„Diese Dokumente gehören nach Warschau“
73 mittelalterliche Urkunden, 1941 von deutschen Archivaren geraubt, sind nach Polen zurückgekehrt. Archivar Johannes Götz erklärt die historische Bedeutung.
Die historischen Dokumente sind auf Pergament geschrieben, mit Siegeln versehen und mehrere Jahrhunderte alt. Sie sind von unschätzbarem Wert – ihre Bedeutung reicht bis in die Gegenwart. Die Urkunden begründeten Herrschaft, zogen Grenzen und regelten Machtverhältnisse zwischen dem Deutschen Orden, Polen und Litauen. Sie zählen zu den zentralen Rechtsdokumenten der ostmitteleuropäischen Geschichte und wurden im 20. Jahrhundert selbst Teil eines politischen Konflikts. Am 1. Dezember 2025 hat Deutschland sie an Polen zurückgegeben.
Die Übergabe bereitete der Archivar Johannes Götz vom Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz vor.
Herr Götz, Deutschland hat 73 mittelalterliche Urkunden an Polen zurückgegeben. Welche Bedeutung hat dieser Schritt aus Ihrer Sicht?
Das ist eine sehr gute Nachricht, weil Deutschland sich diese Dokumente unrechtmäßig angeeignet hat: Sie gehören nicht nach Berlin, sondern nach Warschau. Deswegen sind wir im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin wirklich sehr froh, dass wir die Urkunden nun zurückgeben konnten. Die polnische Ministerin für Kultur und kulturelles Erbe Marta Cienkowska war federführend für die Restitution und hat den Tag der Übergabe, den 1. Dezember 2025, als historisch bezeichnet. Dem stimme ich voll und ganz zu.
Warum sind diese Dokumente so bedeutsam?
Es handelt sich um zentrale Rechtsdokumente der Ordenszeit in Preußen. Die Verträge zwischen dem Deutscher Orden, dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen regelten Frieden, Grenzen und politische Zuständigkeiten. Der Orden war ein militärisch-religiöser Ritterorden, der seit dem 13. Jahrhundert große Teile des Ostseeraums beherrschte. Da es im Mittelalter keine Verfassungen im heutigen Sinne gab, wurden Herrschaftsrechte durch solche Urkunden legitimiert, verliehen vom Papst oder vom Kaiser.
Warum ist es wichtig, dass die Dokumente nicht länger in Deutschland lagern?
Diese kostbaren Schriftstücke stehen für den historischen Moment, in dem das einstige Preußen polnisch wurde, und besitzen große politische Symbolkraft. Für die Forschung war ihr Verbleib im Geheimen Staatsarchiv kein Problem, da sie hier für jedermann einsehbar waren und regelmäßig von polnischen Besucherinnen und Besuchern genutzt wurden. Zudem sind ihre Inhalte gut erforscht: Alle 73 Dokumente wurden vervielfältigt, editiert und in Buchform veröffentlicht. Politisch jedoch sorgte ihr Verbleib in Berlin immer wieder für Zündstoff. So reagierte die polnische Presse etwa enttäuscht auf den Antrittsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Polen, weil er die Urkunden nicht mitbrachte.
Wie hat man die Übergabe in Polen aufgenommen? Was bedeutet sie für die deutsch-polnischen Beziehungen und die Erinnerungskultur?
Für Polen ist die Restitution ein Großereignis und die Reaktionen waren überschwänglich: Bei der Übergabe zeigte sich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sichtlich berührt und auch die polnische Presse hat überaus positiv reagiert. In Warschau wurden die Dokumente unmittelbar im Königspalast gezeigt, in diesem Jahr soll es eine große Ausstellung geben. Mit Blick auf die Erinnerungskultur ist zu sagen, dass der Deutsche Orden wirklich enorm wichtig ist für die Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen. Vieles, was sich im 19. und 20. Jahrhundert zwischen unseren beiden Ländern ereignet hat, erklärt sich aus dieser Vorgeschichte. Dass die Dokumente nun nach Warschau zurückgekehrt sind, ist ein wichtiges Signal, das sich als Auftakt deuten lässt: Die deutsch-polnischen Kulturgüterverhandlungen laufen schon sehr lange. Nun nehmen sie endlich Fahrt auf.
Zur Person:
Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin ist der Archivar Johannes Götz für Überlieferungen aus den ehemaligen Ostprovinzen zuständig – bis vor Kurzem auch für die 73 historischen Dokumente, die 1941 in Polen entwendet wurden. Götz ist Experte für die Geschichte des Deutschen Ordens und betreute die Restitution.