Titel-Miegel_3-12

Wohlstand ohne Wachstum?

Das herrschende Wohlstands- und Wachstumsmodell ist an sein Ende gekommen. Zeit zum Umdenken.
von Meinhard Miegel

Beim derzeitigen Wissens- und Könnensstand der Menschheit führen Wirtschaftswachstum und materielle Wohlstandsmehrung dazu, dass immer mehr Länder die Tragfähigkeitsgrenze der Erde durchbrechen und dadurch die Grundlagen ihres bisherigen Erfolges zerstören. Von den 158 datenmäßig erfassten Ländern haben etwa 250 Jahre nach Anbruch der Moderne und dem Beginn der Industrialisierung erst 43 einen Entwicklungsstand erreicht, der hinsichtlich der Lebenserwartung und des Bildungsstands der Bevölkerung sowie der pro Kopf erwirtschafteten Gütermenge den heutigen Vorstellungen und Erwartungen von Westeuropäern, Nordamerikanern oder Japanern entspricht.

Doch diese Länder verbrauchen Regenerierbares schneller, als die Erde es zu regenerieren vermag, erzeugen mehr Schadstoffe, als von Luft, Wasser und Böden abgebaut werden können. Diesen Reichen stehen jene gegenüber, welche die Erde nicht überfordern, dafür aber materiell arm sind. Ihnen können derzeit 57 Länder zugerechnet werden. Insgesamt leben in diesen Ländern mit rund 2,7 Milliarden Menschen knapp zwei Fünftel der Weltbevölkerung. Die Kehrseite für ihren zumeist nicht freiwillig schonlichen Umgang mit Umwelt und Ressourcen ist neben einem niedrigen materiellen Lebens­standard eine im weltweiten Vergleich geringe Lebenserwartung und Bildung. Zu einer dritten Gruppe gehören gegenwärtig 58 Länder mit einer Gesamtbevölkerung von rund 2,5 Milliarden Menschen. Kennzeichnend für diese Gruppe ist, dass sie zwar mehrheitlich noch weit von der Wohlhabenheit der Arrivierten entfernt ist, aber dennoch schon jetzt die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zum Teil erheblich überschreitet und mit jedem weiteren Schritt in Richtung Wohlhabenheit weiter hinter sich lässt.

Das Dilemma ist manifest. Da die Menschheit – mit den Völkern der früh industrialisierten Länder an der Spitze – bislang nicht die Art des Wirtschaftens gefunden hat, die nicht die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört, steht sie an einer Wegscheide. Entweder sie geht in der bisherigen Richtung weiter und steht über kurz oder lang am Abgrund, oder sie lernt so zu leben, wie es ihrem jeweiligen Wissens- und Könnensstand entspricht. Welche Alternative sie wählen wird, ist unmöglich vorherzusagen. In den entwickelten Ländern haben viele keine andere Art zu leben gelernt, weshalb sie um beinahe jeden Preis an ihr festhalten. Und in den sich entwickelnden Ländern hat die große Mehrheit den unbändigen und auch verständlichen Wunsch, in nicht zu ferner Zukunft den materiellen Lebensstandard der Spitzengruppe zu teilen. Vor allem das Denken und Handeln der Politik ist weitgehend noch immer geprägt von traditionellen Wachstumsvorstellungen. Viele Völker meinen, Wachstum zu brauchen wie die Luft zum Atmen. Aber sie können es nicht erzeugen und noch nicht einmal aufrechterhalten. Was sind die Gründe für diese Schwäche? Wieso lässt der ständig geschlagene Funke die Feuer nicht lodern? Warum beschäftigen sich so wenige mit der Frage, was denn da wachsen soll und wie?

Das Wachstum stößt an Grenzen und bewegt sich auch dann nicht mehr, wenn ständig mit der Peitsche geknallt wird. Das macht die Herausforderungen sowohl einfacher als auch schwieriger. Es macht sie einfacher, weil deutlicher wird, dass das geringe Wirtschaftswachstum beziehungsweise seine hohe Abhängigkeit von immer neuen Konjunkturspritzen nicht Ausdruck einer Krise ist, die sich mit diesen oder jenen Maßnahmen überwinden ließe, sondern Ausdruck einer grundlegend veränderten Wirklichkeit. An die Stelle vorrangig quantitativer Veränderungen treten vermehrt qualitative. Das aber macht die Herausforderungen schwieriger. Denn die Völker der früh industrialisierten Länder sind auf diesen Umschlag vom Quantitativen zum Qualitativen nicht eingestellt. Sie sind bisher nur darin geübt, unter Bedingungen beispielloser Wachstumsraten Verteilungskonflikte zu entschärfen, Beschäftigung zu sichern oder zu investieren. Doch jetzt müssen die Weichen neu gestellt werden: noch ein Weilchen weitermachen wie bisher und dann gegebenenfalls der steile Absturz oder vorausschauende Anpassung der materiellen Lebensbedingungen an den jeweiligen Wissens-, Könnens- und Erkenntnisstand.

Einig ist man sich, dass das menschliche Wissen und Können erheblich verbessert werden muss, soll der materielle Lebensstandard nicht drastisch sinken. Aber welches Wissen und Können gefördert werden soll und wie dies geschehen kann, ist umstritten. Diejenigen, die vorrangig technischen Fortschritt als Allheilmittel ansehen, setzen auf technisches Wissen und Können. Für die anderen ist jedoch gerade diese Verengung eine wesentliche Ursache für die entstandenen Probleme. Sie fordern deshalb die Entfaltung aller menschlichen Fakultäten und Facetten, namentlich auch der musischen, sozialen und emotionalen. Für sie bilden diese die eigentliche Grundlage von Kreativität, ohne die auch der technische Bereich nicht florieren kann. Für diese Sichtweise spricht, dass alle Völker, deren wirtschaftlich expansive Phase endet, ihre mentalen Kräfte wecken müssen, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Denn diese haben nur vordergründig materielle Dimensionen. Im Kern geht es um Mentalitäten.

Konkret: Bei dem hohen materiellen Wohlstandsniveau, das die früh industrialisierten Länder erreicht haben, muss auch dann keiner hungern und frieren, wenn dieses Niveau sinkt. Wirtschaftete beispielsweise Deutschland heute innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde, stünden pro Kopf der Bevölkerung etwa 40 Prozent der derzeitigen Güter- und Dienstemenge zur Verfügung. Der großen Mehrheit ist das ein Horrorszenario. Und es stimmt ja: Ein erstrebenswertes Ziel ist dies nicht, weshalb auch alle Anstrengungen unternommen werden sollen, durch mehr Wissen und Können den Wohlstand zu steigern. Nur, als Anfang der 1960er-Jahre just jene 40 Prozent erwirtschaftet wurden, galt Deutschland als Wirtschaftswunderland.

Seitdem haben sich lediglich die Einstellungen der Menschen verändert. Was eben noch genügte, genügt nicht länger. Dabei ist die große Mehrheit einem echten Bedürfniskonsum längst entwachsen. Immer größere Teile ihres Verbrauchs dienen der Befriedigung unhinterfragter Gewohnheiten und persönlicher Eitelkeiten. Dafür wird die Erde ausgeplündert und die Gefahr eines Kollapses heraufbeschworen. Wirklichen Verzicht braucht auf absehbare Zeit kaum einer zu üben, vor allem, wenn der materielle Wohlstand künftig gleichmäßiger verteilt wird als bisher. Für die meisten geht es lediglich darum, Ballast abzuwerfen. Von dem allerdings gibt es reichlich.

Ein einziges Beispiel mag genügen: die Ernährung. Dass die Erzeugung und der Verbrauch von Nahrungsmitteln Ressourcen und Umwelt beanspruchen, ist zum größten Teil unvermeidlich. Vermeidlich ist hingegen, dass die privaten Haushalte in Europa ein Viertel der gekauften Ware in Mülleimer werfen und viele Menschen weit mehr essen, als ihnen guttut. Eine bewusstere Ernährung würde ihr Wohlbefinden nachhaltig steigern. Sie würden auf nichts verzichten, und zugleich täten sie sich, ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt viel Gutes. Entsprechendes gilt für die meisten anderen Lebensbereiche.

Bleibt die Frage, ob unter solchen Bedingungen der Mäßigung, der von fast allen gewollte gesellschaftliche, wirtschaftliche, technische und kulturelle Fortschritt möglich bleibt. Auch hierauf ist die Antwort einfach: Er bleibt nicht nur, sondern er wird überhaupt erst möglich. Denn der Fortschritt der zurückliegenden 250 Jahre hat zwar den materiellen Wohlstand von Milliarden gemehrt. Zugleich hat er sie jedoch – und hier schließt sich der Kreis – aus den Tragfähigkeitsgrenzen der Erde katapultiert. Mit diesem Fortschritt wurden vor allem Pyrrhussiege errungen. Der Fortschritt der Zukunft muss darauf gerichtet sein, das materielle und immaterielle Wohl der Menschen innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zu schaffen und zu sichern. Von diesem Ziel sind wir heute weit entfernt. Das aber heißt: Der Fortschritt der Zukunft muss ein anderer sein als der bisherige. Bedingungen der Mäßigung dürften diesen Kurswechsel erleichtern.

PROF. DR. MEINHARD MIEGEL

ist Vorstandsvorsitzender von „Denkwerk Zukunft, Stiftung kulturelle Erneuerung“. In seinem Buch „Exit“ fordert er einen Abschied vom Wachstumsparadigma. Miegel ist Mitglied der Enquete-kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“.

von Meinhard Miegel

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