Die Vielfalt im Klassenzimmer

Deutsche und israelische Pädagogikstudierende erforschen „plurikulturelle Lernwelten“

picture-alliance/dpa - Education

Israel ist seit der Gründung ein Einwanderungsland, und die Gesellschaft wird immer vielfältiger: Ein Fünftel der Bevölkerung sind Araber, aus der ehemaligen Sowjetunion kamen über eine Million Einwanderer ins Land, die Zahl der Arbeiter aus Asien und der Flüchtlinge aus Afrika wächst. Auch Deutschland wird durch Einwanderung geprägt, mehr als 16 Millionen Menschen stammen heute aus Migrantenfamilien.

In beiden Ländern ist diese Entwicklung eine Herausforderung für Schulen und Lehrer: Sie müssen sich auf Schüler ganz unterschiedlicher Herkunft einstellen. Das Projekt „Plurikulturelle Lehr- und Lernwelten – ein deutsch-israelischer Vergleich“ will Konzepte dafür entwickeln. Je 20 Lehramtsstudierende der Pädagogischen Hochschule (PH) Karlsruhe und des Oranim Academic College of Education in Kiryat Tivon werden bis Anfang 2016 gemeinsam an den Grundlagen für eine Schule der Zukunft arbeiten, die kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt für das Lernen und Lehren nutzbar machen soll. Das Projekt wird vom Deutsch-Israelischen Zukunftsforum gefördert.

„Wir vermuten, dass Israel weiter ist und wir mit den Konzepten hinterher hinken, weil Deutschland sich lange nicht als Einwanderungsland gesehen hat“, sagt Professor Sabine Liebig von der PH Karlsruhe. „Die Vielfalt im Klassenzimmer ist ein Potenzial, das in Deutschland noch wenig genutzt wird.“ Seit Februar 2014 beschäftigen sich die Studierenden in sechs Arbeitsgruppen mit theoretischen Grundlagen des Projekts: unter anderem mit der Geschichte und der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung beider Länder, mit Studien zum unterschiedlichen Bildungserfolg von Schülern verschiedener Herkunft sowie mit Theorien der Pluralität. In den nächsten Semestern wollen sie auch Feldforschung an Schulen in Deutschland und Israel betreiben und Lehrer, Schüler und Eltern befragen, wie sie die wachsende Vielfalt wahrnehmen und welche Ideen sich im Schulalltag bewährt haben.

„Ich kann an Konzepten zu einem hochaktuellen Thema mitarbeiten, mit dem sich das Schulleben tatsächlich gestalten lässt“, sagt die angehende Lehrerin Martina Hunkler. Auch Erfahrungen aus ihrem Studentenjob motiviert, an dem Projekt teilzunehmen: „Ich gebe zwei türkischen Jungen Nachhilfe. Da interessiert mich die Frage, wie sich die Herkunft auf den Schulerfolg auswirkt.“ Für den israelischen Geschichtsstudenten Amir Petrashevsky ist das Projekt „eine einzigartige Chance, die kulturelle Vielfalt in verschiedenen Gesellschaften zu vergleichen, von denen die eine politische Probleme und Sicherheitsprobleme hat und die andere nicht. Ich hoffe, dass die Deutschen uns israelischen Studenten helfen können, die Dinge von der anderen Seite zu sehen.“

Im November 2014 wollen sich alle Projektteilnehmer zum ersten Mal in Karlsruhe treffen. Von dann an werden sie ihre Erfahrungen regelmäßig in Workshops in Israel und Deutschland austauschen und über eine gemeinsame E-Learning-Plattform in Verbindung bleiben. Die Ergebnisse sollen 2016 ins Internet gestellt werden, damit die Öffentlichkeit sie nutzen kann. ▪