Eine ganz neue Dimension
Axel Rottländer schildert seine Eindrücke vom Hilfseinsatz 2011 in der Region Fukushima.
Als ich Ende April 2011 nach Tokyo geflogen bin, saß ich in einem Großraumflugzeug A380. Das hat eigentlich Platz für 850 Passagiere, aber ich war fast allein. Kaum jemand wollte in die Hauptstadt des Landes fliegen, das wenige Wochen zuvor von der größten Naturkatastrophe seiner Geschichte heimgesucht worden war: fast 16000 Todesopfer, rund eine halbe Million Menschen obdachlos und ein zerstörter, strahlender Atomreaktor in Fukushima. Für mich war das eine ganz neue Dimension. Vom Flughafen Morioka ging es mit dem Auto nach Miyako, einem kleinen Ort rund 300 Kilometer nördlich von Fukushima. Wir fuhren zunächst durch den unzerstörten Teil der Stadt, vorbei an einem Burger-Restaurant, an Wohnsiedlungen. Dann eine Brücke – und wir sahen ganz plötzlich, was Erdbeben und Tsunami wirklich bedeuteten: Auf dem Land Wracks von Schiffen, Booten und Autos, die die Flutwelle hierher geschleudert hatte. Statt Wohnhäusern nur Trümmerhaufen. Dicke Schutzwände aus Beton, die die Menschen vor dem Meer schützen sollten, waren einfach davon gespült, die gesamte Vegetation durch das Salzwasser verdörrt.
In Deutschland war die Spendenbereitschaft der Bürger riesig. Meine Mission war es, dieses Geld sinnvoll für die Betroffenen in Miyako einzusetzen. Die Japaner waren sehr gut organisiert. Mit so einer Ausnahme-Situation ist aber jeder überfordert. In dem Gebiet gibt es nur wenig Landwirtschaft, weil es sehr bergig ist. Die Menschen leben meist von Fischzucht und Fischfang. Die Anlagen dafür und fast alle Schiffe aber waren zerstört. Gemeinsam mit meinen Kollegen von CARE Japan berieten wir, wie CARE am sinnvollsten helfen könnte, denn Notunterkünfte und Essensversorgung waren von den Japanern bereits organisiert. Meine Kollegen hatten auch schon Decken, Matratzen, Kochutensilien und Hygieneartikel verteilt. Der Tsunami hatte der Region aber auch die ökonomische Grundlage entzogen. Also haben wir zwei Kutterschiffe für die Ausbildung der jungen Menschen an der Hochschule für Fischerei besorgt.
Eigentlich habe ich eine Ausbildung als Landwirt gemacht, doch dann noch Politik und Geschichte studiert und meine Abschlussarbeit über eine UN-Mission in Kroatien geschrieben. Da bin ich dann auch hingefahren und habe gesehen, wie Hilfsorganisationen arbeiten. Das hat mich fasziniert und infiziert: anderen Menschen zu helfen und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, Länder ganz authentisch kennenzulernen. Eigentlich verreise ich nicht gern und bin vor allem nicht gern Tourist.
Seit Januar 2016 arbeite ich als Flüchtlingskoordinator beim Malteser Hilfswerk. Gerade bestelle ich für 1000 Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Krefeld Doppelstockbetten, Matratzen, Stühle und Tische. Auch um die Verpflegung muss ich mich kümmern, denn wir wollen die bei uns ankommenden Menschen möglichst so betreuen, dass sie mit einem positiven Gefühl diese Notunterkunft wieder verlassen können. Außerdem setzen wir für die Unterstützung der Menschen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer als Integrationslotsen ein. Die sollen wie ein guter Freund den Flüchtlingen zur Seite stehen und erklären, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Nur so schaffen wir, dass die Menschen in unserer Gesellschaft ankommen.“ ▪
Aufgezeichnet von Martina Propson-Hauck