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Dory Manor im Porträt
Dory Manor ist Mitgründer von Altneuland Press und selbst Dichter. © Dalia Castel
Literatur

„Berlin ist wieder ein Treffpunkt für hebräischsprachige Künstler“

Mit Altneuland Press knüpfen zwei israelische Schriftsteller an Berlins jüdische Literaturgeschichte an. Mitgründer Dory Manor erklärt, warum die Stadt heute wieder ein besonderer Ort für hebräische Literatur ist.

29.10.2026Stefanie HardickStefanie Hardick

Hebräische Literatur aus Berlin

  • Die israelischen Schriftsteller und Verleger Dory Manor und Moshe Sakal gründeten Altneuland Press 2024 in Berlin. 
  • Der unabhängige, privat finanzierte Verlag veröffentlicht Belletristik und Sachbücher auf Deutsch, Hebräisch und Englisch.
  • Im Mittelpunkt steht jüdische und hebräische Literatur aus Israel und der ganzen Welt.

Herr Manor, Sie haben in Berlin einen Verlag für hebräische Literatur gegründet. Warum ist die Stadt dafür heute wieder ein guter Standort?

Berlin war im 19. und 20. Jahrhundert neben Odessa, Warschau und Wien eines der wichtigsten Zentren moderner hebräischer Literatur. Unser Vorbild ist der Verlag, den Salman Schocken 1931 hier gründete. Heute ist Berlin wieder ein Treffpunkt für hebräischsprachige Kulturschaffende. Die Stadt fördert auch Autorinnen und Autoren, die in anderen Sprachen schreiben. In Paris wäre das undenkbar. Dort wird erwartet, dass man auf Französisch schreibt.

Wen wollen Sie mit Ihren Büchern erreichen?

Immer mehr hebräischsprachige Menschen leben außerhalb Israels. Für sie wollen wir ein modernes Verlagshaus schaffen. Zugleich möchten wir ein europäisches Zentrum für jüdische Literatur aufbauen, mit säkularen, humanistischen Büchern, die sich an alle Menschen richten. Deshalb übersetzen wir auch Belletristik und Sachbücher aus verschiedenen Sprachen ins Deutsche.

Sie sind selbst Autor, schreiben auf Hebräisch und Französisch. Was macht die hebräische Sprache für Sie besonders?

Es ist eine uralte Sprache, aber als moderne Alltagssprache noch sehr jung. Im Hebräischen hat man als Schriftsteller die seltene Möglichkeit, alte und moderne Sprachebenen miteinander zu verbinden. Auf Französisch ist es kaum möglich, eine poetische Form zu finden, die noch nie jemand benutzt hat. Auf Hebräisch kann ich das. Aber gleichzeitig lastet ein enormer Druck auf der Sprache. Ein Beispiel: Schreibe ich securité oder Sicherheit, kann sich das leichter anfühlen, als wenn ich ביטחון (Bitachon) schreibe. Das Wort ist sofort politisch aufgeladen. 

Hebräisch hat mehr als eine Heimat, und die jüdische Kultur hat mehr als eine mögliche Zukunft.
Dory Manor, Mitgründer Altneuland Press

Jiddisch ist eng mit dem Deutschen verwandt. Welche Rolle spielt diese sprachliche Verbindung für Ihren Verlag?

Die Verwandtschaft zwischen Jiddisch und Deutsch zeigt, wie die jüdische Kultur durch Begegnungen über Sprachen und Grenzen hinweg wächst. Als Dichter und Übersetzer bin ich davon überzeugt, dass kein Staat Eigentümer einer Sprache ist: Ihre vielen Heimaten sind eine Quelle der Freiheit. „Altneuland“ setzt diese Überzeugung in die Praxis um und schafft ein europäisches Zentrum für säkulare, humanistische jüdische Literatur. Hebräisch, Jiddisch und Deutsch in Berlin zusammenzubringen bedeutet, neben der Erinnerungsarbeit eine jüdische Zukunft zu gestalten. Hebräisch hat mehr als eine Heimat, und die jüdische Kultur hat mehr als eine mögliche Zukunft.

Wie wird Ihr Verlag international aufgenommen?

Das Interesse ist groß. Auch auf der Frankfurter Buchmesse haben wir gemerkt, dass Altneuland inzwischen bekannter wird. Allerdings sind viele internationale Verlage gegenüber israelischen Institutionen zurückhaltend. Wir spüren oft eine gewisse Erleichterung, wenn klar wird, dass wir zwar aus Israel stammen und hebräische Bücher veröffentlichen, aber keine offizielle Vertretung des israelischen Staates sind. Einschließlich der angekündigten Titel unseres aktuellen Frühjahrskatalogs umfasst unser deutschsprachiges Programm zwölf Bücher. Bis Ende 2027 werden wir insgesamt 20 Bücher auf Deutsch veröffentlicht haben. Unser Programm ist noch im Aufbau. Ich hoffe, dass unsere Bücher in drei bis fünf Jahren für sich sprechen können.

Dory Manor und Moshe Sakal stehen auf einer Straße in Berlin.
Dory Manor (links) gründete gemeinsam mit dem Autor Moshe Sakal den Verlag Altneuland Press in Berlin. © Rolf Walter

Welche Bücher empfehlen Sie zum Einstieg in die moderne hebräische Literatur?

„Bandit“ von Itamar Orlev, einem israelischen Autor, der in Berlin lebt. Sein Vater war der bekannte Kinderbuchautor und Shoah-Überlebende Uri Orlev. Der Roman erzählt von einem jungen Mann mit israelisch-polnischen Wurzeln, der in den 1980er-Jahren nach Polen reist, um seinen alkoholkranken Vater zu treffen. Das Buch erscheint im November. Wer mehr über das heutige Israel erfahren möchte, dem empfehle ich „In the Belly of the Whale“ von Ruth Margalit. Sie porträtiert darin Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, quer durch alle Lager. Das Buch ist zeitgleich in Israel, den USA, Großbritannien und Deutschland erschienen.