourg-Ortenau), zu deren Gründung Paris und Berlin anlässlich des 40. Jahrestags des Élysée-Vertrags im Jahr 2003 aufriefen, werden laufend neue Synergien angestrebt.

Neben diesen lokal verankerten Initiativen engagieren sich eine Vielzahl von Stiftungen und Vereinigungen für die deutsch-französischen Beziehungen. Der Ideenwettbewerb „On y va – auf geht’s“, 2007 ins Leben gerufen von der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg, hat sich explizit die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements vorgenommen. Dabei werden je 15 deutsch-französische Projekte ein Jahr lang unterstützt und anschließend drei davon mit einem Preis ausgezeichnet. „Wenn man Menschen zusammenbringt, wirkt das in jedem Einzelnen auf längere Zeit“ – davon ist Irene Pfefferle von der Robert Bosch Stiftung überzeugt. Dabei können die Projekte von einer Samba-Vorführung von Jugendlichen bis zu einem solidarischen Mützenstrickprojekt von Seniorinnen reichen – Hauptsache, es werden binationale Begegnungen gefördert und Berührungsängste abgebaut.

Junge engagierte Europäer

Jenseits der anerkannten Großprojekte tragen tagtäglich viele kleine Initiativen dazu bei, das Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen in Deutschland und Frankreich zu verstärken. Sie werden von einzelnen und oft jungen Engagierten getragen, die im deutsch-französischen Kontext aufgewachsen sind, ihr Leben zwischen beiden Ländern verbringen und ein persönliches Interesse hegen, die Kulturen miteinander in Verbindung zu bringen. So ist das auch bei dem Rapper-Duo „Zweierpasch“ (Double deux), bestehend aus den Freiburger Zwillingsbrüdern Till und Felix Neumann, die den zweisprachigen Song „Grenzgänger“ schrieben. „Wir überqueren die Grenze, wir denken in beiden Sprachen. Der Text erzählt unsere Geschichte und wie wir das ‚Deutsch-Französische‘ leben“, sagte Till Neumann kürzlich im Interview mit ParisBerlin. „Der Song ist ein Plädoyer zur Offenheit.“

Ein anderes Beispiel: Im Europäischen Parlament in Brüssel riefen Mitarbeiter von Abgeordneten vor etwa einem Jahr eine deutsch-französische Gruppe der parlamentarischen Assistenten ins Leben. Sie treffen sich regelmäßig zu deutsch-französischen Fußballspielen, einem gemeinsamen Besuch des Weihnachtsmarktes in Aachen oder einem Crêpes-Abend, um die Kultur des anderen zu entdecken.

Die Idee stammt von Gaëtan Claeys. Er erklärt: „Seit dem Élysée-Vertrag gibt es deutsch-französische Treffen und Austausch in zahlreichen Bereichen. Erstaunlicherweise gab es im Europäischen Parlament, dem Herzen der europäischen Demokratie, keinerlei regelmäßige deutsch-französische Treffen – obwohl mehrere parlamentarische Assistenten in ihrer Jugend oder in ihrer Studienzeit deutsch-französische Erfahrungen gesammelt haben.“

Ob auf großer oder kleiner Ebene, es sind also oft persönliche Begegnungen, die dazu führen, dass sich einzelne Menschen für das Nachbarland interessieren. Initiiert durch Städtepartnerschaften, Vereine, Stiftungen oder andere Organisationen, weitergetragen durch die Mitglieder und engagierte Einzelpersonen. VDFG-Präsident Gereon Fritz bewertet deshalb die Rolle der zivilgesellschaftlichen Initiativen als essenziell: „Wir sind nur ein kleines Rad im großen Gefüge, aber ohne das Rädchen steht die Maschine still.“

von Nina Drewes und Sandra Kössler

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden.