„Ein Thinktank für Globale Chirurgie“

Von Harvard bis in die Dörfer Ruandas: Die junge Deutsche Magdalena Gründl engagiert sich weltweit für verbesserte Gesundheitsversorgung.

Magdalena Gründl
Magdalena Gründl privat

Frau Gründl, „Globale Chirurgie“ ist ein eher neues Thema. Warum setzen Sie sich dafür ein?
Wenn es um globale Gesundheitsversorgung geht, denken die meisten an Infektionskrankheiten. Aber rund fünf Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sicherer chirurgischer Versorgung. Jedes Jahr sterben etwa 16,9 Millionen Menschen an Krankheiten, die chirurgisch behandelbar wären –also mehr als an HIV, Malaria und Tuberkulose zusammen. Dieser Befund führte unter anderem dazu, dass die WHO vor drei Jahren „Global Surgery“ in ihre Agenda aufgenommen hat. Mit dem Erfolg, dass sich inzwischen zum Beispiel die Gesundheitsminister afrikanischer Länder an die WHO wenden, weil sie Chirurgie in ihren nationalen Gesundheitsplan mitaufnehmen wollen. Dafür gilt es jetzt, Daten zu erheben.

Sie beteiligen sich forschend an der notwendigen Datenerhebung – wie sieht das aus?
Ich studiere Medizin in Freiburg, hatte aber zusätzlich die Chance zwischen 2016 und 2018 in Harvard zu einem 20-köpfigen Team aus Studierenden und Chirurgen zu gehören, die weltweit Daten zu „Globaler Chirurgie“ gesammelt und auch Datensammler vor Ort ausgebildet haben. Die Forschungsstelle an der Harvard Medical School ist auf dem Gebiet führend. In Ruanda haben wir für den vom dortigen Gesundheitsministerium gewünschten nationalen Chirurgie-Plan mehrere Fragen überprüft: Wie viele Chirurgen und Operationssäle gibt es? Wie sind die ausgestattet? Wie oft haben die OP-Säle Strom? Gibt es fließendes Wasser? Und was ist auf dieser Basis der konkrete Bedarf?

Welche praktischen Konsequenzen hat Ihre Arbeit?
In Ruanda habe ich auch zur chirurgischen Wundinfektion geforscht. In Ruandas Gesundheitssystem gibt es für jedes Dorf einen Gesundheitshelfer, der von der Gemeinschaft ausgewählt wird und dann eine zweiwöchige Schulung bekommt, um zum Beispiel Malaria behandeln zu können. Diese Gesundheitsbeauftragten haben wir jetzt auch darin geschult, wie man erkennt, ob jemand eine Wundinfektion hat. Sie besuchen nun zehn Tage nach einer Operation mit einem Tablet-Computer den jeweiligen Patienten und gehen ganz bestimmte Fragen nach Schmerzen, Wundsekret oder Rötungen durch. Wenn sie dann anhand des Algorithmus, den wir mit den Fragen kreiert haben, eine Wundinfektion erkennen, schicken sie den Patienten zurück ins Krankenhaus.

Sie betreiben mit der von Ihnen mitgegründeten German Global Surgery Association auch viel Aufklärungsarbeit. Wie sieht das konkret aus?
Unser Verein versteht sich als Thinktank. Globale Chirurgie ist ein neues Thema. In den USA und Kanada gibt es immerhin rund zehn entsprechende Forschungsstellen, in Europa gerade mal zwei: in London und an der schwedischen Universität in Lund. Diese Lücke versuchen wir zu füllen und vernetzt aktiv zu sein. Wir haben es in einem Pilotprojekt schon geschafft, dass in Sambia vier chirurgische Fragen in die Erhebung von Gesundheitsdaten aufgenommen werden. Wir engagieren uns politisch und in der Interessenvertretung, berichten auf Veranstaltungen der UN wie dem Universal Health Coverage Day oder auf der World Health Assembly in Genf.

Was motiviert Sie zu Ihrem Engagement?
Ich hatte eine Art Schlüsselerlebnis in Tansania, also ich nach dem Abitur freiwillig in einem abgelegenen Bergdorf in einem Krankenhaus arbeitete. Damals wusste ich, dass ich Medizin studieren und Kinderchirurgin werden wollte und dass mich Gesundheitspolitik interessiert. Ich wollte testen, ob mir ein Krankenhausalltag wirklich liegt. Damals starb dort am ersten Tag ein kleines Kind an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs, weil es einfach nicht rechtzeitig operiert und versorgt werden konnte. Das kommt in den Industrieländern eigentlich nicht mehr vor und hat meinen Wunsch gefestigt, hier nachhaltig etwas zu verändern.

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