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„Aktuell ist Abschreckung unsere beste Verteidigung“

Hybride Angriffe aus Russland: Sicherheitsexpertin Justyna Gotkowska spricht über die Schlüsselrolle von Deutschland und Polen beim Schutz von Europas Ostflanke. 

Nora Lessing , 18.02.2026
Ein Eurofighter der Bundeswehr bei einem Mitflug zur Stärkung der deutsch-polnischen Luftverteidigungskooperation.
Ein Eurofighter der Bundeswehr bei einem Mitflug zur Stärkung der deutsch-polnischen Luftverteidigungskooperation. © Bundeswehr/Johannes Heyn

Frau Gotkowska, wenn Sie aktuell auf die Sicherheitslage Europas schauen: Was bereitet Ihnen die größte Sorge?

Die größte Sorge zurzeit ist die Intensität der hybriden Angriffe Russlands. Moskau richtet sie seit Jahren gegen Polen, die baltischen und nordischen Staaten sowie Deutschland und hat sie seit Beginn des Ukrainekriegs deutlich ausgeweitet. Russische Dienste verüben Sabotageakte gegen Infrastruktur, es gibt permanente Cyberangriffe, Spionage und gezielte Desinformation. Der Drohnenvorfall im September wurde von einer massiven Desinformationskampagne begleitet. Diese Kombination aus Sabotage, Angriffen im digitalen Raum und psychologischer Destabilisierung erzeugt spürbare Unruhe in der Bevölkerung. 

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es zu einem offenen Konflikt mit Russland kommt? 

Das hängt davon ab, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht. In Deutschland und Polen sind sich Militärs und zunehmend auch Politikerinnen und Politiker einig, dass Russland aggressive Ziele gegenüber Europa verfolgt. Läuft der Krieg für die russische Autokratie positiv, könnte sie sich ermutigt fühlen, gegen NATO und EU vorzugehen. Russland sieht westliche Werte als Gefahr und strebt eine Großmachtstellung an. Meine Sorge ist, dass Moskau die NATO als schwach und uneinig wahrnimmt und daraus den Anreiz für einen Krieg ableitet. Abschreckung ist deshalb derzeit unsere beste Verteidigung. Es braucht politische Einigkeit, militärische Investitionen und gute Koordination, um einen russischen Angriff zu verhindern. 

Was sind die wichtigsten Sicherheitsaufgaben, die Deutschland und Polen in den kommenden Jahren gemeinsam meistern müssen? 

Falls es zu einem Krieg mit Russland kommen sollte, würden NATO-Truppen und ihre Ausrüstung aus dem Westen Europas über Deutschland nach Polen transportiert. Bei Übungen zeigt sich, dass es noch an Koordination mangelt und die Prozesse noch zu lange dauern. Hintergrund ist, dass viele deutsche Bundesländer eigene Vorschriften dazu haben, wann fremde Truppen mit und ohne Munition verlegt werden dürfen. Hier braucht es Verbesserungen. 
Zugleich muss ein Teil der Infrastruktur zwischen Deutschland und Polen ausgebaut werden, damit Straßen, Brücken und insbesondere Bahnverbindungen für militärische Zwecke nutzbar werden. Ein weiteres wichtiges Thema ist das Pipeline-System, das die NATO zur Zeit des Kalten Krieges gebaut hat und mit dessen Hilfe auch heute noch Panzer, Flugzeuge und andere Systeme mit Treibstoff versorgt werden. Diese Pipeline soll von Bayern bis nach Polen verlängert werden. Damit das schnell funktioniert, müssen Deutschland, Tschechien und Polen an einem Strang ziehen. 

In welchen Sicherheitskontexten arbeiten Polen und Deutschland aktuell besonders gut zusammen?  

Hervorheben kann man zum Beispiel die Commander Task Force Baltic, die NATO-Aktivitäten in der Ostsee koordiniert. Aktuell ist sie in Rostock stationiert, ein polnischer Offizier ist Vize-Kommandeur. In ein paar Jahren wird sie nach Polen umziehen und dann von einem Deutschen mitkommandiert werden. 
Auch der Multinational Corps Northeast in Stettin ist ein gutes Beispiel für sehr erfolgreiche Zusammenarbeit. Im Kriegsfall kann dieses Kommando, das von Polen, Deutschland und Dänemark gebildet wird, mehrere Divisionen verantworten und ist zentral für die kollektive Verteidigung. Auch mit Blick auf den Ukrainekrieg arbeiten Deutschland und Polen Hand in Hand. Deutsche Patriot-Batterien schützen den Flughafen bei Rzeszów, über den militärische Lieferungen in die Ukraine transportiert werden. Zudem wird die Ostflanke aktuell unter anderem von vier Eurofighter-Flugzeugen geschützt, die Deutschland nach Polen geschickt hat, nachdem im September 2025 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren. 

Welche Punkte sind aus polnischer Sicht besonders sensibel in der Zusammenarbeit mit Deutschland? 

Deutschland investiert stärker in Verteidigung und hat angekündigt, sicherheitspolitisch mehr Verantwortung in Europa übernehmen zu wollen und in diesem Bereich mit den größten europäischen Streitkräften führen zu wollen. Diese Aussage verunsichert Nachbarländer wie Polen, Frankreich und Großbritannien. Historische Erfahrungen spielen dabei eine Rolle, ebenso die Frage, wie Führung in Europa ausgeübt wird, nachdem die Amerikaner möglicherweise ihre militärische Präsenz auf dem Kontinent verringern. Aus polnischer Sicht braucht es eher einen kollektiven Ansatz mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen.

Was entgegnen Sie Personen, die Ihre Einschätzung zu den russischen Zielen für übertrieben halten

Diesen Menschen würde ich raten, russisches Fernsehen zu schauen. Dort wird offen gesagt, dass Russland den Westen als Feind sieht und sich bereits im Krieg mit uns befindet. Russland wird zunehmend zur Bedrohung, nicht nur für die Ukraine, Polen und das Baltikum, sondern auch für Staaten wie Deutschland. Deshalb müssen wir zusammenhalten. Aktuell ist Abschreckung unsere beste Verteidigung. 

Gibt es auch etwas, das Ihnen derzeit Hoffnung macht?  

Letztlich ist Russland ein schwacher Staat. Wirtschaftlich wird es den Krieg nicht mehr lange tragen können, wenn wir in Europa dagegenhalten. Die Russen finanzieren den Ukrainekrieg größtenteils über Ölexporte, die sie mit Hilfe einer Schattenflotte über die Ostsee transportieren. Implementieren wir die Sanktionen konsequent und stoppen diese Schattenflotte, können wir erheblichen Druck ausüben. Ich wünsche mir eine deutsch-polnische Initiative, die die Öltransporte lahmlegt und so den Druck auf Russland erhöht, den Krieg in der Ukraine zu beenden. 

Zur Person: Justyna Gotkowska

Sicherheitsexpertin Justyna Gotkowska
Sicherheitsexpertin Justyna Gotkowska
© Centre for Eastern Studies

Die Sicherheitsexpertin Justyna Gotkowska ist stellvertretende Direktorin des Zentrums für Oststudien (OSW) in Warschau und leitet die Abteilung für Sicherheit und Verteidigung. Sie forscht unabhängig zur militärischen Zusammenarbeit im Rahmen der NATO und analysiert insbesondere die Verteidigung Deutschlands sowie der nordischen und der baltischen Staaten.