Mehr als Hunger, Elend, Krieg

Das erste German-African Symposium on Creative Economy & Cultural Entrepreneurship lenkt den Blick auf die begabten Filmemacher und Künstler Afrikas.

Christoph Kuchinke - German-African Symposium

Eine junge Frau erwacht ohne Erinnerungen oder Wissen darüber, wer sie ist und warum sie dort ist, in einem dörren Feld irgendwo in Kenia. Bald findet sie eine Gruppe von Fremden in einem nahe gelegenen Resort, die ihr die Wahrheit sagen: Sie ist tot und im Jenseits, irgendwo zwischen Himmel oder Hölle – wo jeder von seinen eigenen Gespenstern verfolgt wird und darauf wartet, weiterzugehen.

Das ist die bis zum letzten Augenblick spannende und in poetischen Bildern erzählte Geschichte, die der Film „Kati Kati“ erzählt. Der Debüt-Film des kenianischen Filmemachers Mbithi Masya ist die fünfte und jüngste Produktion der Firma One Fine Day Films, die der deutsche Produzent und Regisseur Tom Tykwer mitgegründet hat.

Eine deutsch-afrikanische Koproduktion also, die schneller als von allen Beteiligten erwartet ihren Weg in die Welt fand: In Kenia selbst wird „Kati Kati“ zwar erst im Januar 2017 anlaufen. Beim Toronto International Film Festival aber wurde er bereits im September 2016 aufgeführt und feierte nun im Berliner Babylon Kino Premiere – umrahmt von dem ersten „German-African Symposium on Creative Economy & Cultural Entrepreneurship“.

Wie lassen sich Kunst und Wirtschaft vereinen, wie können der Kulturaustausch mit Deutschland und die Förderung für Künstlern in Afrika aussehen, lautete die Leitfrage des Abends. Denn vielen Künstlern auf dem afrikanischen Kontinent mangelt es an öffentlicher Förderung ihrer Ideen. „Die größte Schranke für Künstler in Kenia ist fehlende Unterstützung, es gibt keinerlei Förderung für Filmemacher“, erläutert Masya. Viele engagierte Künstler gäben irgendwann auf, wenn das mit Kunst verdiente Geld zum Leben nicht mehr ausreicht.

Eine neue Sicht auf Afrika

Es war die finanzielle und handwerkliche Hilfe von One Fine Day, die Masya seinen ersten Langfilm ermöglichte. Seit der 30-jährige Künstler aus Nairobi im Jahr 2010 einen von der Produktionsfirma organisierten zweiwöchigen Filmworkshop mit einer Regie-Mentorin aus Deutschland besuchte, bestand Kontakt zu der deutschen Produktionsfirma. Für die deutsche Sicht auf Afrika sind Filme wie „Kati Kati“ ein Lichtblick. Im Alltag gehe es in Afrika, sagt Tom Tykwer, mitnichten um das, was in Deutschland immer noch meist mit dem Kontinent in Verbindung gebracht wird. Afrika ist nicht nur Hunger, Elend und Krieg, sondern auch kreativer Geist und künstlerisches Schaffen.

Der Verein hinter Tykwers Firma wurde im Jahr 2008 Tom Tykwers Ehefrau Marie Steinmann-Tykwer in den Slums von Nairobi begründet. Seit 2007 vermittelt er Lehrer, die mehrmals in der Woche Kinder in den dortigen Armenvierteln in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen unterrichten. Die Filmworkshops gibt es seit 2008. Gefördert wird das von vielen Seiten in Deutschland, unter anderem von der Deutsche Welle Akademie und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Brückenbau zwischen den Kulturen

„Die Rolle der Politik ist es, Förderung bereitzustellen und Kunst dadurch fern von politischem Einfluss zu halten“, fasste Andreas Görgen, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, die Wichtigkeit solcher Förderung zusammen. „Das Ziel einer solchen Förderung, das manche als Markbildung bezeichnen, kann man auch einfach Brückenbau zwischen den Kulturen nennen.“

Es zähle also beides, so das einstimmige Ergebnis des Symposiums: Mehr Austausch zum wachsenden Verständnis für die Kulturen des anderen Kontinents, aber auch das Ziel, Kunst als Wirtschaftszweig eine Chance zu geben.

„Der Kreis von Medienmachern in Kenia und Ostafrika wächst“, sagt Tykwer. Aber es brauche eben Mittel, damit die Kunst auch eine Chance habe. Darum die Workshops, darum die Produktionsunterstützung für begabte Filmemacher aus Afrika. Sie haben unter anderem zu der Produktion von „Nairobi Half Life“ geführt – inzwischen einer der erfolgreichsten kenianischen Filme überhaupt.

Und auch „Kati Kati“ scheint auf dem besten Weg zu einem internationalen Erfolg. „Es ist großartig, dass meine Arbeit reist und gesehen wird“, sagt Masya an diesem Abend im prallgefüllten Kino Babylon.

Optimistisch ist auch Philipp Hoffmann von der Filmvertriebsfirma Rushlake Media, die sich auf die Distribution von Filmen auf dem afrikanischen Markt spezialisiert hat und von Anfang an mit One Fine Day zusammengearbeitete. „Der afrikanische Markt entwickelt sich gut, vor allem in Kenia, Südafrika und Nigeria“, sagt er. Obwohl oft „Universen“ zwischen Europa und Afrika lägen, sei der weltweite Vertrieb afrikanischer Filme eine vielversprechende Nische.

https://twitter.com/BABYLON_Berlin/status/801764760257724416

https://vimeo.com/190215933