„Die Stadt ist meine Rampe“
Zwischen Los Angeles, Kopenhagen und Barcelona jagt BMX-Profi Bruno Hoffmann dem perfekten Spot. Hier erzählt er, warum am Ende sechs Sekunden alles sind.
„Mein Büro hat keine Wände. Es liegt zwischen einem Geländer in Warschau, einer Treppe in Lagos und einer Mauer in Barcelona. Seit 25 Jahren fahre ich BMX Street, die Disziplin, in der die Stadt selbst zur Rampe wird. Städte lese ich, wie andere Zeitungen oder Bücher lesen, auf allen Kontinenten der Welt. Ich spähe in Hinterhöfe, ziehe mich an Mauern hoch, taste mich durch Tiefgaragen. Steht ein Spot, geht es los. Ich rechne im Kopf: Tempo, Absprung, Landung, Auslauf. Kommen Autos? Kommen Leute? Vor mir: 20 Stufen, ein dünnes Geländer aus Stahl. Ich springe an, spüre das Metall unter mir, gleite hinunter, springe.
Angefangen hat alles auf einem Kieshügel neben unserem Haus in Siegen, wo ich aufgewachsen bin. Als Kinder bauten wir Rampen, jagten auf klapprigen Rädern den kleinen Hang hinunter. Mein erstes BMX bekam ich mit acht. Am letzten Tag der Ferien stürzte ich, sieben Milchzähne fielen mir aus. Monatelang fasste ich das BMX nicht mehr an.
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Einverständniserklärung öffnenHeute trägt mich mein BMX um die Welt. Aserbaidschan, Belfast, Glasgow, Kiew, Moskau, Tokio: Ich war schon an etlichen Orten. Einmal reiste ich mit Profis aus Amerika, Argentinien, Griechenland und Spanien nach Lagos in Nigeria. Dort wartete eine junge Szene aus 15 bis 20 starken Fahrern, die jüngsten noch Teenager. Sie kannten unsere Clips aus dem Netz, jetzt fuhren wir gemeinsam im Skatepark. An einem Abend leuchtete der Park unter Flutlicht, Breakdancer und Rapper traten auf. So viel Lebensfreude, so viel Energie auf einem Fleck habe ich lange nicht erlebt. Diese Momente leben weiter, weil ich sie filme. Die Videos machen meinen Sport sichtbar, meine Sponsoren schicken mich dafür um die Welt. Sie halten einen Trick fest, der sonst nach sechs Sekunden vorbei wäre.
In manche Städte kehre ich immer wieder zurück. Barcelona ist so ein Ort: glatter Stein, klare Kanten, Treppen und Plätze, die wie für uns gebaut wirken, dazu mildes Licht bis spät in den Abend. In Rom bin ich lieber zu Fuß unterwegs. So schön die Altstadt ist, ihre Mauern und Treppen sind zu alt, zu rau für ein BMX. Was mich stärker hält als jede Architektur, sind die Leute. Lande ich irgendwo auf der Welt, poste ich kurz in den sozialen Medien, dass ich da bin. Der Rest passiert von allein: Jemand holt mich ab, zeigt mir die besten Spots. In unserer Szene fragt niemand zuerst nach Geld oder Karriere, sondern nach dem nächsten Geländer. Das ist es, was mich trägt – ein paar tausend Menschen, weltweit verstreut, die dasselbe sehen wie ich: Städte, die jeden Tag aufs Neue zur Rampe werden.“