Hilfe für die Flutopfer statt Autorennen am Nürburgring

Deutschlands älteste Rennstrecke ist seit drei Tagen nicht mehr Schauplatz von Motorsport, sondern Hilfszentrum für die Opfer der Flutkatastrophe. DW-Reporter Oliver Pieper berichtet.

Flutopfer
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Tausende Motorsportfans hatten sich das Wochenende vom 16. bis 18. Juli fett rot im Kalender angestrichen: Für viele sind die Truckracer mit ihren 1200 PS unter der Haube die wahren Könige des Motorsports. Am Nürburgring sollten sich die Ungetüme aus fünf Tonnen Eisen und Stahl um die Europameisterschaft duellieren.

Auch für Ferry das Highlight des Jahres - wie schon die letzten Male war der Niederländer als Sportwart eingeteilt, um am Streckenrand mit der Flagge zu wedeln. Doch dann kam die Flut. Und Ferry musste keine Sekunde nachdenken. Natürlich blieb er, um zu helfen.

"Ich bin Rennsportfan durch und durch, und natürlich hatte ich mir mein Wochenende anders vorgestellt. Aber in solchen Momenten ist alles andere Nebensache, jetzt steht Helfen an erster Stelle."

Am Mittwoch war Ferry die 200 Kilometer aus Hamm angereist, in einem Supermarkt in Ahrweiler stand er an der Kasse, als die Flutkatastrophe langsam ihren Lauf nahm. Ferry schaffte es noch halbwegs trocken zum Campingplatz am Nürburgring, als er um Hilfe gebeten wurde. Jetzt steht er zwischen den vielen Regalen mit Säften, Margarine und Wasser und packt wie Hunderte andere freiwillige Helfer tatkräftig mit an.

"Wenn eine Familie vor Dir steht, Frau nur mit Handtuch, Mann in einem Bademantel und das Kind an der Hand, dann kann man noch so stark sein, dann kommen einem einfach die Tränen", sagt der Niederländer sichtlich gerührt. "Ich habe schon einige Hochwasser in meiner Heimat mitgemacht, aber so etwas habe ich noch nie erlebt."

Hunderte Motorsportfans springen als Helfer ein

Simone Becker steht Ferry in ihrer Begeisterung für den Rennsport in nichts nach, seit 20 Jahren pilgert sie zum Nürburgring. Donnerstagfrüh um 2 Uhr morgens, also mitten in der Nacht, machte sie sich auf zum Hilfszentrum, auch Becker musste nicht lange überlegen.

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"Mein Mann hat gar nicht gefragt, der ist direkt losgefahren, als der erste Hilferuf kam", sagt sie, "wir sind mit dem Nürburgring eng verbunden und jetzt braucht man uns halt anders. Wir sind nun hier für die ganz wichtigen Dinge, die Solidarität ist grenzenlos."

Becker hat eine gelbe Weste übergestreift, sie packt nicht nur mit an, sondern koordiniert auch die Hilfe zwischen den Hunderten blauen Säcken mit trockenen Klamotten und Spielsachen, den Kinderwagen und den Lebensmitteln.

Ihre schwierigste Aufgabe: als Trostspenderin mit den Dutzenden Betroffenen zu sprechen, die auf der anderen Straßenseite im Vier-Sterne-Hotel untergebracht wurden. "Ich spreche mit allen, auch mit den vielen Helfern. Alle müssen hier irgendwie mit ihren Emotionen klar kommen. Und man hat ja keinerlei Erfahrung mit solchen Ereignissen."

Vier Hallen vollgepackt mit Hilfsgütern

Einige Schritte weiter, vor den Kleiderständern für Frauen, Männer und Kinder, steht Alexander Gerhard und blickt ergriffen auf das Meer an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Am Donnerstagnachmittag rief der Pressesprecher des Nürburgrings mit seinem Team die Hilfs- und Sammelstelle ins Leben und kommunizierte dies flugs über die sozialen Medien. 

"Und dann ist in kürzester Zeit aus einer regional gedachten Hilfsaktion für die direkte Umgebung gefühlt die nationale Sammelstelle für Spenden geworden", sagt Gerhard, "wir haben hier vier Hallen voll mit Sachen, Berge und Tonnen von Kleidung."

Aus ganz Deutschland und sogar der Schweiz fahren Menschen zum Nürburgring, um Pakete mit Klamotten zu überreichen. Mittlerweile musste der Nürburgring dazu aufrufen, Spenden besser an andere Sammelstellen zu liefern, nur Trinkwasser und Nahrungsmittel sind noch herzlich willkommen.

Wegen der zentralen Lage haben auch Polizei, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk hier ihre Einsatzleitung aufgebaut. "Was hier gerade passiert, ist außergewöhnlich, vor allem die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Jeder funktioniert hier und gibt, was er kann, das Bestmögliche. Das hier ist gelebte Nächstenliebe", sagt Alexander Gerhard.

Seelsorge für die Betroffenen im Nürburgring-Hotel

Klaus Kohnz predigt genau diese seit 30 Jahren, als Pfarrer in Nürburg und den umliegenden Gemeinden. Jetzt sitzt er in der Lobby des Hotels am Ring und wartet auf seinen nächsten Einsatz als Seelsorger für die Betroffenen der Flutkatastrophe, schon mit einem Dutzend hat Kohnz heute gesprochen.

"Die größte Sorge der Menschen ist die, wo ihre Angehörigen sind. Dann natürlich die Ungewissheit, ob sie jemals wieder in ihrem Haus leben können. Und die Frage, wie es beruflich weitergeht, ganze Existenzen wurden ja vernichtet."

Der Pfarrer kennt sich mit Hochwasserkatastrophen aus, sein eigenes Elternhaus an der Mosel sei schon mehrfach wegen Hochwasser abgesoffen, sagt er, aber nichts sei auch nur annähernd mit dieser Flut vergleichbar. Vor allem ältere Menschen suchen seinen Rat.

"Die sind zum einen natürlich vollkommen überdreht durch die ganzen schrecklichen Erfahrungen und zum anderen jetzt auch körperlich total erschöpft. Viele von ihnen haben auch die Handynummern ihrer Angehörigen verloren, das sind Dinge, die gehen an die Substanz."

Am Abend macht sich Klaus Kohnz auf den Weg in seine Heimatgemeinde zum Gottesdienst, morgen wird er wieder pünktlich in der Früh hier am Nürburgring sein. Selbstverständlich, wie auch alle anderen Helfer. "Die Not geht den Menschen unter die Haut. Und große Katastrophen wie dieses gigantische Hochwasser schmieden die Leute zusammen."