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Für die ­Sache der Frauen

Das Women20-Treffen in Berlin setzte klare Zeichen für eine Stärkung der Frauen in der Wirtschaft, für mehr Teilhabe und Gleichberechtigung.
von Friederike Bauer

Sucharita Eashwar ist zufrieden. „Wir haben mehr erreicht, als ich dachte“, sagt die Inderin spürbar stolz nach zwei Tagen intensiver Arbeit auf dem W20-Treffen in Berlin. „W“ steht für Women – Frauen – und 20 für die wirtschaftlich bedeutendsten Staaten der Welt. Auch Ana Fontes aus Brasilien zeigt sich begeistert. „Ich habe oft an meine beiden Töchter zu Hause gewhatsapped und ihnen von diesem großartigen Event berichtet.“ Beiden Unternehmerinnen liegt das Fortkommen von Frauen sehr am Herzen. Und beide haben das Gefühl, das Rad der Geschichte ein kleines bisschen weitergedreht zu haben bei diesem Treffen Ende April 2017.

Engagement und lebhafte Diskussionen

Die W20-Konferenz mit knapp 100 Frauen aus vielen Ländern und allen Teilen der Gesellschaft ist eins der Dialogforen im Vorfeld des G20-Gipfels Anfang Juli in Hamburg. Für Sucharita Eashwar und Ana Fontes war das Treffen etwas ganz Besonderes. Das hatte mit der guten Organisation des Deutschen Frauenrats und des Verbands deutscher Unternehmerinnen zu tun und mit dem durchdachten Design der Konferenz. Die Hauptrolle aber spielten die engagierten Teilnehmerinnen – zu denen viele prominente Frauen gehörten. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienminis­terin Manuela Schwesig kamen Königin Máxima der Niederlande, die Chefin des Internationalen Währungsfonds Christine La­garde, Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland und aus den USA Ivanka Trump, „First Daughter“ und Beraterin im Weißen Haus.

Bei einem „High Level Panel“ zogen die berühmten Ladys die Teilnehmerinnen in ihren Bann und die Weltpresse in den Saal. Es gebe – trotz aller Fortschritte – auch im 21. Jahrhundert immer noch viel zu tun für die Sache der Frauen. Da waren sie sich einig: Angesichts von körperlicher Gewalt, rechtlichen Nachteilen und nach wie vor zu wenig Teilhabe am wirtschaftlichen und politischen Leben in den meisten Ländern dieser Welt. Eines der größten Hindernisse für Frauen? Zugang zu Krediten. Als Kanzlerin Merkel ankündigte, im Rahmen von G20 einen milliardenschweren Fonds für Unternehmerinnen in ärmeren Ländern auflegen zu wollen, sicherte sie sich damit breite Unterstützung auf dem Panel – und das Wohlwollen des Publikums.

Glamour und harte Arbeit

Für gute Stimmung sorgte die Bitte der Moderatorin, sich per Handzeichen zum Feminismus zu bekennen. Manche (Lagarde, Freeland) kamen der Aufforderung eifriger nach als andere (Merkel, Máxima). Salomonisch definierte Königin Máxima daraufhin den Begriff Feministin als „jemand, der für gleiche Rechte und Wahlfreiheiten für Frauen eintritt“ – und stellte damit Einvernehmen im Saal her. „Dann bin ich auch Feministin“, sagte Merkel heiter und stellvertretend für alle, die mit dem Begriff fremdeln. Als sich die VIP-Runde nach eineinhalb Stunden auflöste, hatte sie das Treffen auf ihre Weise geadelt.

„Das war unglaublich“, sagte Ana Fontes später. „Die Anwesenheit der Kanzlerin empfand ich als sehr wichtig“, meinte auch Sucharita Eashwar. Neben dem glamourösen Promiauftritt hatten die Teilnehmerinnen allerdings einige Arbeit zu erledigen. Schließlich waren sie deshalb zum W20-Treffen gekommen. Die Konferenz gehört zu sieben Dialogforen zu verschiedenen Themen, die im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland zur Vorbereitung des G20-Gipfels stattfinden. Sie sollen der Zivilgesellschaft die Möglichkeit bieten, ihre Anliegen in den G20-Prozess einzuspeisen und das Treffen so zu einem Erfolg mit spürbarem Ergebnis führen. Dass sich hier Frauen einbringen, ist recht neu. Nach den von der Türkei und China organisierten W20-Treffen war die Konferenz in Berlin erst die dritte. Die G20 gibt es aber schon seit 1999. Zu deren ausdrücklichen Zielen zählt es, wirtschaftliche und finanzielle Sicherheit zu schaffen oder zu bewahren.

Fortschritte und viel Nachholbedarf

Obwohl sie mehr als 50 Prozent der Menschheit ausmachen, konnten Frauen die Abschlussdokumente der mächtigen Staatenlenker bis vor drei Jahren kaum beeinflussen. Zumal sie selten zu den Regierenden gehören: Um die 20 Frauen führen heute weltweit eine Regierung an. Zwar steigt ihre Zahl, auf den internationalen „Familienbildern“ bilden sie allerdings immer noch eine Minderheit. Viele der G20-Staaten hatten sogar noch nie eine Frau an ihrer Spitze. Für Frauenthemen war deshalb jahrelang im Kreis der G20 nie so richtig Platz. Dabei steht außer Zweifel, dass Frauen für das Fortkommen der Weltwirtschaft ein entscheidender Faktor sind. McKinsey hat ausgerechnet, mit ihrer Integration in das Arbeitsleben könnte das globale Wirtschaftswachstum bis 2025 um satte elf Prozent pro Jahr steigen. Würde die sogenannte „Geschlechterlücke“ ganz geschlossen, wäre sogar eine Steigerung um 26 Prozent denkbar. „Frauen beflügeln die Wirtschaft, deshalb darf man sie nicht ausschließen“, sagt die australische Wissenschaftlerin und W20-Teilnehmerin Susan Harris, die zu Genderfragen forscht.

Dennoch sieht die Realität anders aus. In mehr als 150 Staaten herrscht nicht einmal auf dem Papier Gleichberechtigung, existiert mindestens ein diskriminierendes Gesetz – auch diese Zahl wurde in Berlin vorgestellt. Ganz zu schweigen von der alltäglichen Ausgrenzung, der sich Millionen Frauen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sehen. Selbst in Australien gebe es laut Susan Harris Nachholbedarf: Im Parlament sitzen erst 20 Prozent Frauen.

Ana Fontes berichtet Ähnliches aus Brasilien. Die Wirtschaft dort sei „a man’s world“, sagt die frühere Managerin in der Automobilwirtschaft. Deshalb entschied sie sich für die Selbstständigkeit und eröffnete ihre erste kleine Firma. „Aber ich machte viele Fehler und hatte niemanden, bei dem ich Rat suchen konnte.“ 2010 gründete sie „Rede Mulher Empreendedora“ in São Paulo, das erste und größte Netzwerk für selbstständige Frauen in Brasilien mit 300 000 Mitgliedern. Sucharita Eashwar hat eine ähnliche Initiative in Bengaluru angestoßen: „Catalyst for Women Entrepreneurs“. Auch die Inderin will Unternehmerinnen unterstützen. Kredite zu bekommen sei das größte Problem für Frauen, sagt sie. Ana María Sánchez, Präsidentin des ältesten Unternehmerinnenverbandes in Mexiko, stimmt zu: „Frauen brauchen Zugang zu Finanzierungen – und mehr Wissen über die Finanzmärkte.“

Weil zusammen mit Ana Fontes, Susan Harris, Sucharita Eashwar und Ana María Sánchez auch die anderen rund 100 Teilnehmerinnen hier besonderen Bedarf sahen, floss der Punkt prominent in das Abschlussdokument der Konferenz ein. Die Frauen fordern darin „vollen Zugang auf gleichberechtigter Basis zu produktiven und finanziellen Ressourcen für Frauen“. Und: Gleichberechtigung bei Eigentumsrechten, vor dem Gesetz, auf dem Arbeitsmarkt, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und gleiche Bildungschancen, besonders mit Blick auf die Digitalisierung, sowie Schutz vor Gewalt. Das knackig formulierte Dokument entstand in monatelanger Arbeit im Vorfeld, vielfach durch elektronischen Austausch. In Berlin erhielt es den letzten Feinschliff und ein abschließendes billigendes Votum, bevor es am zweiten Tag Kanzlerin Merkel übergeben wurde. In der Hoffnung, dass sich möglichst viel davon im G20-Abschlussdokument wiederfindet.

„Die Chancen dafür stehen besser denn je“, findet Susan Harris. Die Fakten sprächen ja ohnehin für sich; durch die berühmten Befürworterinnen in Berlin habe das Ganze vielleicht eine neue Dynamik erhalten. Sucharita Eashwar hofft ebenfalls, dass die Prominenz dem Treffen neben höherer Sichtbarkeit auch eine neue Wirksamkeit verliehen hat. „Ich wünsche mir ein starkes G20-Dokument im Sinne der Frauen.“ Etwas unverblümter fasst Mona Küppers vom Deutschen Frauenrat als eine der Organisatorinnen die Ziele der W20-Konferenz zusammen: „Geschlechtergerechtigkeit muss ins Zentrum von G20 rücken“, sagt sie, „wir wollen vom Katzen- an den Verhandlungstisch.“ Wenn das gelänge, wäre das Rad der Geschichte mehr als ein kleines bisschen weitergedreht. //

von Friederike Bauer

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