Bewährte Partnerschaft mit vielen Facetten

Die deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen können sich auf ein stabiles Fundament stützen.

Studyworld 2012 - Wissenschaftskooperation

Alexei Khokhlov ist ein vielbeschäftigter Wissenschaftler: Der russische Physikprofessor führt als Vize-Rektor die Moskauer Staatsuniversität Lomonossow, er ist Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, er sitzt im wissenschaftlichen Rat des russischen Forschungsministeriums und er hat an der Moskauer Staatsuniversität den Lehrstuhl für Polymer- und Kristallphysik inne. Genug Energie hat er trotzdem noch, um die deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen als Direktor des „Institute of Advanced Energy Related Nanomaterials“ an der Universität Ulm voranzutreiben.

An der Einrichtung erforschen Wissenschaftler beider Staaten Brennstoffzellen, Solarzellen und Lithium-Ionen-Batterien für Energieanwendungen. Das Ulmer Institut ist ein wichtiger Standort für russische Nano- und Polymerforscher – und Alexei Khokhlov ein entscheidender Motor. Er erhielt im Jahr 2001 den mit rund 3,4 Millionen D-Mark dotierten Wolfgang-Paul-Preis der Alexander von Humboldt-Stiftung und richtete mit dem Geld das Institute of Polymer Science ein, das Wissenschaftler der Lomonossow-Universität und der Universität Ulm im Jahr 2012 zum Institute of Advanced Energy Related Nanomaterials ausbauten.

„Das Institut behandelt ein sehr angesagtes Thema, für das sich derzeit viele deutsche und russische Forschungseinrichtungen interessieren“, sagt Khokhlov, der jeden Monat für ein paar Tage nach Ulm fliegt. Regelmäßig kommen Wissenschaftler aus den beiden Universitäten zu Forschungsaufenthalten an die jeweilige Partnerinstitution. Zudem gibt es ein Doppelpromotionsprogramm: Doktoranden forschen zur Hälfte der Zeit an der Staatsuniversität Lomonossow, die andere Hälfte an der Universität Ulm. Absolventen erhalten zwei Promotionsurkunden, eine aus Ulm und eine aus Moskau. „Die Forschungskooperation hat für beide Seiten einen Nutzen“, sagt Khokhlov. Die Moskauer Lomonossow profitiere insbesondere, durch die internationale Erfahrung ihrer Promovenden. Für die Universität Ulm erhöhten sich durch Forschungspartner aus Russland die Erfolgsaussichten bei internationalen Ausschreibungen.

Die Beziehungen zwischen Ulm und Moskau sind nur eines von vielen Beispielen, wie Universitäten und Fachhochschulen aus Deutschland und Russland zusammenarbeiten. Gab es 1993 erst 305 Kooperationen, so listet der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) aktuell 859 auf – das macht Russland zu einem der zehn wichtigsten Kooperationspartner für Deutschlands Hochschulen. „Die deutsch-russische Zusammenarbeit hat eine lange Tradition. Sie ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit beiderseitigen und guten wissenschaftlichen Erträgen“, sagt auch der HRK-Präsident Horst Hippler. Die florierende Partnerschaft unterstreichen zudem Zahlen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung: Demnach forschten im Jahr 2011 863 russische Hochschullehrer in Deutschland, so viele wie aus keinem anderen Land. Dazu kommen noch 228 russische Postdocs und 931 Doktoranden, die sich zu Forschungszwecken in Deutschland aufhielten. Auch der Zustrom russischer Studierender hält an: Zwischen 1999 und 2013 nahm deren Zahl von 4280 auf 10912 rasant zu.

Umgekehrt zieht es aber deutlich weniger deutsche Studierende gen Osten. Mehr Interesse an Russland können gemeinsame Masterstudiengänge bewirken, die immer häufiger ins Leben gerufen werden. Ein Beispiel: Die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin und die Universität Potsdam sowie das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen bieten seit 2005 ein deutsch-russisches Doppel-Master-Programm „Internationale Beziehungen“ an. Studierende können so einen russischen und einen deutschen Master-Abschluss erwerben.

Die Kooperationen der beiden Staaten dominieren Disziplinen der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Ungewöhnlich ist deshalb der Ansatz der Universität zu Kiel. Das dortige Institut für Osteuropäisches Recht beherbergt die Geschäftsstelle des Deutsch-Russischen Juristischen Instituts (DRJI). Der Bedarf an Kontaktaufnahme ist groß: Acht deutsche und sieben russische Universitäten sowie die Föderale Rechtsanwaltskammer und die Föderale Notarkammer Russlands beteiligen sich am DRJI. „Wir erleichtern Rechtswissenschaftlern die Vernetzung und den Dialog mit Partnern in Deutschland und Russland“, sagt die deutsche Geschäftsführerin Susanne Rieckhof. Wer beispielsweise russische Jurastudierende an eine deutsche Universität schicken möchte, wer als Wissenschaftler zu Forschungszwecken an eine juristische Fakultät nach Russland gehen will oder wer einen Partner für ein Forschungsprojekt sucht, dem kann das DRJI helfen. Zudem organisiert das DRJI regelmäßig Tagungen und Sommerschulen, verleiht einen Juristenpreis und veröffentlicht Fachpublikationen. „Vor allem von russischer Seite ist das Interesse sehr groß“, sagt Susanne Rieckhof.

Auf sich aufmerksam macht auch die TU Bergakademie Freiberg. Seit 240 Jahren kooperiert die Technische Universität mit der St. Petersburger Bergbau-Universität. Diese außergewöhnlich lange Zusammenarbeit würdigten beiden Hochschulen, in dem sie Anfang 2014 ein Lomonossow-Haus einweihten – in Erinnerung an den berühmten Naturwissenschaftler und Gelehrten Michail Lomonossow, der von 1739 bis 1740 in Freiberg Mineralogie, Bergbau und Hüttenwesen studierte. Das Haus soll nicht nur ein deutsch-russisches Zentrum für wissenschaftliche Zusammenarbeit sein; es bietet auch Appartements vorrangig für russische und deutsche Wissenschaftler und Studierende an. Die St. Petersburger Universität unterstützt den Bau des Hauses mit rund 950000 Euro. Ihr Rektor Wladimir Litwinenko sieht in dem Gebäude „ein Symbol der Ausweitung der Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland im Rohstoffbereich“. Für die TU Freiberg bedeutet es zudem einen Maßstab für die internationale Zusammenarbeit: „Das erstmals umgesetzte Studienhaus-Konzept ist Vorbild für die Kooperation mit weiteren Partnerländern wie etwa Vietnam, Indien oder Polen“, sagt Universitätsrektor Bernd Meyer.

Die TU Freiberg zeichnete Rektor Litwinenko im Juni 2014 mit der Ehrenpromotion der Hochschule für seine Verdienste um die Zusammenarbeit beider Universitäten aus. Noch hochkarätiger wurde Alexei Khokhlov vom Ulmer Institute of Advanced Energy Related Nanomaterials geehrt. Für seinen Einsatz rund um die binationale Kooperation verlieh ihm Bundespräsident Joachim Gauck 2013 das Bundesverdienstkreuz. ▪