Wettbewerb und Kooperation
Das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus Tokyo will ein Forum für Wissenschaft und die forschende Wirtschaft sein.
Frau Dieth, Herr Rudelt, vergangenes Jahr wurde das DWIH Tokyo etabliert. Was ist der Anlass, was das Ziel dieser Initiative?
Ein wesentlicher Anlass zum Ausruf dieser Initiative der deutschen Bundesregierung, die bereits im Jahr 2009 ihren Anfang nahm, war die Beobachtung, dass viele Synergieeffekte, die ein gemeinschaftlicher Auftritt der Institutionen der deutschen Wissenschaft und forschenden Wirtschaft in Japan schaffen würde, derzeit noch ungenutzt sind. Dort setzt das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus Tokyo an. Es will Querverbindungen schaffen, was in dieser Form ein Novum ist. Zu diesem Zweck bildet es ein Forum mit dem Ziel, die deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie innovative Unternehmen gebündelt zu präsentieren. Dies geschieht unter anderem durch die Bereitstellung von Informationen über eine neue Website, durch einen institutionenübergreifenden Veranstaltungskalender sowie mit Projektpartnern gemeinsam organisierte Veranstaltungen. Wichtigstes Ziel unserer Aktivitäten ist es, durch einen gemeinschaftlichen Auftritt die Sichtbarkeit der deutschen Wissenschaft und forschenden Wirtschaft in Japan zu erhöhen und die Wissenschafts- und Wirtschaftskooperation mit japanischen Partnern auf dieser Grundlage deutlich auszubauen und zu vertiefen.
Auch in den USA, Brasilien, Russland und Indien werden Deutsche Wissenschafts- und Innovationshäuser aufgebaut. Was ist das spezielle Interesse an Japan?
Die Verbindung zwischen Deutschland und Japan hat eine lange Tradition, gerade auch im Bereich der Wissenschaft. Dies wird aktuell im Zuge der Feierlichkeiten zu 150 Jahren deutsch-japanischer Freundschaft unterstrichen. Heute ist Japan ein globaler Trendsetter, sehr aktiv im Bereich von Forschung und Innovation, und darüber hinaus ein wichtiger Handelspartner Deutschlands. Zudem sehen sich Deutschland und Japan ähnlichen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen gegenüber. An dieser Stelle sei nur an das Stichwort des demographischen Wandels erinnert. In beiden Ländern ist absehbar, dass ein Fachkräftemangel droht. Japan ist ein Land, über dessen Zukunft, ebenso wie in Deutschland, vor allem Innovationskraft und Innovationsfähigkeit entscheiden. Aus all diesen Gründen ist Japan ein hochattraktiver Partner für die deutsche Wissenschaft und Wirtschaft.
Auf welchen Bereichen beziehungsweise Branchen liegt der Fokus?
Der Fokus unserer Arbeit liegt auf Themen, die von besonderer Relevanz für die deutsch-japanische Kooperation sind, besonders in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, zum Beispiel in den Bereichen Umweltforschung, Neue Materialien, Nanotechnologie, Neurowissenschaften und Robotik. Auch die Luft- und Raumfahrttechnik zählt dazu. In diesem Jahr wird der inhaltliche Schwerpunkt des DWIH Tokyo auf den Bereichen Gesundheitsforschung und Medizintechnik liegen. Zu diesen Themengebieten planen wir für den Herbst ein großes internationales Symposium unter Beteiligung aller Partner des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses Tokyo. Grundsätzlich sei aber gesagt, dass wir alle wissenschaftlichen Disziplinen einschließen, was auch ausdrücklich für die Geistes- und Sozialwissenschaften gilt.
Wie ähnlich sind die deutsche und die japanische Forschungslandschaft?
Das japanische und das deutsche Wissenschafts- und Innovationsssystem weisen erstaunlich viele Ähnlichkeiten auf. So gibt es in beiden Ländern eine Vielzahl von Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie hochtechnisierte Unternehmen, die auf einem vergleichbaren Niveau Forschung und Entwicklung betreiben. Investitionen in Forschung und Entwicklung genießen in beiden Ländern eine hohe Priorität. Die Clusterbildung wird in ähnlicher Weise gefördert, um Exzellenz zu bündeln und den Technologietransfer zu verbessern. Japan hat zudem wie Deutschland einen hohen Anteil an Industrieforschung bei den FuE-Aufwendungen. Gerade dies bietet großes Potential für Vernetzung und Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auf beiden Seiten.
In der forschenden Wirtschaft und der Wissenschaft herrscht auch Konkurrenz. Wie lassen sich Konkurrenz und Kooperation vereinbaren?
Natürlich sind Japan und Deutschland in vieler Hinsicht Konkurrenten, sowohl in technologischer als auch unternehmerischer Hinsicht. Wettbewerb und Kooperation schließen sich aber nicht aus, sondern gerade weil Japan Vorreiter bei wichtigen Zukunftstechnologien ist, bieten sich vielversprechende Ansätze für gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Die Wissenschaft arbeitet seit langer Zeit unter den Vorgaben von Kooperation und Wettbewerb. Hier gibt es eigentlich keine Besonderheiten in Bezug auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Japan. Dass dieses Spannungsverhältnis keine Hürde darstellt, belegen auch die Erfahrungen zahlreicher deutscher Unternehmen, die mit japanischen Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, wie etwa im Bereich der Materialwissenschaften, aber auch in der Pharmaforschung. Die beteiligten Wissenschaftler und Unternehmer betonen immer wieder, wie vertrauensvoll die Zusammenarbeit läuft.
Erst vor drei Jahren wurde der German Innovation Award ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit mit japanischen Forschungsinstituten und Hochschulen zu fördern. Sind daraus schon Partnerschaften und Netzwerke entstanden?
Der German Innovation Award hat ein ausgesprochen positives Echo ausgelöst. Da auch die japanischen Forschungseinrichtungen die Notwendigkeit sehen, sich weiter zu internationalisieren und wegen Mittelkürzungen mehr Drittmittel aus der Wirtschaft akquirieren müssen, lagen wir mit dem Timing dieses Projektes genau richtig. Die Hochschulen sind sehr daran interessiert, Kontakte zu ausländischen Unternehmen auf- und auszubauen. Daher unterstützten sie uns auch sehr breit bei der Bekanntmachung des Preises bei ihren Forscherinnen und Forschern. Es ist erfreulich zu sehen, dass bereits einige konkrete Forschungsprojekte von deutschen Unternehmen mit Preisträgern und Bewerbern entstanden sind.
Interview: Martin Orth