„Unsere Zielgruppe sind alle“

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wirbt für digitale Wege zur Kultur.

dpa/Pilick - Hermann Parzinger

Herr Parzinger, waren Sie schon mal in einem Onlinemuseum?

Natürlich habe ich schon virtuelle Rundgänge durch Museen gemacht, die das auf ihren Internetseiten anbieten.

Was halten Sie von solchen Ansätzen?

Ich halte sie für sehr wichtig. Wenn man sich für ein Museum interessiert und über einen Besuch nachdenkt, geht man in der Regel zunächst auf die Internet­seite. Wir wissen aus Umfragen, dass es wesentlich vom Onlineauftritt abhängt, ob der Besucher sich für ein bestimmtes Museum entscheidet oder nicht.

Lassen solche digitalen Zugänge nicht das Interesse am Original erlahmen?

Im Gegenteil: Die Digitalisierung und damit die weitere Verbreitung musealer Inhalte werden das Interesse steigern. Virtuelle Rundgänge können nie das Erleben ersetzen, die Aura des Originals ist unübertrefflich. Ob man vor einem Picasso steht oder ihn auf dem Bildschirm betrachtet, macht einen fundamentalen Unterschied. Die digitale Version ist aber ein wichtiges Hilfs- und Werbemittel.

Kommt man auf digitalem Wege auch an neue Zielgruppen heran?

Ich glaube unbedingt, dass wir damit noch mehr Menschen begeistern können. Gerade Jüngere und solche, die nicht aus dem ohnehin den Museen zugewandten Bildungsbürgertum kommen, erreicht man wohl in erster Linie auf diesem Weg. Die Deutsche Digitale Bibliothek beispielsweise hat sehr unterschiedliche Zielgruppen: Kinder, Erwachsene, Studierende, Spitzenwissenschaftler, ganz verschiedene Berufsgruppen.

Was ist – neben dem ständigen mobilen Zugang – das Plus der DDB gegenüber herkömmlichen Bibliotheken?

Dass sie das nach Sparten getrennte Kulturgut, das in verschiedenen Einrichtungen bewahrt wird, zusammenbringt und Kontexte aufzeigt. Man kann mittlerweile unter zehn Millionen Digitalisaten aus Museen, Bibliotheken, Archiven und Kinematheken zu bestimmten Begriffen oder Themen suchen. Wenn es etwa um Mozart geht, findet man Bücher über sein Werk, Porträts, Handschriften, Notenblätter und Aufnahmen seiner Werke aus verschiedenen Zeiten – diese Vielfalt ist ein enormer Gewinn. Zudem garantiert die DDB mit der Kompetenz der deutschen Wissenschafts- und Kultureinrichtungen für die Qualität der Inhalte.

Neben dem Zugänglichmachen geht es um das Bewahren von Kulturgütern. Sie sind Archäologe und waren Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), das eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung einnimmt. Warum sind solche Projekte wichtig?

Was Archäologen ausgraben, ist in dieser Form hinterher nicht mehr vorhanden. Die Dokumentation einer Ausgrabung 
ist also entscheidend – für die Auswertung, die Rekonstruktion, die kulturhistorische Bewertung. Deshalb muss sie auch digital vorgehalten werden. Bei sehr empfindlichen Kulturgütern ist die digitale Version außerdem eine große Hilfe, weil das Original weniger oft benutzt wird. Der Forscher muss nicht mehr weit reisen, um ein Dokument einzusehen. Er kann es vom heimischen Computer abrufen und damit schon einen beträchtlichen Teil seiner Forschung durchführen.

Welche Schwierigkeiten sind mit der Digitalisierung verbunden?

Uns beschäftigen vor allem Fragen des Urheberrechts. Es ist richtig und wichtig, dass in Deutschland alle Werke urheberrechtlich geschützt sind. Allerdings gibt es offene Fragen etwa im Umgang mit verwaisten Werken, deren Urheber nicht mehr auffindbar sind. Wenn Kultureinrichtungen jetzt in großem Umfang verwaiste Werke digitalisieren und sich später doch noch Rechteinhaber melden, kann das die Einrichtungen in schwierige finanzielle Situationen bringen. Hier besteht weiterer Klärungsbedarf, denn es ist wünschenswert, dass wir nicht nur Werke etwa aus dem 16. Jahrhundert zur Verfügung stellen, bei denen es keine rechtlichen Probleme gibt, sondern auch solche aus der Gegenwart.

Sie arbeiten eng in europäischen Verbünden wie „Europeana“. Warum?

Die DDB ist ein eigenes Portal der deutschen Kultureinrichtungen, aber die Inhalte sollen gleichzeitig auch über Europeana abrufbar sein. Diese Schnittstelle ist wichtig. Wenn Kunst, Kultur und Wissen zu jeder Zeit von jedem Ort der Welt aus verfügbar sein sollen, dann ist die Vernetzung dieser Portale entscheidend. Das ist eine gemeinsame europäische, ­eigentlich eine weltweite Aufgabe. ▪

Interview: Helen Sibum