„Liebe ist die stärkere Währung“

Die Documenta 14 ist die erste, die an zwei Orten läuft – in Kassel und Athen. Drei Stimmen aus der griechischen Hauptstadt.

Documenta Greece Athens Kassel Marina Fokidis
Evangelia Kranioti

„Von Athen lernen“: Das will Adam Szymczyk, Kurator der Documenta 14, mit der ersten Documenta an zwei Orten. Der griechische Teil der Ausstellung endete im Juli. Hat man in Athen das Gefühl, gehört worden zu sein? Eine Festivalmacherin, ein Künstler und ein Mitglied des Documenta-Chors über ihre Eindrücke.

Es lag etwas Magisches in diesen ersten Tagen, in diesem ersten Teilen der Ideen.

Marina Fokidis, kuratorische Beraterin und Leiterin des künstlerischen Büros der Documenta in Athen

Marina Fokidis

„Die Documenta 14 hat in Athen ein Forum geschaffen, auf dem alle örtlichen Kulturinstitutionen zusammen gearbeitet haben. Die Tatsache, dass so etwas in Athen passiert – in einer Stadt, die so losgelöst war wie noch nie in ihrer zeitgenössischen Geschichte – revitalisierte in der Kulturszene viel Hoffnung. Die Zusammenarbeit zwischen Individuen, Institutionen, Schulen, Beratergremien und Staat schuf eine Energie, die sich auf die Besucherinnen und Besucher übertrug.

Einer der aufregendsten Momente war der, als Adam Szymczyk uns seine Idee in einer kleinen Runde eröffnete. Ein anderes unvergessliches Erlebnis: Nach endloser Diskussion und Arbeit konnten wir drei Jahre vor der Eröffnung etwa die Hälfte der teilnehmenden Künstler in Athen begrüßen. In der Hochschule der Bildenden Künste stellten sie ihre Arbeiten vor. Es lag etwas Magisches in diesen ersten Tagen, in diesem ersten Teilen der Ideen. Die Liebe, die Energie, die Hoffnung, die Neugier, das Verlangen – den Schaffensdrang, der in diesem Raum zirkulierte, werde ich nie vergessen. Da gab es ein unausgesprochenes Vertrauen, dass sich alles zusammenfügen würde.

Was ich mir ganz praktisch als Ergebnis der Documenta wünsche, ist die Entstehung von multiplen Netzwerken. Es sind bereits viele Verbindungen zwischen Mitgliedern der Athener Kulturszene und anderen Gruppen weltweit entstanden. Sie werden Bestand haben und für die kulturelle Realität vor Ort extrem hilfreich sein. Liebe, ernst genommen und systematisch kultiviert, ist eine wesentlich stärkere Währung als Euro oder Dollar."


 

Die Documenta hierher zu bringen, ist für mich eine der genialsten Ideen in der Kunstszene.

Andreas Angelidakis, teilnehmender Künstler

Andreas Angelidakis

„Die Documenta teilte die Athener Kunstszene, aber für mich hat das etwas Gutes. Außenseiterszenen tendieren zur Cliquenbildung, und das macht kleingeistig. So gesehen war die Documenta wie ein Hauch von frischer Zerstörung. Ich erinnere mich an die Vernissage einer Ausstellung, die Milovan Farronato kuratiert hat. Wir dachten wirklich, das Gebäude sei gefährdet, weil der Andrang so groß war. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Documenta in Athen ein großer Erfolg war.

Adam Szymczyks Entscheidung, sie hierher zu bringen, ist für mich eine der genialsten Ideen in der Kunstszene der vergangenen zehn Jahre. Wenn man überlegt, wie viel darüber diskutiert wurde und wie viele Menschen darauf reagierten! Wir hatten eine Fülle von Veranstaltungen, und jed6er Kurator, den ich kenne, wollte etwas in Athen machen.

Leider wird Deutschland in Griechenland nach wie vor skeptisch wahrgenommen. Ich sage nicht, dass das richtig ist, doch eine Kunstschau wie die Documenta kann nicht alle Vorurteile ausräumen. Immerhin ziehen wieder mehr Menschen in die Stadt oder kommen nach Athen zurück. Meine Hoffnung ist, dass diese Dynamik der Documenta anhält – wenn auch in einem langsameren Tempo. Es wäre toll, neue Menschen in der Stadt zu sehen. Menschen, die Athen so schätzen, wie es ist.“

 

Ich bin optimistisch, dass die Documenta Werkzeuge bereit gestellt hat, mit denen wir Geschichte neu lernen können.

Mika Hayashi Ebbesen, Mitglied des Chors der Documenta 14

Mika Hayashi Ebbesen

„Ob in Athen oder Kassel, die Documenta ist zu einer beeindruckend komplexen Plattform geworden, auf der sich die Diskussion über die Krise der Demokratie entfalten kann. Etwa, indem sie die Mythen ins Visier nimmt, die an die Entstehung des Nationalstaats und die Verbindung von Kapitalismus und Kolonialpolitik geknüpft sind. Ein echtes Verständnis zwischen Deutschland und Griechenland entsteht nur durch die Bereitschaft des einzelnen Bürgers, sich über mediale Propaganda und nationalistische Diskurse hinwegzusetzen.

Ich bin optimistisch, dass die Documenta die Werkzeuge bereit gestellt hat, mit denen wir Geschichte neu lernen und uns eine alternative Zukunft vorstellen können. Viele Athener Künstlerinnen und Künstler teilten mit mir ihre Freude: über die unerwarteten Begegnungen und die neuen Konstellationen innerhalb der kreativen Szene, die die Documenta gebracht hat.“

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