Kommentar: Das Coronavirus und die Kunst des Möglichen

Die Reaktionen auf die Corona-Pandemie zeigen: Auch bisher völlig Undenkbares wird nicht nur denkbar, sondern ganz plötzlich sogar machbar. Eine Lektion vielleicht auch für andere Weltprobleme, meint Matthias von Hein.

Leere Autobahn: Das Coronavirus macht’s möglich
Leere Autobahn: Das Coronavirus macht’s möglich dpa

Politik, heißt es immer, sei die Kunst des Möglichen. Meist wird dieser Satz von einem Achselzucken begleitet und er fällt, wenn wichtige Weichenstellungen eben gerade nicht erfolgen, wenn Zukunftschancen verspielt werden oder Ungerechtigkeiten nicht entschieden bekämpft werden.

Nach einer guten Woche sich überstürzender Ereignisse und Entscheidungen, die weit ins öffentliche und private Leben eingreifen, reibt man sich verwundert die Augen: Möglich ist eben doch deutlich mehr als allgemein gedacht.

Primat der Wirtschaft außer Kraft

Auf einmal geben Wissenschaftler den Ton an in der Politik. Computermodelle werden zur Grundlage weitreichender Entscheidungen. Das sonst herrschende Primat der Wirtschaft ist zumindest kurzfristig außer Kraft gesetzt. Angesichts der sehr konkreten Bedrohung durch COVID-19 macht sich ein entschlossenes Gefühl von "Wir schaffen das - egal wie" breit.

So akut und brenzlig die Corona Pandemie ist: Sie ist die zwar drängendste aber beileibe nicht einzige Bedrohung für die Menschen auf dem blauen Planeten. Nehmen wir zum Beispiel den Umweltbereich, etwa den Klimawandel: Da warnen Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Sehr überzeugende Computermodelle zeigen eindringlich, wie sich das Leben auf der Erde verändern wird, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird - und zwar je früher, desto besser. Zu wirklich entschiedenem Handeln hat das bislang nicht geführt. Oder ein anderes Umweltproblem: die fortschreitende Vermüllung der Erde mit Plastik. Oder das massenhafte Aussterben von Arten. In den meisten Fällen wissen wir genau, was getan werden müsste. Aber es passiert viel zu wenig viel zu langsam.

Natürlich ist es einfacher eine ganze Gesellschaft zu mobilisieren, wenn es um den konkreten Schutz des eigenen Lebens und ihrer Lieben jetzt geht. Wenn nicht eine als abstrakt empfundene Gefahr in der Zukunft bekämpft wird. Oder eine, die sich womöglich an anderen Orten stärker zeigt, als bei einem selbst.

Möglich ist deutlich mehr als man denkt

Dazu kommt das Problem der Trittbrettfahrer. Um beim Beispiel Klimawandel zu bleiben: Von den Maßnahmen zum Klimaschutz profitieren eben nicht nur jene Staaten, die sie leisten.

Irgendwann aber wird die Corona-Pandemie Geschichte sein. Wenn dann jemand abwiegelt, Politik sei doch nur die Kunst des Möglichen, können wir jetzt daran erinnern: Möglich ist deutlich mehr als man denkt.