„Das Internet der Dinge ist schon Realität“

Ein Interview mit Holger Kunz, Representative Director Japan des TÜV Rheinland, über Robotik, Industrie 4.0 und zukünftige Technologien.

Herr Kunz, in Japan gründete TÜV Rheinland bereits 1978 eines seiner ersten Auslandsbüros. Wie hat sich das Geschäft in Japan seither verändert?

Da sich Japan und Asien seit der Gründung unseres Büros in Tokyo unglaublich dynamisch gewandelt haben, hat sich auch unser Geschäft in Japan stark verändert. 1978 waren wir in unserem traditionellen Geschäft der Prüfung von Druckbehältern tätig. Doch seither hat sich das Spektrum unserer Dienstleistungen deutlich erweitert. Heute prüfen wir eine Vielzahl von Produkten, sind im Mobilitätssektor tätig und zertifizieren Managementsysteme. Zu den wichtigsten Meilensteinen zählen die Anerkennung als National Certified Body 1998 sowie die Eröffnung unserer großen Laborstandorte in Yokohama 2005 und in Osaka 2012. Außerdem begleiten wir heute verstärkt japanische Unternehmen bei ihrer Produktionsverlagerung in andere asiatische Länder und bauen dann dort jeweils lokal Prüfkapazitäten auf. Japan ist und bleibt jedoch unser wichtigster Brückenkopf in die Region Asien-Pazifik. Das gilt zum einen geographisch. Denn es war unser erster Standort in ganz Asien, und wir haben von dort aus den asiatischen Kontinent insgesamt als Markt erobert. Aber das Bild vom Brückenkopf gilt auch technologisch, weil Japan heute viel mehr Forschungs- und Entwicklungsstandort als Produktionsstandort ist und unsere Kolleginnen und Kollegen entsprechendes Wissen aufbauen. Dieses Know-how nutzen wir weltweit in unserem globalen Netz von Prüflaboren. Dabei spielen aktuell Themen wie die elektromagnetische Verträglichkeit von Produkten, Drahtlos-Kommunikation oder Energiespeichersysteme eine große Rolle.

Inzwischen erwirtschaften die Auslandsgesellschaften die Hälfte des Konzernumsatzes. Was ist die besondere Herausforderung in Japan?

Meiner Erfahrung nach haben japanische Unternehmen besonders hohe Ansprüche an die Qualität von Dienstleistungen. Schon eine geringe Verzögerung bei Prüfergebnissen wird kaum akzeptiert; schon gar nicht, wenn das nicht wenigstens mitgeteilt wird. Auch wenn hohe Qualität und Termintreue für uns als globales Prüfunternehmen mit deutschen Wurzeln Teil unseres Selbstverständnisses sind, muss man im japanischen Markt noch eine Schippe drauflegen. Darüber hinaus ist es noch wichtiger als in Deutschland, mit Geschäftspartnern auch persönliche Beziehungen aufzubauen. Daraus entwickeln sich über die Jahre starke Partnerschaften. Solche Partnerschaften sind sicherlich ein Grund dafür, dass unsere Marke TÜV Rheinland bei japanischen Geschäftskunden bekannter ist als in vielen anderen Märkten. Spannend ist die hohe Innovationskraft japanischer Unternehmen. Denn da sind wir als Wegbegleiter von Innovationen besonders gefordert, immer wieder entsprechende Prüfdienstleistungen zu entwickeln. Beispiele aus jüngerer Zeit sind ein medizinischer Roboteranzug und industrielle 3D-Drucker – faszinierende Technik, der wir durch unsere Zertifizierungen den Weg auf die Weltmärkte ebnen.

Deutschland will eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der Industrie 4.0 einnehmen, Japan setzt auf Robotik. Zwei unterschiedliche Wege oder zwei Seiten einer Medaille?

Um im Bild zu bleiben: Es sind zwei unterschiedliche Wege, die sich aber an vielen Stellen kreuzen. Robotik ist ein wesentlicher Bestandteil der vernetzten Fabrik der Zukunft. Aber Robotik allein genügt hierfür nicht. Für Industrie 4.0 kommt es darauf an, in einem vernetzten System von Maschinen, Bauteilen, Robotern weit über einen einzelnen Fabrikstandort hinaus zu denken und zum Beispiel auch Zulieferer und deren Daten entsprechend einzubinden. Andererseits begegnen wir Robotern immer häufiger auch außerhalb von Fabriken – von Staubsaugerrobotern über intelligente Prothesen bis hin zu autonomen Fahrzeugen. Auch diese Roboter sind heute in der Regel vernetzt, das Internet der Dinge also schon heute Realität.

Welche Impulse könnten diese Entwicklungen für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan geben?

Beide Länder haben für die vernetzte Produktion der Zukunft und das Internet der Dinge jede Menge technologische Stärken aufzuweisen. Wenn wir gemeinsam Standards für die Kommunikation im Internet der Dinge entwickeln, dann lassen diese sich auch leichter weltweit durchsetzen. Davon profitieren letztlich alle. Das zeigen gescheiterte Beispiele der weltweiten Standardisierung, etwa die von Sony entwickelte Betamax-Videotechnologie in den 1980er-Jahren, die sich nicht durchsetzen konnte, obwohl sie als technisch überlegen galt.

Um welche Standards geht es heute? Und in welcher Form betrifft das TÜV Rheinland?

Wichtig sind etwa Drahtlos-Technologien wie das so genannte Low-Power-Wide-Area-Network (LPWAN). Die in einem solchen Netzwerk verwendete Technologie ist dafür ausgelegt, preisgünstige, batteriebetriebene Sensoren über große Entfernungen in schwierigen Umgebungen zu verbinden – und erfüllt damit wichtige Anforderungen für das Internet der Dinge und damit zum Beispiel auch für Industrie 4.0 oder das Smart Home. TÜV Rheinland ist Mitglied der so genannten LoRa-Alliance und arbeitet mit daran, das LoRaWAN-Protokoll als führenden offenen, globalen Standard für das Internet der Dinge zu fördern – ebenso, wie wir auch bei der Drahtlos-Kommunikation über kürzere Distanzen zu den führenden Prüfhäusern gehören.

Als unabhängiger Prüfdienstleister beschäftigen Sie sich auch mit dem Thema „Mensch – Maschine“. Wie werden Roboter oder die Industrie 4.0 die Arbeit verändern?

Die historische Erfahrung lässt erwarten, dass die Zukunft in doppelter Weise anders sein wird: Anders als die Gegenwart und anders als prognostiziert. Das stammt nicht von mir, sondern von einem deutschen Historiker. Es ist also sehr schwierig, hierüber einigermaßen zuverlässige Aussagen zu treffen. Sicher ist aus meiner Sicht, dass es deutlich mehr Mensch-Maschine-Schnittstellen geben wird als heute schon. Entsprechend spielt das Thema Sicherheit – sowohl funktionale Sicherheit als auch Datensicherheit – künftig eher eine noch größere Rolle. Da wir seit mehr als 140 Jahren daran arbeiten, Maschinen, Produkte und Systeme sicherer zu machen, dürfte uns die Arbeit daher so schnell nicht ausgehen. ▪

Interview: Martin Orth