Praemium Imperiale für Anne-Sophie Mutter

Die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter erhält den Preis Praemium Imperiale - und mit ihr vier weitere Künstler.

Anne-Sophie Mutter
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Die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter wurde in der Kategorie Musik mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet. Weitere Preisträger sind der südafrikanische Künstler William Kentridge, die britisch-palästinensische Bildhauerin Mona Hatoum, das Architekten-Duo Tod Williams und Billie Tsien aus den USA und der japanische Kabuki-Schauspieler Bando Tamasaburo.

Ein weiterer Preis für junge Künstler geht an das Musikerziehungsprogramm Démos aus Frankreich. Die Gewinner wurden am Dienstag zeitgleich in Berlin, Paris, Rom, London, New York und Tokio bekannt gegeben.

Lebensleistung, außerordentliches Talent, künstlerische Stärke und internationaler Rang sind Auswahlkriterien des Preises, der im Jahr 1989 vom japanischen Kaiserhaus ins Leben gerufen wurde und jährlich von der Japan Art Association verliehen wird. Jeder Preis wird mit 15 Millionen Yen dotiert (umgerechnet rund 126.200 Euro).

Im Berliner Musikinstrumenten-Museum würdigte Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, die Preisträger: "Die ausgewählten Künstler ermöglichen neue Denk- und Erfahrungsprozesse. Ihr Werk beeindruckt durch feinfühlige Wahrnehmung, und sie sind stark in ihrer Botschaft. Darin sind sie im Einklang mit der Grundidee des Praemium Imperiale, dass Kunst und künstlerisches Schaffen den kulturellen Dialog über Grenzen und Differenzen hinweg beleben. Das ist in einer Zeit besonders wichtig, in der öffentliche Debatten immer kurzatmiger werden und Fake und Fakten kaum noch unterscheidbar sind."

Anne-Sophie Mutter: "Musik ist eine wunderbare Schule"

Die weltberühmte deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter hat in vier Jahrzehnten mit ihren Aufführungen und Aufnahmen Maßstäbe gesetzt - und eine Reihe von Komponisten haben neue Musik für sie geschrieben. Mit der DW sprach sie im vergangenen Jahr im Rahmen der 120-Jahr-Feier der Deutschen Grammophon Gesellschaft.

Deutsche Welle: Heute kann man praktisch jede Musik auf Aufnahmen hören. Wie kommt ein Künstler, eine Künstlerin damit klar? Kann er, kann sie ein bekanntes Werk noch so spielen, als wäre es neu und frisch?

Anne-Sophie Mutter: Historische Aufnahmen sind immer das Fundament, und zwar nicht nur für Musikliebhaber im Auditorium, sondern auch für junge Musiker. Sie sollten schauen, was frühere Generationen mit den Musikwerken gemacht haben und welche geistigen Konzepte sie dafür hatten. Deshalb sind wir sehr bereichert davon, dass Künstler wie Herbert von Karajan so viele Aufnahmen gemacht haben.

Heutzutage erwartet man perfektes Spiel von einem Künstler. Steht das aber nicht vielleicht seiner Kreativität oder Spontanität im Wege?

Künstler haben immer nach Perfektion gestrebt. Selbst einer wie der russische Komponist Sergei Rachmaninow, als er seine eigene Musik spielte.

Wenn es um Geschwindigkeit und Präzision des Spiels geht: Ja, es stimmt, dass die reine Technik der Interpreten heute auf einem höheren Niveau ist als vor 30, 40 Jahren. Aber: Gibt es noch so erstaunliche, schillernde musikalische Persönlichkeiten wie damals die Pianisten Dinu Lipatti und Clara Haskil - oder die Violinisten David Oistrach und Joshua Heifetz? Ich glaube: Nein.

Denn in der ganzen Ästhetik unserer Zeit geht es nur um die Oberfläche. Auch in der Politik. Man fragt: "Wie gefällt mir diese Person, wie sieht sie aus? Ist sie schön? Hat sie Falten im Gesicht?" Das gleiche gilt auch im Kunstbereich.

Man darf sich aber andererseits fragen: Hat der Künstler einen persönlichen Ausdruck? Hat er, hat sie den Mut, eine ganz eigene Sicht des Werks an den Tag zu legen - eine, die den Zuhörer vielleicht sogar abstößt, weil sie seiner Erwartung zuwiderläuft und möglicherweise unbequem ist, sich anzuhören?

Es liegt also an uns als Musikern, eine persönlich geprägte Interpretation zu entwickeln und wiederzugeben. Punkt! Wenn man dafür gemocht wird, wunderbar! Und wenn nicht, ist das auch großartig!

Muss ein Musiker im Rampenlicht stehen, um zu brillieren?

Allgemein ist es so: Wenn wir Musiker auf der Bühne stehen, versuchen wir, für einander da zu sein. Deshalb ist die Kammermusik so interessant.

Als ich jung war, habe ich viel in einem Streichtrio mit dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gespielt. Altersmäßig lagen wir so um die 50 Jahre auseinander. Er hatte eine unglaubliche Lebenserfahrung und war einer der größten Streicher, die die Welt je erlebt hat.

Als wir Kammermusik spielten, schrie er mich an: ich schwelgte, sollte aber begleiten! Ich habe dann gelernt, an den Passagen, wo er Stimmführer ist, zuzuhören. Rostropowich sagte mir: "Wenn du begleitest, solltest du fast aus deinem Körper heraustreten. Ja, du spielst Begleitung, aber in Gedanken und in der Konzentration solltest du ganz bei der anderen Person sein."

Es ist wie bei einem Dialog, bei dem du sehr intensiv zuhörst. Also wenn mein Instrument schweigt, spiele ich dann im Kopf mit den anderen mit. Ich gehe total in der Musik auf, bin immer nur Beteiligte, nie einfach die Solistin.

Es ist ein gemeinschaftliches Unternehmen. Deshalb ist Musik für Kinder ein so ergiebiges Betätigungsfeld. Sie ist eigentlich eine Lebenslektion: Du gehörst zur Gemeinschaft, musst aber auch gleichzeitig führen können. Du musst zuhören. Während du das tust, ändert sich der Dialog, weil du das berücksichtigst, was der andere dir musikalisch sagt. Musik ist eine wunderbare Schule. Deshalb setze ich mich sehr für die musikalische Früherziehung ein.