Lehren der „Dust Bowl“

Deutsche und russische Forscher entwickeln in Sibirien Ideen für neue Landnutzung.

Norbert Hoelzel

Vernichtete Ernten, erodierte Böden, massive Landflucht – das waren die Ausmaße der „Dust Bowl“, die in den 1930er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den Großen Ebenen der USA und Kanada ganze Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar machte. Schuld an der Naturkatastrophe waren die Farmer, die schon Ende des 19. Jahrhunderts ohne Rücksicht auf die Natur das Präriegras gerodet hatten, um Weizen anzubauen und Rinder weiden zu lassen. Als dann eine verheerende Trockenperiode die Region heimsuchte und der sandige Boden nicht mehr durch die natürliche Grasvegetation gehalten werden konnte, nahm das Unheil seinen Lauf: Verheerende Sandstürme überzogen große Gebiete und ruinierten Land und Menschen.

Ähnliche Naturkatastrophen wollen Forscher in einem deutsch-russischen Forschungsprojekt im Südwesten Sibiriens verhindern. Denn einige Parallelen sind offensichtlich: In der Steppe Kulunda wandelten Landwirte zwischen 1954 und 1963 rund 420000 Quadratkilometer Steppe in Ackerland um, eine Fläche etwas größer als Deutschland. Die Folgen sind gravierend: Um bis zu 60 Prozent nahm der Humusgehalt in den oberen Bodenschichten ab. Die Böden speichern weniger Wasser und werden so anfälliger für Trockenheit und Erosion. Seit Beginn der Landnahme sanken die Erträge um 30 bis 40 Prozent.

Russlands Kornkammer in Gefahr

Für ein Umdenken setzen sich nun die Experten ein: „Wir wollen ökologische und ökonomische Strategien zur nachhaltigen Landnutzung in den russischen Steppen entwickeln und damit einen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel leisten“, sagt Manfred Frühauf. Der Geoökologe der Universität Halle koordiniert das binationale Vorhaben, für das das Bundesforschungsministerium bis 2016 3,2 Millionen Euro gibt. Mehr als zehn deutsche Forschungseinrichtungen und zahlreiche Partner aus Russland beteiligen sich an dem Projekt.

Wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll, dafür wollen die Forscher in den kommenden Jahren Nutzungsformen erarbeiten und erproben. Ein Beispiel ist das so genannte Direktsaat-Verfahren, bei dem Landwirte die Saat ohne vorige Bearbeitung des Bodens ausbringen. Neue Methoden sind notwendig, weil die Böden künftig so mehr Kohlenstoff aufnehmen und speichern können. „Das wäre ein wichtiger Beitrag für die Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen“, sagt Frühauf.

Für Russland ist der Erfolg dieses Projekts von Bedeutung, weil die Kulunda-Steppe als Kornkammer Russlands eine eminent wichtige Rolle in der Getreideversorgung des Landes spielt. Zudem versprechen sich die russischen Wissenschaftler einen Schub für die Forschung: „Gelingt dieses deutsch-russische Vorhaben, können wir auch auf weitere Forschungsprojekte mit internationalen Partnern nicht nur aus Europa oder Nordamerika, sondern auch aus Nachbarländern wie China oder Kasachstan hoffen“, sagt Wladimir Belajew, Leiter des Lehrstuhls für Landtechnik der Agraruniversität Barnaul.

Das Kulunda-Projekt ist Teil der Fördermaßnahme „Nachhaltiges Landmanagement“, mit dem rund um den Globus internationale Forscherteams unter deutscher Beteiligung Wechselwirkungen zwischen Landmanagement, Klimawandel und Ökosystem-Dienstleistungen untersuchen. Rund 100 Millionen Euro gibt das Bundesforschungsministerium dafür in den nächsten Jahren insgesamt aus.

3,8 Millionen Euro davon fließen in ein zweites deutsch-russisches Forschungsvorhaben. Auch in der russischen Provinz Tjumen in Sibirien steht eine nicht dem Lebensraum angepasste Nutzung im Mittelpunkt. In dem Forschungsprojekt SASCHA beschäftigen sich deutsche und russische Wissenschaftler seit 2011 damit, wie sie die Freisetzung von Treibhausgasen im westsibirischen Getreidegürtel reduzieren können. Das könnte eine der negativen Auswirkungen sein, sollten sich wegen der Klimaerwärmung und der weltweit steigenden Nachfrage nach Getreide die landwirtschaftlichen Nutzflächen weiter Richtung Norden ausbreiten. Dort aber liegen riesige Moorflächen – und die sind wichtig, weil sie Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen.

„Eine Umwandlung der Moore in Ackerflächen würde den Treibhauseffekt massiv verstärken und die Erderwärmung forcieren“, sagt Norbert Hölzel, der das interdisziplinäre Verbundvorhaben federführend von der Universität Münster aus koordiniert. Auch die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, die Fruchtbarkeit der Böden sowie Lebensräume für gefährdete Tier- und Pflanzenarten seien in der Region durch die Expansion in Gefahr.

Während deutsche Forscher neue Erkenntnisse in für sie unbekannten Ökosystemen sammeln können, sieht die russische Seite in dem gemeinsamen Vorhaben neue Chancen der internationalen Zusammenarbeit: „Unsere Wissenschaftler können so stärker als bisher zu europäischen und internationalen Konferenzen reisen und in englischsprachigen Fachzeitschriften veröffentlichen“, sagt der Rektor der Universität Tjumen Gennadij Tschebotarew.

Wichtig ist das Projekt SASCHA aber auch als Kontaktbörse: „Das Projekt bietet wertvolle Möglichkeiten, Methoden in der Klimaforschung und in der nachhaltigen Landnutzung auszutauschen“, lobt Agrarwissenschaftler Andrei Soromotin von Universität Tjumen. Die Kontakte zwischen ost- und westeuropäischen Forschern seien in Zeiten des Eisernen Vorhangs schwer zu pflegen gewesen. Zugute kommt das Vorhaben zudem dem wissenschaftlichen Nachwuchs: Russische Jungforscher können nach Deutschland reisen und dort wissenschaftliche Erfahrungen sammeln.