UNESCO-Weltkulturerbe: Augsburger Wasserwirtschaft hofft auf Titel

Bankiers wie Jakob Fugger haben Augsburg schon im Mittelalter zu einer bedeutenden Stadt gemacht.

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dpa

Es plätschert fast überall in Augsburg. Das kann im Sommer richtig erfrischend sein. In der Altstadt findet der Besucher zahlreiche Brunnen, die ausdrücklich darauf hinweisen, dass das kühle Nass, was da sprudelt, wirklich Trinkwasser ist. Außerdem speisen sich die zahlreichen Kanäle der Altstadt aus dem kalten Flusswasser des Lechs und sorgen für ein angenehmes Klima.

Auch vor dem Augsburger Rathaus, einem prächtigen Renaissance-Palast, bekommt der Besucher einen Eindruck von den Besonderheiten der bayerischen Stadt. Der Augustusbrunnen aus dem 16. Jahrhundert auf dem Rathausplatz verweist auf die Vorgeschichte als römische Siedlung unter Kaiser Augustus. Direkt unter der Figur des Kaisers zeigt der Monumentalbrunnen vier Wassergottheiten. Sie verkörpern die Flüsse Lech, Wertach, Brunnenbach und Singold, die Augsburg geprägt haben.

Wasser als Quelle des Lebens und des Reichtums

Der Wasserreichtum gilt als wesentlicher Grund für den frühen wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Die Augsburger haben schon früh verstanden, sich das Wasser zunutze zu machen. Das galt für die Handwerker, die die Wassermühlen zur Energiegewinnung nutzten, ebenso wie für Trinkwasserversorgung und Lebensmittelverarbeitung. Das erfährt der Besucher zum Beispiel auf der Tour "Rund um die Altstadt", die über neun Stationen der Spur des Wassers folgt.

Der Weg führt auch zur ehemaligen Stadtmetzgerei, nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Die 1609 fertiggestellte, zentrale Schlachterei wurde von Elias Holl, einem berühmten Augsburger Baumeister, so konzipiert, dass ein offener Kanal unter dem Gebäude durchgeleitet wurde, um einerseits das Fleisch zu kühlen und andererseits die Abfälle zu entsorgen.

Wasserwerk am Roten Tor

Augsburg hat eine lange Geschichte rund um das Wasser. Vor allem besitzt die Stadt noch viele Bauwerke, die diese über Jahrhunderte gewachsene Kultur bezeugen. Zentraler Bestandteil dieses Erbes ist das Wasserwerk am Roten Tor, ein Gebäudekomplex aus dem 15. Jahrhundert mit Viadukt, drei Wassertürmen und zwei Brunnenmeisterhäusern. Die Anlage diente fast 500 Jahre lang der Trinkwasserversorgung von Augsburg.

Den Eingang zum Wasserwerk zieren zwei Delfine, die Wasser speien. "Diese Delfine braucht kein Mensch. Aber die Augsburger haben das Thema Wasser auch durch Kunst immer wieder verherrlicht", sagt Martin Kluger, einer der Initiatoren der Augsburger UNESCO-Bewerbung. "Dieses Wasserwerk-Ensemble dürfte europaweit einzigartig sein. Das Besondere ist, dass die Architektur komplett erhalten ist." 

Weil das Zentrum der Stadt aus Angst vor Hochwasser schon von den Römern auf einem Hügel angelegt wurde, musste das Trinkwasser einen Höhenunterschied überwinden. Im Wasserwerk am Roten Tor wurde die Fließgeschwindigkeit des Lechs genutzt, um Trinkwasser aus dem Brunnenbach mittels Schaufeln in die Türme zu bringen. Von dort führten dann Leitungen das Wasser herab in die öffentlichen Brunnen der Stadt.

Ab dem 16. Jahrhundert war es für reiche Augsburger sogar möglich, sich einen Privatanschluss legen zu lassen für den eigenen Brunnen im Hof. "Aber das konnten sich bis zum 19. Jahrhundert nur wenige leisten; das war wirklich Luxus", sagt Martin Kluger. So ein Wasseranschluss war dreimal so teuer wie ein Haus in einem einfachen Augsburger Stadtviertel.

Wasserwirtschaft als Welterbe

Die Technik der Augsburger Wasserversorgung galt damals europaweit als vorbildlich und war schon früh eine Attraktion für Reisende. Der französische Philosoph und Politiker Michel de Montaigne bemerkte 1580 in seinem Reisetagebuch die "wunderbar sinnvolle Einrichtung", dank derer Augsburg "überreich mit öffentlichen Brunnen gesegnet ist."

Mit den zahlreichen erhaltenen Architektur-Zeugnissen einer über 500 Jahre alten Geschichte der Wassernutzung glaubt Augsburg reif zu sein für eine Auszeichnung zum Welterbe der UNESCO. Nur mit einem Denkmal allein hätte man keine Chance, glaubt Martin Kluger. "Aber hier geht es um den Gesamtkomplex, hier gibt es eine Story. Ein halbes Jahrtausend, in dem sie jeden Technologieschritt nachvollziehen können." Außerdem sei der Zugang zu frischem Trinkwasser ein Thema der Menschheit, auch heute noch.

Augsburger Kahnfahrt

Ein abschließendes Beispiel dafür, dass man Wasser in Augsburg auf vielfältige Weise erleben kann, führt zum Äußeren Stadtgraben. Als ehemaliger Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung dient er eigentlich keinem Zweck mehr. Ein stehendes Gewässer, eine Naturidylle, in dem sich Stockenten, Karpfen und Biber wohlfühlen.

Doch im Sommer, nach Feierabend oder an Wochenenden, rudern hier Menschen übers Wasser. Seit 1876 kann man bei der Augsburger Kahnfahrt Ruderboote ausleihen. Bela Balogh, der das Familienunternehmen in der vierten Generation führt, betont, dass bei so einer Kahnfahrt auch Beziehungen gepflegt werden. Sein Urgroßvater habe seine Frau zur Hochzeit auf eine Ruderpartie eingeladen. Auch Bertolt Brecht, der in Augsburg geborene Dichter und Dramatiker, sei schon mit seiner Jugendliebe über den Stadtgraben geschippert.