Vom Bauhaus nach Buenos Aires

Grete Stern machte in Argentinien Karriere – mit Traumbildern und Dokumentationen.

Ironisch: Foto einer Frau als Nachttischlampe (links)
Ironisch: Foto einer Frau als Nachttischlampe (links) Jim Watson/AFP/Getty Images

Eine elegant gekleidete Frau kauert unter einem Lampenschirm. Sie ist Teil der Lampe. Von hinten kommt eine überdimensionale Männerhand, die sie ein- und ausknipsen kann. Der ironische Titel: „Elektrische Geräte für daheim“ (Artículos eléctricos para el hogar) – eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgenössischen Frauenbild und der Psyche der Frau. Autorin dieses surrealistischen „Traumbilds“ ist die deutsche Fotografin Grete Stern (1904-1999). Sie sollte die Modernisierung der Fotografie in Argentinien vorantreiben – vor allem mit ihren Fotomontagen.

Ich habe mich nur darauf beschränkt zu fotografieren, was ich sah.

Bauhaus-Künstlerin Grete Stern

Erfolgreiche Werbefotografin in Berlin

Grete Stern war innovativ in allem, was sie anfasste. Ihre Ausbildung zur Grafikerin begann sie 1923, mit 19 Jahren, an der Kunstgewerbeschule am Weißenhof in Stuttgart. 1927 nahm sie Privatunterricht in Fotografie beim späteren Bauhaus-Meister Walter Peterhans in Berlin. Dort traf sie auf Ellen (Rosenberg) Auerbach, mit der sie 1930 das Studio ringl + pit gründete und als Porträt- und Werbefotografin in der Hauptstadt Furore machte.

Künstlerischer Neustart in Buenos Aires

„Er hat uns sehen gelehrt“, so beschreiben Stern und Auerbach den Einfluss Peterhans auf ihre Arbeiten, die als Werbung publiziert und schon bald als Kunst gelobt wurden. Ihre experimentellen dadaistisch-surrealistisch inspirierten Collagen machen sie international bekannt. Bei einem Fotokurs am Bauhaus Dessau lernt Stern ihren späteren Ehemann, den argentinischen Fotografen Horacio Coppola (1906-2012), kennen. Mit ihm verlässt die jüdische Künstlerin im Herbst 1933 das nationalsozialistische Deutschland und emigriert zunächst nach London und 1936 nach Buenos Aires.

In Argentinien stellen Coppola und Stern im Salon des avantgardistischen Literaturmagazins „SUR“  aus. Doch haben ihre vom Bauhaus geprägten Werke über den engen Zirkel argentinischer und europäischer Intellektueller hinaus zunächst keinen größeren Einfluss. Nach fotografischen Beiträgen für eine Architekturzeitschrift 1947 und der Mitarbeit am fortschrittlichen Stadtplan von Buenos Aires erhält Stern 1948 das Angebot, die Traumdeutungskolumne der Frauenzeitschrift Idilio zu illustrieren. Die Arbeiten sind nicht nur ihrer Form nach, sondern auch inhaltlich revolutionär: Die Frauen erscheinen reduziert zu bloßen Schmuck- oder Gebrauchsobjekten von Männern. Radikal kritisiert die Serie „Träume“ (Sueños) die Rolle der Frau in der argentinischen Gesellschaft.

Auch als Mitarbeiterin am Nationalmuseum, ab 1956, betritt Stern Neuland. Sie baut ein Archiv über die indigenen Gemeinden der Region auf. 1958 macht sie erste Porträts der Indigenen. Die Bauhausprägung zeigt sich in ihrer besonderen Wertschätzung des indianischen Kunsthandwerks, den geometrischen Formen der Weberei und Korbflechterei und in der Töpferei. 1964 reist Stern drei Monate durch den Gran Chaco und dokumentiert das Leben seiner Einwohner.

Erste Sozialdokumentation Argentiniens

Sie sieht die große Armut, aber auch die Würde der Menschen, die sie in strengen Schwarz-Weiß-Porträts erfasst. Detailliert dokumentiert sie das karge Leben ganz ohne Posen und Exotismus: Menschen, Landschaften, Häuser, Inneneinrichtungen und Kunsthandwerk. Die Serie „Aborígenes del Gran Chaco“ mit rund 1.500 Aufnahmen ist ein moderner Fotoessay. Wieder einmal Pionierarbeit.

In den 1970er-Jahren werden ihre Bauhaus-Arbeiten wiederentdeckt, die Stern mit spätem Erfolg krönen. Schätzen Kritiker, Verleger und Sammler ihre Arbeiten aus dem Chaco zunächst nicht so sehr, so waren sie ihr selbst die wertvollsten. Heute sind sie als erste große Sozialdokumentation der argentinischen Fotogeschichte anerkannt.

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