E5-Regio1_Obama

„Wir werden uns auch weiterhin eng abstimmen“

Harald Leibrecht über Amerika nach der Präsidentschaftswahl und die Perspektiven gemeinsamer Politik.

Herr Leibrecht, US-Präsident Barack Obama wurde mit einem letztlich klaren Ergebnis wiedergewählt. Was bedeutet diese Wahl für die Perspektiven der deutsch-amerikanischen Partnerschaft?

Die USA bleiben der wichtigste Partner Deutschlands außerhalb Europas. Wir haben in den letzten vier Jahren mit der amerikanischen Regierung unter Obama sehr gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet und werden uns auch weiterhin eng abstimmen. Nur gemeinsam – und im engen Dialog mit den neuen Gestaltungsmächten in Asien, Afrika und Lateinamerika – können wir die internationalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern. Es gibt auch Bereiche, wo wir noch Chancen für eine intensivere Zusammenarbeit sehen, so zum Beispiel beim transatlantischen Handel, bei der Abrüstung oder in der Klimapolitik.

Präsident Obama ist in Deutschland außergewöhnlich populär; aktuelle Umfragen ergeben bis zu 92 Prozent Zustimmung für ihn. Wie erklären Sie sich diese Popularität?

Obama hat die Deutschen von Anfang an fasziniert. Die Menschen verbinden mit ihm einen neuen Anfang und die Hoffnung auf Wandel, in Amerika und darüber hinaus. Zum anderen wirken natürlich auch Obamas multikultureller Lebenslauf und seine Ausstrahlung: jung, dynamisch und charismatisch. Vielen Deutschen sind auch die politischen Vorstellungen der Demokraten näher.

Zu Beginn seiner ersten Amtszeit bezeichnete sich Präsident Obama als „erster pazifischer Präsident“ der USA. Zahlreiche politische Beobachterbefürchten jetzt, dass ihm Asien näher als Deutschland, näher als Europa ist. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Zukunft der transatlantischen Zusammenarbeit?

Die Orientierung der USA nach Asien ist nicht neu, die USA waren immer schon auch eine pazifische Macht. Die Neugewichtung Asiens in der amerikanischen Außenpolitik stellt für mich daher keine Konkurrenz, sondern eine wichtige Ergänzung der transatlantischen Beziehungen dar. Auch wir haben uns in den letzten Jahren nach Asien orientiert. Es gibt viele gute Gründe dafür, dass wir mit den USA dort eng kooperieren.

Welche konkreten gemeinsamen Aufgaben erwarten Sie für die transatlantische Zusammenarbeit in den kommenden Jahren? Wo sehen Sie kritische Punkte, wo besondere Chancen?

Auf beiden Seiten des Atlantiks steht zunächst einmal die Lösung der Staatsschuldenkrise im Mittelpunkt. Die USA sehen Deutschland hier in Europa in einer Führungsrolle und zeigen Anerkennung für das Engagement der Bundesregierung im Umgang mit der Krise und für unsere Forderung nach Strukturreformen. Die USA müssen nun ihrerseits dringend das Problem ihres eigenen großen Haushaltsdefizits angehen. Ich freue mich, dass nach den amerikanischen Wahlen hier jetzt ein Neuanfang möglich ist.

International wird die transatlantische Agenda auch weiterhin von den großen außen- und sicherheitspolitischen Krisen bestimmt werden. Wir müssen alles daran setzen, das Blutvergießen in Syrien zu beenden, eine weitere Eskalation der Gewalt im Nahen Osten zu verhindern, eine diplomatische Lösung für den Konflikt um das iranische Atomprogramm zu finden, die Stabilisierung Afghanistans nach 2014 sicherzustellen und die Reformprozesse in der arabischen Welt mit langem Atem zu unterstützen. Gleichzeitig gehören auch die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, die Energie- und Cybersicherheit sowie der Kampf gegen den Klimawandel auf die transatlantische Agenda.

Wichtig ist mir, dass wir uns darüber hinaus noch aktiver um die transatlantische Partnerschaft bemühen und die Verbindungen zwischen den Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks verstärken. Das heißt auch, auf die demografischen Veränderungen zu reagieren. Heutzutage haben viele junge Amerikaner keinen persönlichen Bezug zu Deutschland. Dem können wir zum Beispiel mit einer verstärkten Förderung der deutschen Sprache in den USA entgegen wirken.

Wie auch Außenminister Westerwelle haben Sie sich unlängst für eine transatlantische Freihandelszone stark gemacht. Warum ist Ihnen dieser Punkt wichtig?

Europa und Amerika müssen in einem immer härteren globalen wirtschaftlichen Wettbewerb bestehen. Gleichzeitig brauchen wir mehr Wachstum, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, unsere Haushalte zu sanieren und Zukunftsinvestitionen möglich zu machen. Eine umfassende transatlantische Freihandelszone dient all diesem. Durch den Abbau von Handelsbarrieren würde sich der Handel vereinfachen und eine große Wachstumsdynamik erzeugt werden. Europa und die USA gemeinsam vereinen ungefähr die Hälfte des Welthandels und der wirtschaftlichen Gesamtleistung auf sich. Eine umfassende Freihandelszone würde uns erlauben, weitere Potenziale hier zu heben und mehr Wohlstand auf beiden Seiten des Atlantiks und gerade auch bei uns zu schaffen.

Seit bald anderthalb Jahren bekleiden Sie das Amt des Koordinators für die transatlantische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt. Was war für Sie in dieser Zeit prägend?

Der direkte Dialog zwischen Deutschen und Amerikanern ist mir einfach ein Herzensanliegen. Ich reise deshalb viel in alle Teile der USA, auch jenseits der großen Zentren und gehe besonders gern an die Universitäten. Bei den Studentinnen und Studenten stoße ich auf ganz viel Interesse und regelrechte Begeisterung. Da merke ich dann, wie viel Faszination Europa und die USA nach wie vor aufeinander ausüben und wie groß das Zukunftspotenzial hier ist. Genauso wichtig ist mir das Gespräch über Amerika in Deutschland jenseits von Berlin. Dafür sind zum Beispiel die Deutsch-Amerikanischen Institute ganz wichtige Schnittstellen.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Sie besitzen sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsangehörigkeit, sind in den USA geboren und haben dort auch studiert. Was bedeutet Ihnen Amerika?

Ich bin in den USA geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Ein Teil meiner Familie lebt dort und ich bin mit der amerikanischen Mentalität gut vertraut. Daher ist es mir auch ein ganz persönliches Anliegen, dass sich Amerikaner und Deutsche nicht voneinander entfernen. Kulturell und gesellschaftlich stehen wir uns mit den USA viel näher als mit vielen anderen Teilen der Welt. Für diese Nähe, für diese Verbindung von Amerikanern und Deutschen werde ich mich weiter mit aller Kraft einsetzen. ▪

Interview: Johannes Göbel

Harald Leibrecht bekleidet seit dem 6. Juli 2011 das Amt des Koordinators für die transatlantische Zusammenarbeit. Die Position wurde bereits 1981 im Auswärtigen Amt für die Zusammenarbeit mit den USA und Kanada, Deutschlands engsten Verbündeten außerhalb Europas, geschaffen. Der offizielle Titel lautet „Koordinator für die transatlantische zwischengesellschaftliche, kultur- und informationspolitische Zusammenarbeit“ – und spiegelt damit die vielfältigen Aufgaben des Amtes. Anlässlich der Ernennung Leibrechts hob Außenminister Westerwelle hervor, dass der Bundestagsabgeordnete aufgrund seines Werdegangs in besonderer Weise das enge und einzigartige deutsch-amerikanische Verhältnis verkörpere. Leibrecht wurde 1961 in Evanston/Chicago geboren und hat unter anderem in Florida studiert.

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden.