Endlich verbunden
Als deutscher Windstrom ungeplant über Polen floss, fanden beide Länder gemeinsam eine Lösung. Energieexpertin Joanna Pandera erklärt, warum die Zusammenarbeit für die Energiewende immer wichtiger wird.
Als Deutschland in den 2010er-Jahren die Windenergie im Norden schneller ausbaute als seine Stromnetze, konnte ein Teil des Windstroms nicht direkt zu den Verbrauchszentren im Süden transportiert werden. Da Deutschland Teil des europäischen Stromverbunds ist, verteilte sich der Strom stattdessen nach den physikalischen Gesetzen des Netzes teilweise über Polen, bevor er wieder nach Deutschland zurückfloss. Das belastete die polnischen Stromnetze und verursachte zusätzliche Kosten. Was zunächst zum Problem wurde, entwickelte sich später zu einem Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit: Beide Länder fanden gemeinsam eine Lösung.
Frau Pandera, warum werden deutsch-polnische Energiepartnerschaften immer wichtiger?
Unsere Energiesysteme sind zwar noch national organisiert, aber die Herausforderungen sind längst global. Europa verfügt nur über begrenzte fossile Energieressourcen und ist auf externe Lieferanten angewiesen. Gleichzeitig nehmen große Energielieferanten einzelne Länder wie Polen oder Deutschland kaum ernst. Wenn wir dagegen enger zusammenarbeiten, sehe ich großes Potenzial für mehr Energiesicherheit bei geringeren Kosten.
Welche Herausforderungen teilen Deutschland und Polen bei der Energiewende?
Beide Länder nehmen schrittweise Kohle aus ihren Energiesystemen. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich auch mit einem schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien nicht ohne Weiteres schließen lässt. Denn die Versorgung muss auch dann gesichert sein, wenn wenig Wind weht und die Sonne kaum scheint – gerade im Winter. Derzeit überbrücken Deutschland und Polen einen Teil dieser Lücke mit Gas. Offen ist jedoch, wie viel Gas künftig benötigt wird und woher es kommen soll. Diese Herausforderungen lassen sich nicht mehr allein national lösen. Wir müssen unsere Energiesysteme gemeinsam stabil halten und zugleich so effizient organisieren, dass die Kosten für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zu stark steigen.
Stromnetze
Deutschland und Polen sind Teil des europäischen Verbundnetzes. Bislang verbinden zwei Stromleitungen beide Länder. Ein weiterer Ausbau soll die Versorgungssicherheit erhöhen und erneuerbare Energien besser integrieren.
Offshore-Wind
Die Ostsee entwickelt sich zu einer Schlüsselregion der Energiewende. Deutschland und Polen bauen dort Offshore-Windparks aus. Zudem gibt es Ideen für gemeinsame Windenergieprojekte und einen stärkeren Ausbau der grenzüberschreitenden Stromnetze.
Fernwärme
Mit den Projekten UNITED HEAT (Görlitz/Zgorzelec) und TWIN HEAT (Frankfurt (Oder)/Słubice) entstehen grenzüberschreitende Wärmenetze. Für UNITED HEAT stellt die Bundesregierung 81,6 Millionen Euro bereit. Bis 2030 soll die Wärmeversorgung in Görlitz und Zgorzelec vollständig dekarbonisiert werden.
Grüner Strom
Das Projekt DEPloy in Guben/Gubin sieht den Ausbau von bis zu 180 Megawatt Wind- und Solarenergie vor. Der grenzüberschreitend erzeugte Strom soll Industrie und Fernwärme auf beiden Seiten der Grenze versorgen.
Wo liegt das größte Potenzial für eine engere Zusammenarbeit?
Das größte Potenzial sehe ich im grenzüberschreitenden Ausbau der Stromnetze und in einer gemeinsamen strategischen Energiereserve der Ostseeanrainerstaaten. Die Ostsee eignet sich hervorragend für Offshore-Windparks, außerdem spielt sie eine wichtige Rolle für Energieimporte. Erste Ideen für gemeinsame Projekte – etwa einen deutsch-polnischen Offshore-Windpark – gibt es bereits. Damit die Energiewende gelingt, müssen wir unsere Netze jedoch stärker miteinander verbinden. Zwischen Polen und Schweden bestehen bereits leistungsfähige Stromverbindungen, Deutschland und Polen verbinden bislang dagegen nur zwei Stromleitungen.
Warum müssen Deutschland und Polen ihre Stromnetze enger aufeinander abstimmen?
Das hat sich bereits in den 2010er-Jahren gezeigt. Damals wurde die Windenergie in Norddeutschland schneller ausgebaut, als die Stromnetze erweitert werden konnten. Ein Teil des Stroms floss deshalb als sogenannter „Loop Flow“ über polnische Netze und verursachte dort zusätzliche Kosten. Für mich ist das trotzdem eine Erfolgsgeschichte, weil wir das Problem gemeinsam gelöst haben. Noch besser wäre es allerdings, Stromnetze und Energieinfrastruktur von Anfang an grenzüberschreitend zu planen.
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Einverständniserklärung öffnenWelche Hürden bremsen aktuell noch die Kooperationen?
Es gibt auf beiden Seiten noch Vorbehalte. In Polen besteht manchmal Sorge vor deutscher Stärke, während Deutschland seine eigenen Interessen selbstbewusst vertritt. Entscheidend ist, dass wir unsere gemeinsamen Interessen stärker in den Blick nehmen. Auf technischer Ebene – etwa zwischen den Netzbetreibern – funktioniert die Zusammenarbeit bereits sehr gut. Politische Konflikte, etwa in der Atompolitik, haben das gegenseitige Vertrauen jedoch belastet. Trotzdem sind sich Deutschland und Polen heute näher als früher – wir sollten uns stärker auf unsere Gemeinsamkeiten konzentrieren.
Wie sieht Ihre Vision für die deutsch-polnische Energiepartnerschaft aus?
Wir sollten Energiefragen konsequent europäisch angehen: Infrastruktur gemeinsam planen, Netze gemeinsam nutzen und geschlossen auf dem Weltmarkt auftreten. Das senkt die Kosten für Verbraucher und macht Europa widerstandsfähiger. Ich wünsche mir eine Zusammenarbeit ohne Nationalismus und ohne negative Emotionen. Ich glaube fest daran, dass Deutschland und Polen gemeinsam mehr erreichen können.
Joanna Pandera ist Gründerin und Präsidentin des polnischen Think Tanks Forum Energii. Die promovierte Umweltwissenschaftlerin berät seit vielen Jahren Regierungen und europäische Institutionen zu Energie- und Klimapolitik.