Hilfe für Flüchtlinge in Israel

Die Arbeit der Offenen Klinik in Jaffa wird auch aus Deutschland unterstützt.

Die Patienten sitzen schweigend im Warteraum der Offenen Klinik in Jaffa. An diesem frühen Nachmittag sind es bereits ein Dutzend afrikanischer Migranten, die sich hier eingefunden haben, um kostenfrei behandelt zu werden, weil sie keinen Zugang zum regulären Gesundheitssystem haben. Gegen 15 Uhr treffen die Ärzte und Krankenpfleger ein. Sie leisten am Sonntag, Dienstag und Mittwoch Dienst – und gehen erst, wenn keiner mehr wartet. Montag ist Spezialistentag. Wer zu einem Orthopäden, Gynäkologen, Diabetologen oder Physiotherapeuten will, muss sich allerdings vorher anmelden. Etwa 90 Ärzte umfasst die Liste der freiwilligen Helfer. Rund 6000 Patienten im Jahr zählt die seit 1998 aktive Klinik, betrieben von der israelischen Nichtregierungsorganisation „Physicians for Human Rights“ (PHR). Ihr prominentestes aktives Mitglied ist der 73-jährige Professor Rafi Walden, bis 2015 Vorsitzender der Organisation. Walden ist der langjährige Arzt des ehemaligen Staatspräsidenten Shimon Peres und auch dessen Schwiegersohn.

PHR wird unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und unter anderem auch von der deutschen Hilfsorganisation Medico Inetrnational mit Sitz in Frankfurt am Main. In den Jahren 2012 und 2013 hat das deutsche Auswärtige Amt die Klinik zudem aus Projektmitteln für die Menschenrechtsarbeit gefördert. Denn viele der afrikanischen Flüchtlinge, die in der Offenen Klinik behandelt werden, wurden zuvor Opfer grober Menschenrechtsverletzungen durch Menschenhändler. Vor allem viele eritreische Flüchtlinge wurden gegen ihren Willen aus Flüchtlingslagern im Sudan entführt und auf dem Sinai brutaler Gewalt ausgesetzt, um Lösegelder von bis zu 30.000 Dollar von ihren Familien zu erpressen. Rund 4000 Betroffene gelangten nach ihrer Freilassung oder Aussetzung über die Grenze nach Israel – vor allem in den Jahren zwischen 2007 und 2012.

2011 ist die Offene Klinik in die heutigen Räume in Jaffa umgezogen, zuvor war sie im Zentralen Busbahnhof in Tel Aviv untergebracht. Neben Empfang und drei Behandlungszimmern gibt es einen gut bestückten Arzneiraum, der ein Bild zeichnet von den geläufigsten Krankheiten: Schmerzmittel, Antibiotika, Blutverdünner, Anti-Depressiva.

Die meisten der fest angestellten PHR-Mitarbeiter sind Rechtsanwälte und Menschenrechtsaktivisten, die Strukturen verändern wollen. Sie wollen aufmerksam machen auf das Schicksal der Flüchtlinge. Ihr Ziel sei es, sagt Elisheva Milikovsky von PHR, das Recht auf nationale medizinische Grundversorgung auch für jene zu verankern, die davon bisher ausgeschlossen sind. In mancher Hinsicht hat ihre Hartnäckigkeit bereits gewirkt. So eröffnete das Gesundheitsministerium vor drei Jahren eine Notfallaufnahme im Zentralen Busbahnhof von Tel Aviv. Und mit naheliegenden Krankenhäusern gibt es ein Abkommen über eine begrenzte Zahl von kostenfreien Blutuntersuchungen im Monat.

Neben unbürokratischer medizinischer Hilfe stellt PHR auch Informationsmaterial in den Sprachen der Patienten zur Verfügung – und dokumentiert deren Fluchtgeschichten. Auch diese wichtige Arbeit wurde aus Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt. So konnten auch Opfer von Folter und Gewalt über ihre Rechte aufgeklärt werden. Damit diese Schicksale ans Licht kommen, braucht es Vertrauen. Als Bindeglied spielt hier neben zwei Dolmetschern auch die eriträische Ordensschwester Aziza ein wichtige Rolle. Von ihr hängen überall Fotos an der Wand. Sie war auf die besonders vulnerable Gruppe der Opfer von Menschenhändlern aufmerksam geworden, als es plötzlich einen starken Anstieg in der Nachfrage nach Abtreibungen gegeben habe, erzählt Elisheva Milikovsky. Sie hat auch bei der Erstellung des 2015 preisgekrönten israelischen Dokumentarfilms „Sound of Torture“ mitgeholfen, der diese Lebenswege nachzeichnet. Der Film wurde zu einem wichtigen Aufklärungsinstrument zum Thema Menschenschmuggel und Folter. Im Jerusalemer Justizministerium gab es gleich mehrere Vorführungen. Die Deutsche Ständige Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf zeigte den Film gemeinsam mit der Niederländischen Vertretung begleitend zur 28. Sitzung des Menschenrechtsrats 2015.

Um die Menschen, die Opfer solcher Folterungen geworden sind, von vornherein zu identifizieren, gibt es in der Offenen Klinik kleine gelbe Zettel, die im Verdachtsfall ausgefüllt werden. Darauf stehen folgende Fragen: Wie viel Zeit haben Sie im Sinai verbracht? Haben Sie dort jemanden bezahlt? Wurden Sie zur Arbeit gezwungen, als sie im Sinai waren? Wer als Opfer gilt, genieße dann besonderen Schutz, dazu gehöre auch eine psychologische Betreuung. ▪