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„Die Kunst ist stärker als der Tod“

Die belarussische Oppositionelle Maria Kalesnikava über ihr Exil in Deutschland, die Kraft von Kunst und Kultur und den Kampf um die Zukunft Europas. 

Johannes_GöbelInterview: Johannes Göbel, 01.07.2026
Maria Kalesnikava mit einem Mikrofon in der Hand
Maria Kalesnikava: „Man sollte Belarus nicht aufgeben und dem Einfluss Lukaschenkas und Putins überlassen.“ © picture alliance/dpa | Jens Kalaene

Maria Kalesnikava, geboren 1982 in Minsk, trat 2020 nach der Verhaftung des Oppositionspolitikers Wiktar Babaryka an dessen Stelle in den Wahlkampf gegen den seit 1994 in Belarus regierenden Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka an. Fünf Jahre lang war die belarussische Oppositionsführerin in ihrem Heimatland inhaftiert, unter extremen Bedingungen und in weitgehender Isolation. Der autoritäre Staatschef Lukaschenka begnadigte im Dezember 2025 Kalesnikava und 122 weitere politische Gefangene im Gegenzug zur Lockerung von US-Sanktionen; die Flötistin wurde in Deutschland aufgenommen.

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Frau Kalesnikava, was bedeutet das Exil in Deutschland für Sie?
In Deutschland fühle ich mich sicher. Ich erfahre Unterstützung von zahlreichen Menschen und bin dankbar für die Einladung durch die Bundesregierung, auch weil ich eine besondere Beziehung zu Deutschland habe. Vor meiner Festnahme in Belarus habe ich insgesamt schon 13 Jahre in Deutschland gelebt. Das hat mich geprägt. 

Sie kamen für die Studiengänge Alte und Neue Musik an die Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und blieben auch nach ihren Abschlüssen 2012 zunächst in Deutschland.
Ja, ich habe in verschiedenen Ensembles gespielt und angefangen, im Kulturmanagement zu arbeiten. 2017 habe ich die Initiative InterAKT mitgegründet, die Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Sparten zu interdisziplinären Projekten zusammenbringt. Die Initiative ermöglicht Menschen, vielfältig kreativ zu wirken. Ich habe in Deutschland sehr viel gelernt, nicht nur über Musik und Kunst, sondern auch über die Werte von Pluralismus und Demokratie. 

Wie zeigen sich diese Werte aus Ihrer Sicht?
Deutschland schützt die Meinungsfreiheit. Unterschiedliche Ansichten haben hier ebenso ihren Platz wie vielfältige Lebensentwürfe. Die Menschen haben viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, in der Kulturbranche, in der Politik oder in der freien Wirtschaft. Diese Freiheiten sind alles andere als selbstverständlich. Das ist mir durch meine Haft in Belarus besonders deutlich geworden – und ich denke, dass diese Freiheiten den Menschen in Deutschland ebenfalls stärker bewusst sein könnten. Auch wenn die Zeiten politisch und wirtschaftlich schwierig sind: Die deutsche Gesellschaft hat schon viel erreicht und kann zuversichtlich in die Zukunft blicken. 

© xxx  	  Maria Kalesnikava trägt die Medaille des Internationalen Karlspreises
Im Mai 2026 konnte Maria Kalesnikava den Internationalen Karlspreis, der ihr vier Jahre zuvor während ihrer Zeit im Gefängnis zugesprochen wurde, endlich entgegennehmen. © picture alliance / Flashpic | Jens Krick

Zuversicht vermittelt auch Ihre Performance #freemaria, die Sie im Frühjahr 2026 in Berlin zum ersten Mal dargeboten haben. Sie reflektieren über Ihre Zeit im Gefängnis, spielen Flöte und machen deutlich, wie wichtig Literatur während der Isolation für Sie war. Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur angesichts politischer Unterdrückung?
Kunst und Kultur sind das, was uns als Zivilisationen auszeichnet. Sie sind stärker als der Tod und überdauern die Zeiten. Und dabei geht es nicht allein um ästhetische Qualitäten: Kunst und Kultur bedeuten menschliche Entwicklung und Errungenschaften. Sie stehen für Werte, die uns auch in der Gemeinschaft als Europäer besonders verbinden. Die Vielfalt in Kultur und Sprache macht die Stärke und Kraft Europas aus. Es ehrt mich, dass mir 2022 der europäische Karlspreis verliehen wurde – und dass ich ihn 2026 nach meiner Entlassung aus der Haft persönlich entgegennehmen konnte. Ich fühle mich der Gemeinschaft der Karlspreisträger verbunden, auch mit Mario Draghi, Preisträger 2026 und langjähriger Präsident der Europäischen Zentralbank. Er ist Ökonom, ich bin Künstlerin – aber uns verbindet der Einsatz für die Zukunft Europas. 

Wie wichtig ist für diese Zukunft die Aufnahme von Exilsuchenden aus Belarus, der Ukraine und Russland in europäischen Staaten?
Die Aufnahme im Exil ist entscheidend dafür, dass sie weiter in Freiheit arbeiten und Einfluss nehmen können. Ihre Kinder können diese Freiheit kennenlernen, in die Schule gehen und studieren. Belarus ist abgeschottet vom freien Europa und stark beeinflusst von russischer Propaganda. Für die jüngeren Belarussinnen und Belarussen wird es immer schwieriger, europäische Werte wie Demokratie kennenzulernen. Man sollte Belarus nicht aufgeben und dem Einfluss Lukaschenkas und Putins überlassen. Für die Zukunft eines freien Europas bleibt es wichtig, den Austausch mit der belarussischen Zivilgesellschaft zu suchen, gemeinsam mit den Exilantinnen und Exilanten.