Israelis starten in Berlin durch

Immer mehr israelische Start-ups wollen von der deutschen Hauptstadt aus den Markt erobern.

dpa/Pedersen - Digital society, Internetcafe Berlin

Wenn Elad Leshem Hunger bekommt, klappt er sein Notebook zu und geht die paar Meter rüber zur Mensa der Technischen Universität (TU) Berlin. Dort nimmt er sich ein Tablett und stellt sich an der Essensausgabe an. Er ist zwar kein Student, aber die Vorteile einer Mensa nutzt er gern, ist ja auch praktisch. Elad Leshem ist Unternehmer, Mitte 2014 haben er und Itamar Maltz das Start-up qDatum.io gegründet, eine Art eBay für Daten.

Ihr Projekt wird vom Inkubator der Universität gefördert, dem Centre for Entrepreneurship. Die TU stellt Leshem und Maltz für ein Jahr das Büro, hilft ihnen beim Kontakteknüpfen und bietet Workshops an, in denen sie beispielsweise lernen, wie sie ihre Idee am besten präsentieren. Das kann hilfreich sein, vor allem, wenn es darum geht, deutsche Investoren zu überzeugen. Neben Leshem und Maltz wollen das immer mehr Israelis. Die Zahl der Start-ups in Berlin, deren Gründer hebräisch sprechen, wächst. Talking Layers ist darunter, ein Vermarkter für Online-Werbung oder Upcload, ein Tool, das dabei hilft, die richtige Kleidergröße beim Online-Shopping zu bestellen.

Sie schaffe es kaum, all die israelischen Start-ups im Auge zu behalten, sagt Hemdat Sagi, Direktorin des Israel Trade Center in Berlin. Es seien parallele Entwicklungen, die Berlin in den Fokus israelischer Unternehmer gerückt hätten. Erst einmal sei die deutsche Hauptstadt plötzlich ein attraktives Ziel für israelische Touristen geworden, zudem böten immer mehr Airlines entsprechende Flüge an. Deutschland im Allgemeinen, vor allem aber Berlin, sei offener für Innovationen geworden, sagt Sagi. Und natürlich nennt auch sie die niedrigen Lebenshaltungskosten im Vergleich zur Start-up Hochburg Tel Aviv. In einem Satz: „In den letzten drei Jahren hat Berlin die Welt wissen lassen, dass die Stadt ein place to be ist.“

Laut der Senatsverwaltung für Wirtschaft arbeiten in Berlin rund 62.400 Menschen im digitalen Sektor, der aus 5800 Unternehmen besteht. Und er wächst: Eine Studie der Investitionsbank Berlin fand heraus, dass alle 20 Stunden ein neues Tech-Start-up in der Stadt entsteht.

Angeregt wird der Zuzug auch von sogenannten Accelerators, die Start-ups in der kritischen Entstehungsphase unterstützen. „Plug and Play“ vom Axel-Springer-Verlag ist so einer. Mehrmals im Jahr laden die Initiatoren Start-ups aus aller Welt für drei Monate nach Berlin ein. Das Büro, in dem die Gäste unterkommen, liegt im Bezirk Kreuzberg, zum Paket gehört außerdem eine Anschubfinanzierung. Von den acht Start-ups, die in der letzten Runde von „Plug and Play“ unterstützt wurden, kamen fünf aus Israel; eine beeindruckende Quote. Das findet auch Hemdat Sagi, sie sagt: „Das war eine tolle Darbietung israelischer Fähigkeiten im Tech-Bereich.“ Große Unternehmen wissen das schon länger, so werben etwa die Deutsche Telekom oder Bosch gezielt Programmierer aus Israel an.

Es sind natürlich auch die weichen Standortfaktoren, die Berlin interessant machen, dafür ist die Stadt schließlich berühmt. Es sind die Parties, die niemals enden, und es ist die Kunst. Ihretwegen ist jedenfalls der Theatermacher Michael Ronen vor ein paar Jahren aus Tel Aviv gekommen. Er fing am Off-Theater Ballhaus Naunynstraße im angesagten Bezirk Neukölln an und wechselte bald ans renommierte Gorki-Theater. Und obwohl er nun Unternehmer ist, liegt sein Büro immer noch in dem klassizistischen Theaterbau aus dem 18. Jahrhundert. Vor zwei Jahren gründeten er und sein Mitstreiter Daniel Paz capsuling.me, einen standortbezogenen Dienst, mit dem man digitale Inhalte mit Orten verknüpfen kann, Videos, Bilder oder Audios. „Die Inhalte bekommt nur, wer zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist“, erklärt Ronen. Das können etwa die Besucher einer Theatervorstellung oder eines Fußballspiels sein. Wenn man so will, ist es eine Schnitzeljagd 2.0.

Michael Ronen schaut als Kulturschaffender auf Berlin, für ihn zählt nicht in erster Linie die Zahl der Investoren oder die Menge an Wagniskapital, die zirkuliert. Das Wichtigste sei der „kreative Kern“. Berlin habe es gar nicht nötig, ständig nach Silicon Valley zu blicken, findet er, die Stadt sollte einfach sie selbst sein: Anziehungspunkt für Leute aus der ganzen Welt, ein inspirierender Ort der Innovation.

Israel und Deutschland seien ein perfektes Team, sagt Mickey Steiner vom Berlin-Tel Aviv Technology and Entrepreneurship Committee, kurz BETATEC. Beide Städte seien jung und innovativ, wohingegen Deutschland mit seinen mittelständischen Unternehmen eher traditionell aufgestellt sei und von den Ideen der Start-ups profitieren könne. Außerdem, fügt er hinzu, hätten Deutsche wie Israelis die Angewohnheit, ohne Umschweife zum Punkt zu kommen.

Dem können auch die Gründer von qDatum.io nur zustimmen: „Das Gute ist“, sagt Itamar Maltz, „dass die Deutschen ganz klar sagen, wenn sie etwas nicht mögen oder nicht verstehen.“ Das mache die Arbeit viel einfacher. Maltz ist seit Anfang 2014 in Berlin, zuvor lebte er in einem Kibbuz im Norden Israels. Mitgründer Elad Leshem kam vor drei Jahren aus Tel Aviv, um seinen MBA an der European School of Management and Technology zu machen. Nun teilen sie sich das Büro an der TU Berlin, der Raum selbst ist klein: ein Fenster, eine Heizung, ein Tisch. Leere Wasserflaschen stehen rum, ein paar Aktenordner, rechts an der Wand hängt eine Pinnwand ohne Zettel. Die Kabel des großen Computerbildschirms hängen noch in der Luft. In dieser frühen Phase brauchen die beiden nichts außer ihren beiden Notebooks. Wenn alles gut geht, dürfte sich das bald ändern.