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Sie kommen, um zu bleiben

Bislang studierten die meisten Chinesen in Deutschland, um in China Karriere zu machen. Durch die Blue Card scheint sich der Trend zu drehen.

22.01.2014
© Jonas Ratermann - Chinesen in Deutschland

Dan Zheng weiß, was sie will. Sie hat ihr Leben in der 8-Millionen-Industriemetropole Zhengzhou gegen das eher beschauliche Leben in Weinheim eingetauscht hat. „Ich fühle mich sehr wohl hier und kann mir gut vorstellen, langfristig zu bleiben“, sagt die 28-Jährige in perfektem Deutsch. Zheng arbeitet seit zwei Jahren als Analystin in der Abteilung Strategische Planung und Business Development des Weinheimer Unternehmens Freudenberg, das unter anderem Dichtungen, Filter, Vliesstoffe sowie medizintechnische Produkte entwickelt und produziert. Zheng unterstützt bei Firmenzukäufen und Marktanalysen – manchmal führen sie Projekte auch in ihre alte Heimat. Doch Freudenberg bleibt sie treu: „Die Firma hat viel in mich investiert, also möchte ich auch zu ihrem Erfolg beitragen“, sagt Zheng. Dass sie in Weinheim landen würde, war nicht geplant. Zunächst führte sie ein Austauschprogramm der Universität Shanghai an die Hochschule Osnabrück, wo sie blieb, um Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt International Business und Management zu studieren. Ihr Freund riet ihr, sich nach danach bei Freudenberg zu bewerben.

So wie Zheng entscheiden sich zunehmend junge Akademiker aus China, die hier zunächst in Hörsäle hineinschnuppern und nach dem Studium bleiben. Das ist neu. Üblich war bisher eher, in Deutschland zu studieren, um dann daheim in China eine Karriere zu starten. Gerade in technischen Berufen ist der neue Trend zu beobachten. Angesichts des Fachkräftemangels ist das auch für deutsche Unternehmen keine schlechte Wahl.

Mitunter starten Expats nach dem Studium gleich selbst eine Firma. So wie Xiaozhuo Wang der mit einem deutschen Partner Brilliance Fab Berlin gegründet hat. Die Firma wird bald innovative Lasermodule für große Displays aber auch die Medizintechnik fertigen – vor allem für den chinesischen Markt. Wang wird dies nicht etwa in China tun, sondern im Technologiepark Berlin-Adlershof. Er ist gerade dabei, im Zentrum für Mikrosysteme und Materialien die Produktion aufzubauen. Die Technologie ist innovativ und stammt aus dem Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik in Berlin (FBH), an dem Wang über Halbleiterlaser promoviert hat. Die Firma ist eine Ausgründung aus dem FBH und einem chinesischen Elektronikhersteller, der über zwei Millionen Euro investiert. Weiterhin wird die Ausgründung vom Bundeswirtschaftsministerium und der EU unterstützt. Dass es Wang zum Unternehmensgründer bringen würde, hätte er wohl selbst nicht gedacht. Vor 13 Jahren kam er als Anglistik-Student nach Bochum, lernte deutsch und fühlte sich mit seinen neu erworbenen Sprachkenntnissen fit für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik. Wang dachte sich: „Wenn man schon mal in einem Hightechland ist, dann muss man das auch ausnutzen.“ Er blieb, um am FBH zu promovieren.

Seinem Beispiel können durch die Blue Card immer mehr Landsleute folgen. Das tun sie auch. Seit dem 1. August 2012 haben nach Angaben des Nürnberger Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rund 9000 Akademiker aus Ländern jenseits der Europäischen Union eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Form der neuen blaue Karte erhalten. Genutzt haben die vereinfachte Genehmigung vor allem Chinesen. Mit der Neuregelung wurde die Mindesteinkommensschwelle für Akademiker aus Nicht-EU-Staaten abgesenkt: Bisher hatten sie einen Arbeitsvertrag mit einem Jahreseinkommen von mindestens 66.000 Euro nachweisen müssen, um ohne gesonderte Bedarfsprüfung eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Jetzt müssen es nur noch 48.000 Euro sein. Für Akademiker mit Abschlüssen in Mangelberufen sind die Grenzen noch lockerer. Dazu zählen Ingenieure, Softwarespezialisten und Ärzte. Sie erhalten die Blue Card, wenn sie mindestens 36.192 Euro Jahresgehalt vorweisen können. Diese neue Regelung macht den Weg nach Deutschland für Chinesen deutlich einfacher als etwa in die USA – und sie erleichtert das Bleiben. „Wir merken, dass sich immer mehr findige chinesische Studenten bewerben, die entweder nach ihrem Studium in Deutschland bleiben wollen oder die sogar erstmals herkommen, um hier zu arbeiten“, sagt Stefan Klemm, Organisator einer Jobmesse familiengeführter Mittelständler.

„Ein beliebtes Studienfach bei meinen Landsleuten ist Ingenieurwesen. Viele wollen hier in der Auto- oder Chemiebranche arbeiten“, bestätigt Yijiao Qian. Sie schlug einen anderen Weg ein, studierte am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft und jobbte nebenher für ein Technologieunternehmen als Dolmetscherin. „Ich habe mich für ein Master-Studium in Deutschland entschieden, weil ich während meines Austauschs von der deutschen Hochschulkultur und auch von der Atomsphäre begeistert war“, erklärt die 22-Jährige. Weniger begeistert war sie allerdings von den Formalitäten, die rund um ihre Aufenthaltserlaubnis zu erledigen waren. Das bestätigt auch Freudenberg-Analystin Zheng. „Das könnte man verbessern“, sagt Qian. Getrübt hat das ihre Freude am Leben in Deutschland nicht. Was sie besonders schätzt: „Die Lebensqualität hier, der blaue Himmel über einer Millionenstadt wie Berlin und die schönen Radwege im Wald.“ ▪

Chris Löwer