Das Goethe-Institut auf neuen Wegen

Neue Präsidentin des Goethe-Instituts wird die Mainzer Ethnologin Carola Lentz. Sie folgt auf den kulturpolitischen Dauerläufer Klaus-Dieter Lehmann. Wer ist die Neue?

Das Goethe-Institut auf neuen Wegen
Goethe-Institut/Loredana La Rocca

Carola Lentz übernimmt am Freitag, den 13. November, die ehrenamtliche Präsidentschaft bei Deutschlands kulturellem Aushängeschild, das mit 157 Instituten in 98 Ländern vertreten ist und auch zwölf Standorte in Deutschland hat.

Klaus-Dieter Lehmann hatte den Spitzenposten seit 2008 inne. Seinen Abgang nach zwölf Jahren hätte er sich "deutlich ruhiger" vorgestellt, gab der 80-Jährige kürzlich in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) zu. Nun reicht er den Staffelstab weiter - auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie und bedrängt von einer Welle des in vielen Ländern aufkeimenden Nationalismus.

Wie organisiert man da Sprachvermittlung, wie einen Kulturdialog? Zwar sei sie von Lehmanns Anruf überrascht worden, räumt die Ethnologin, Germanistin, Afrikaforscherin und Agrarwissenschaftlerin Lentz im Gespräch mit der Deutschen Welle ein. Doch freue sie sich nun sehr auf die Aufgabe beim Goethe-Institut. Dessen Verwaltungsrat hat sie für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt.

Der Tragweite des neuen Jobs, den sie in schwierigen Zeiten übernimmt, ist sich Lentz jedenfalls bewusst. Dem vielerorts wachsenden Populismus soll das Goethe-Institut begegnen, "indem es viele Perspektiven zu Gehör bringt", wie sie sagt - mit dem Angebot "freier und geschützter Diskussions- und Informationsräume".

Die neue Chefin versteht sich als Teamplayerin

Die Digitalisierung der Sprachangebote des Goethe-Instituts möchte sie weiter vorantreiben. Deutschland sei heute intensiv verflochten mit der Welt und die Welt sei in der hiesigen Gesellschaft "durchaus präsent", sagt die Professorin aus Mainz, die sich als ausgesprochene Teamplayerin versteht. Deshalb sollte das Goethe-Institut "mit seinen Schätzen von Erfahrungen, Netzwerken, Freundschaften und Einsichten" auch in Deutschland stärker sichtbar werden. So könne es in den gesellschaftlichen Debatten Akzente setzen, etwa zur kolonialen Raubkunst.

Der Kultur ist Lentz seit ihrer Kindheit verbunden. Da lag sie, wie sie im dpa-Gespräch erzählt, unter dem Klavier der probenden Mutter, dort entwickelt sich ihre Liebe zu Bach. "Ich habe eine Leidenschaft für Kultur, durchaus auch im engeren Sinn von Theater, Film, Musik, Literatur", sagt Lentz, die aus Braunschweig stammt. Während der Schulzeit unternimmt sie Gehversuche am Theater, landet für ein Volontariat bei Regisseur und Intendant Peter Zadek in Bochum. Sie studiert Soziologie, Politikwissenschaft, Germanistik, Pädagogik in Göttingen. Sie wurde beinah Lehrerin, kehrt dann aber an die Uni zurück - mit Stationen in Göttingen, Hannover, Berlin und Marseille. Es folgt eine erste Professur in Frankfurt, schließlich 2002 der Wechsel an die Uni Mainz, wo sie sich seit 2019 als Seniorprofessorin ganz auf die Forschung konzentriert.

Als Ethnologin ist Lentz viel in der Welt unterwegs, verbringt Jahre ihres Lebens in Lateinamerika, den USA, Australien und vor allem Afrika. Im Norden Ghanas forscht sie über eine Familie des afrikanischen Volks der Dagaare. "Ich bin quasi adoptiert worden in diese Familie", erzählt Lentz. Beim Skype-Interview sitzt sie vor einer Landschaftsaufnahme aus dem afrikanischen Land. "Was mich als Ethnologin wirklich reizt", so Lentz im DW-Gespräch, "über die Erfahrungen in anderen Gesellschaften und das Kennenlernen anderer Weltsichten auch die eigene Gesellschaft mit fremden Augen zu sehen."

Lehmann hinterlässt gut bestelltes Haus

Perspektivenvielfalt war auch das Credo ihres Vorgängers an der Spitze des Goethe-Instituts. Mit 68 Jahren hatte Klaus-Dieter Lehmann die Goethe-Präsidentschaft 2008 übernommen und damit - nach seiner Präsidentschaft der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - einen weiteren "Traumjob". Unter Lehmann hat das Goethe-Institut, worauf Lentz bauen kann, schon viele Antworten auf die aktuellen Herausforderungen gefunden: Zum einen wurde es sichtlich digitaler, etwa durch Online-Sprachkurse. Digitale Konferenzen und sogar Festivals mit internationaler Experten- und Künstlerbeteiligung nutzt das Team um Generalsekretär Johannes Ebert heute wie selbstverständlich für den Kulturaustausch – wie etwa das Freiraum Festival parallel zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft oder das Latitude-Festival, das erkundete, wie koloniale Strukturen in die Gegenwart wirken und wie sie überwunden werden können.

Mit Charme und Verbindlichkeit hat Lehmann das Goethe-Institut durch raues Fahrwasser- besonders in den Jahren nach der globalen Finanzkrise 2008 - gesteuert. Wenn er die Institutsleitung jetzt an die Mainzer Ethnologin Carola Lentz übergibt, hinterlässt er ein gut bestelltes Haus - auf das große Aufgaben warten.