Hannover Messe 2016: Bereit für den Partner USA

Die weltweit wichtigste Industriemesse begrüßt 2016 erstmals die USA als Partnerland – und eine hochrangige Delegation um Präsident Barack Obama.

Welchen Roboter sie mitbringen, weiß man noch nicht. Die Forscher von der Carnegie Mellon University haben einige zur Auswahl: Da gibt es den vierbeinigen „Chimp“, der Leitern hochklettern und Ventile schließen kann. Den zierlichen „Calliope“ mit seinem hochsensiblen Greifarm. Und den winzigen „Finch“, der Schülern hilft, Programmiersprachen zu lernen. So oder so wird der Stand B60 in Halle 2, dem Technologie-Pavillon der USA, eine Attraktion auf der diesjährigen Hannover Messe sein.

Nicht nur für Carnegie Mellon ist der Auftritt auf der weltweit wichtigsten Industriemesse eine Premiere, auch das berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) stellt aus, dazu kommen mehr als 200 US-Unternehmen – die amerikanische Delegation ist die größte, die je auf einer Hannover Messe vertreten war. Der Anlass: Erstmals sind die Vereinigten Staaten Partnerland der Messe, die vom 25. bis 29. April stattfindet. Neu ist auch, dass mit Barack Obama ein amtierender amerikanischer Präsident die Messe eröffnet, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

„Wir haben eine klare Botschaft an die Welt: Amerika ist offen für Handel und Wirtschaft“, sagt US-Handelsministerin Penny Pritzker. Die eigenen Unternehmen ermutigt sie nachdrücklich, die Chancen einer Messebeteiligung zu nutzen: „Es ist eine einzigartige Gelegenheit, unsere Produkte und unser Können zu zeigen.“ Gerade mittelständische US-Unternehmen gelten traditionell als eher binnenmarktorientiert. Der Appell hat offenbar gewirkt. Fünf Industriepavillons werden die Vereinigten Staaten bestücken; in einem sechsten werben die USA um Investoren.

Es ist ein Ereignis mit Symbolkraft. Während Chinas Konjunktur schwächelt und die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland unter den Sanktionen leiden, wächst der transatlantische Handel: 2015 lösten die USA Frankreich als wichtigster Handelspartner Deutschlands ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden Waren im Wert von 173,2 Milliarden Euro ausgetauscht; Frankreich lag mit 170,1 Milliarden Euro auf Rang zwei. Dabei exportierte Deutschland mehr als doppelt so viel in die USA wie umgekehrt.

„Die Zahlen belegen: Für die deutsche Industrie mit ihren vielen mittelständischen Unternehmen werden die USA als Absatzmarkt und Handelspartner immer wichtiger“, sagt Stefan Mair, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Für Industrie und Freihandel

Für die USA steht die Rolle als Partnerland der Hannover Messe auch für die Rückbesinnung auf die lange vernachlässigte Industrie. Seit der Finanzkrise förderte Präsident Obama den Sektor, etwa durch Gründung eines „National Network for Manufacturing Innovation“ nach Vorbild der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft. „Die USA haben sich im Zuge ihrer Re-Industrialisierung zu einem höchst attraktiven Geschäftspartner für die Industrie entwickelt“, bestätigt Jochen Köckler, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG.

Das gibt denen Auftrieb, die ein Freihandelsabkommen unterstützen. In der Geschäftswelt sind das fast alle. Gerade die exportstarken deutschen Maschinen- und Anlagenbauer wünschen sich eine Vereinheitlichung technischer Normen und den Abbau von Doppelprüfungen. „Analysen, wonach insbesondere mittelständische Unternehmer durch TTIP nur Nachteile erlangen und unter die Räder der Großkonzerne kommen, zeichnen ein völlig verzerrtes Bild“, sagt Ulrich Ackermann, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

„Integrated Industry – Discover Solutions“ heißt das Leitthema der Hannover Messe 2016. Es geht um Vernetzung, Sensorik, Robotik, Datenspeicherung, intelligente Energiesysteme und selbstlernende Maschinen. Mit anderen Worten: um die Fabrik der Zukunft. In Deutschland läuft das unter dem Stichwort Industrie 4.0, in den USA spricht man vom „Industrial Internet of Things“ oder von „Machine to Machine“. Über 100 Anwendungsbeispiele wird die Hannover Messe zeigen. Eine Sonderschau gibt es zu einem Bereich, der in der Praxis vergleichsweise weit gediehen ist: „Predictive Maintenance“, vorausschauende Instandhaltung. Maschinen melden selbst, wann sie gewartet werden müssen; Fehlernachrichten erhält der Reparaturdienst per App.

Im Zeitalter von Industrie 4.0 verschwindet die Zweiteilung der Wirtschaft in Soft- und Hardware: Traditionelle Produkte werden zu Mini-Computern, die untereinander und mit der Cloud vernetzt sind, ob das nun eine Fräsmaschine ist oder ein Werkstück. Umgekehrt suchen Softwareunternehmen nach neuen Anwendungen in der Industrie. Deutschlands Kompetenz im Maschinenbau und die Hightech-Szene Amerikas könnten sich geradezu perfekt ergänzen.

Insofern ist es bemerkenswert, dass in Hannover auch das amerikanische „Industrial Internet Consortium“ (IIC) ausstellt. Die Organisation, 2014 von AT&T, Cisco, General Electric, IBM und Intel gegründet, verhandelt über Standards in der vernetzten Industriewelt von morgen. Ihr gehören inzwischen mehr als 250 Unternehmen aus 28 Ländern an, darunter auch deutsche Firmen wie Bosch, SAP und Siemens. Im Februar 2016 beschlossen das IIC und sein deutsches Gegenstück, die Plattform Industrie 4.0, eine förmliche Kooperation. Ein gutes Zeichen. ▪