„Attraktiv für international orientierte Japaner“

Ein Interview mit Dr. Detlef Fechner, Leiter der Deutschen Schule Tokyo Yokohama, über Kinder und Karrieren.

Herr Dr. Fechner, Sie sind vor vier Jahren nach Japan gegangen und haben die Leitung der Deutschen Schule Tokyo Yokohama (DSTY) übernommen. Was macht den Reiz dieses Jobs aus?

Wenn ich meine Tätigkeit als „Job“ sehen würde, dann gibt es eigentlich nichts, was einen besonderen Reiz darstellt: Weder sind die Arbeitsbedingungen besonders attraktiv, noch die Vergütung, noch ist Japan als Land ein einfaches Arbeitsumfeld. Daher gibt es für die konkrete Schulleitertätigkeit hier als auch allgemein einen akuten Bewerbermangel. Trotzdem empfinde ich meine Arbeit unter anderen Gesichtspunkten als sehr reizvoll. Die Sinnfrage stellt sich ohnehin nicht, denn was kann sinnvoller sein, als jungen Menschen den Weg in die Selbstständigkeit und zu einem selbst verantworteten Leben zu ermöglichen beziehungsweise die Voraussetzungen dafür so gut es geht zu schaffen. Die Leitung einer Auslandsschule ist aber eine besonders reizvolle Aufgabe und Herausforderung: im Gegensatz zum Inland umfasst sie alle Altersstufen vom Kindergarten über die Grundschule bis zum Abitur mit jeweils ganz eigenen Spezifika, auch ganz unterschiedlichen Abschlüssen. So konnte ich mich in viele neue Bildungsbereiche einarbeiten und sie verstehen lernen, und Bildung und Erziehung unter einem ganzheitlichen Gesichtspunkt erfahren. Auch die besondere Zusammensetzung der Schülerschaft mit oft bilingualem Hintergrund erfordert im Vergleich zum Inland andere Herangehensweisen. Japan als höchstentwickeltes Land in Fernost stellt auch einen besonderen Reiz dar: die andere Kultur, die andere Gesellschaft. Man sollte die Möglichkeit zu einem vertieften Verständnis für Japan wahrnehmen.

Die DSTY begleitet junge Menschen vom Kindergarten bis zum Abitur. Wo kommen sie her, wo gehen sie hin?

Wir haben hier insgesamt etwa 20 Nationalitäten. Davon hat die Hälfte einen binationalen, das heißt deutsch–japanischen Hintergrund. Einige Schülerinnen und Schüler haben auch einen südamerikanischen oder osteuropäischen Hintergrund, einige sind rein japanischer Herkunft. Die weitaus meisten Absolventen gehen zum Studium nach Deutschland beziehungsweise in die deutschsprachigen Länder, ein paar bleiben in Japan oder gehen – selten – in die USA.

Das deutsche und japanische Schulsystem sind ziemlich verschieden. Wo liegen die größten Unterschiede? Und womit kann die Deutsche Schule in Japan punkten, was macht sie so attraktiv?

Da für Nicht-Japaner das japanische Schulsystem in aller Regel von vornherein nicht in Frage kommt, sollte man die Attraktivitätsfrage vielleicht etwas anders stellen. Der größte Unterschied zwischen den Schulsystemen besteht in dem großen Gewicht, das im deutschen System der Erziehung zur Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit beigemessen wird sowie in dem großen Fremdsprachenangebot – letzteres auch gerade im Vergleich zu englischsprachigen Schulen. Neben Deutsch als Unterrichtssprache sind bei uns Englisch, Französisch, Japanisch als Muttersprache, Japanisch als Fremdsprache und Latein im Angebot, im AG-Bereich auch Spanisch. Man kann sichergehen, dass unsere Schülerinnen und Schüler hinterher in den modernen Fremdsprachen auch tatsächlich kommunizieren können. Das macht die Schule auch für international orientierte Japaner attraktiv.

Sie haben ab 2012 das internationale Profil der DSTY noch einmal gestärkt. Warum und womit?

Die DSTY befand sich schon vor 2012 hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft auf dem Weg von einer rein „deutschen“ Schule zu einer stärker international gemischten, nur wurden daraus keine Konsequenzen gezogen. Infolge der durch das Erdbeben 2011 ausgelösten Krise hatte sich dieser Prozess verstärkt. Es war daher zwingend erforderlich, eine systematische Deutschförderung aufzubauen, um Kindern ohne oder mit geringen beziehungsweise mit eingeschränkten Deutschkenntnissen eine erfolgreiche Schullaufbahn zu ermöglichen. Daher haben wir den Fachbereich „Deutsch als Zweitsprache“ völlig neu aufgebaut und inzwischen eine tragfähige Grundlage erreicht.

Die DSTY ist eine der ältesten und größten deutschen Auslandschulen in Ostasien. Entsprechend groß ist auch die Anzahl der der Alumni. Welche Unterstützung erfahren sie von Ihnen? Und: Können Sie ein paar beispielhafte Alumni-Karrieren nennen?

In der Tat gibt es bei einer so alten Auslandsschule viele Alumni. Eine ganze Reihe von ihnen bekleidet derzeit Professuren an deutschen und japanischen Universitäten, manche sind nach ihrem Studium in Deutschland auch für ihre Firmen nach Japan zurückgekehrt und bekleiden zum Teil Chefposten in ihren Firmen. Eine ehemalige Schülerin hat sogar an der Erstellung der japanischen Verfassung mitgearbeitet.

 

Zuletzt eine persönliche Frage: Ihr eigentliches Interessengebiet sind alte Sprachen und alte Geschichte. Welche Rolle spielt Latein an der DSTY? Und woher kommt Ihre Faszination für Japan?

Latein als Grundlagenfach der europäischen Kultur wird hier ab der 10. Klasse angeboten und erfreulicherweise auch angewählt. Regelmäßig haben wir eine deutliche Zahl von Absolventen, die bei uns das Latinum erwerben. Darüber hinaus gilt es zunehmend, Unterrichtsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler zu schaffen, die Latein aus Deutschland schon mitbringen und es hier fortführen möchten.

Mein persönlicher Bezug zu Japan ist sehr alt: 1979 war ich aus Anlass der Hochzeit meiner Schwester mit einem Japaner zum ersten Mal in Japan und seitdem immer wieder im Abstand von circa eineinhalb Jahren. Daher ist mir Japan bei meinem Amtsantritt nicht ganz fremd gewesen. Im Laufe der Jahre hier habe ich es um so mehr schätzen gelernt: die Korrektheit, die Höflichkeit im Umgang der Menschen, die Sicherheit, die Perfektion in vielen Dingen, die hohe Qualität der Lebensmittel, die Schönheit der Landschaft, sobald man die Metropole verlässt… ▪

Interview: Martin Orth