Israelische Gründer in Berlin

Das Projekt EXIST Start-up Germany fördert erstmals auch ausländische Start-ups: Der Israeli Ran Oren gehört mit seiner Plattform Pin2Pin zu den Pionieren.

Ran Orens neues Büro ist so voller Berlin-Stereotype; man könnte es kaum nachbauen. Draußen löst sich der Lack von den Fenstern, auf dem Weg in den zweiten Hinterhof erinnert ein erstaunlich unversehrter Schriftzug auf der Mauer „In der Durchfahrt ist das Unterstellen von Gegenständen polizeilich verboten“ an vergangene Zeiten. Drinnen bilden Lehranstalts-Vitrinen aus den DDR-Jahren und über Putz verlegte, knallorange bemalte Stromleitungen die Kulisse für Informationen aus dem 21. Jahrhundert: Das Buch „Underground“ von Julian Assange und Suelette Dreyfus, Broschüren über Crowdfinanzierung, Flyer von Versicherungsanbietern, Plakate, die zum Kitchenpitch, dem monatlichen Gründerevent der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) einladen. Willkommen im HU-Gründerhaus in Berlins Mitte.

Am Fenster mit Blick in den selbst für Berlin schmal geratenen Innenhof sitzt Ran Oren. 35 Jahre alt, Informatiker, Israeli. Noch im vergangenen Winter hatte er in Tel Aviv eine solide Festanstellung in der Datensicherheitsbranche; davor arbeitete er bei einem Start-up. Dessen Grundidee, die es nicht zur erfolgreichen Vollendung brachte, ging ihm seither nicht aus dem Kopf. Sollte es nicht möglich sein, die Hersteller von elektronischen Einzelteilen und jene, die diese verarbeiten, auf einer Plattform miteinander in Kontakt zu bringen? Vom Smartphone- bis zum Autohersteller benötigten Unternehmen hunderte, wenn nicht tausende elektronische Einzelteile, erläutert Oren: „Es gibt unzählige Produzenten von elektronischen Komponenten, aber kaum Distributoren, die dafür sorgen, dass die richtigen Unternehmen von ihnen erfahren. Auf der anderen Seite kann eine Produktion zusammenbrechen, wenn ein einziges Teil nicht lieferbar ist.“

Soweit die Idee, die ihm wieder in den Sinn kam, als er über die Website meetup.com von einem neuen Angebot erfuhr. Zum ersten Mal in der 1998 begonnenen Geschichte des Existenzgründerprogramms EXIST wurden Absolventen ausländischer Hochschulen aufgefordert, sich für ein Stipendium in Deutschland zu bewerben. Ausgewählt für die zweijährige Pilotphase wurden junge Menschen in Israel – und damit wohl nicht ganz zufällig in dem Land mit der größten Start-up-Dichte der Welt. Im Juli 2015 stellten die Staatssekretärin des federführenden Bundeswirtschaftsministeriums, Brigitte Zypries, und der Präsident der Technischen Universität Berlin (TU), Christian Thomsen, das Programm vor.

Ran Oren und sein damaliger Partner gehörten zu den ersten elf Gründerteams, die im Februar nach Berlin eingeladen wurden. An drei Tagen trafen sie auf Vertreter der fünf beteiligten Universitäten in Berlin und Potsdam, erhielten ein Coaching und traten schließlich in einem finalen Pitch an, nach dem fünf von ihnen ausgewählt wurden. In der Jury saßen Gründungsberater der beteiligten Universitäten, wie sie etwa im HU-Gründerhaus oder auch im so genannten „Inkubator“ der TU Berlin arbeiten. Diese, erklärt Lisa Breford, Koordinatorin von EXIST Start Up Germany mit Sitz an der TU Berlin, „können mit ihrer Erfahrung am besten beurteilen, ob eine Idee vielversprechend ist oder ein Team noch nicht so weit ist – oder bereits zu weit.“ Das Gründerstipendium von EXIST richtet sich an Akademiker, die bereits eine gute Idee und einen groben Business-Plan vorweisen. Ein Jahr lang unterstützt es sie dann finanziell dabei, zusammen mit einem Mentor aus einer Hochschuleinrichtung an der Feinkonzeption und dem eigentlichen Antrag zu arbeiten.

Für Oren lag auf der Hand, sich zu bewerben: Der große potenzielle Markt in Deutschland, jede Menge internationale kreative Köpfe in Berlin, der akademische Partner. „Vielleicht ist die Start-up-Kultur in Israel so ausgeprägt, weil wir unsichere Verhältnissen kennen. Wir leben in ihnen“, sagt Oren. Dennoch bleibe eine Gründung ein Risiko: „Und was wäre besser, als einen so stabilen Partner wie die akademische Welt an der Seite zu haben?“ Zudem, erzählt er, habe er mit dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Informatik an der HU, Björn Scheuermann, einen Mentor, dessen Start-ups bisher alle geglückt seien.

Orens Co-Gründer blieb am Ende doch in Israel. „Es ist keine leichte Entscheidung, sein Land zu verlassen“, erklärt Oren, „viele Israelis sind sehr familienverbunden. Und sind bereits eigene Kinder da, ist der Schritt noch größer.“ Tatsächlich sind von den fünf im Februar ausgewählten Teams bisher lediglich zwei durchgestartet. Dass gelegentlich Teams ausscheiden, sei „im Prinzip normal“, erklärt Breford, „der eine mag es sich doch nicht zutrauen, der andere feststellen, dass es eines anderen Ansatzes bedarf.“ Dass gleich drei von fünf aufgaben, liege sicherlich auch an dem hohen Zeitaufwand, den der finale EXIST-Antrag – der sich an die EXIST-Start-Up-Germany-Phase anschließt – erfordert. „Hier wird ganz genau kontrolliert, wie innovativ die Idee ist und ob es einen Markt dafür gibt“, erklärt Breford. Im Gegensatz zu den deutschen Teams, die mit solchen Prozessen vertraut seien, habe sich gezeigt, dass dies für israelische Teams eine erhebliche Hürde darstelle.

Zurzeit ist aus der ersten Runde außer Pin2Pin – so soll das Unternehmen von Ran Oren heißen – ein weiteres B2B-Start-up in Vorbereitung. Vier weitere Projekte wurden jüngst in einer zweiten Runde ausgewählt. Die dritte Ausschreibung findet ab 1. November statt. ▪