Ausgezeichneter Geschichtenerzähler

Der Autor Ron Segal hat eine berührende Erzählform für die Erinnerung an den Holocaust gefunden. Daraus entsteht nun der Animationsfilm „Adam“.

Ron Segal
Ron Segal Pavel Bolo

Adam Schumacher will sich noch einmal erinnern. Mit 90 Jahren möchte der erfolgreiche Schriftsteller und Überlebende des Holocaust sein Leben und die Liebesgeschichte zu seiner toten Frau erzählen, die im Konzentrationslager Harfe gespielt hat. Aber Adam ist dement, seine Erinnerung nur noch Stückwerk. Für seine Erzählung füllt er die immer größer werdenden Lücken im Gedächtnis fieberhaft mit fremden und erfundenen Erinnerungen.

„Ein Holocaust Überlebender, der an Alzheimer leidet – können wir ihm glauben? Dürfen wir? Müssen wir? Wie funktioniert das? Diese Erinnerung ist heilig. Aber was machen wir, wenn sie durch Krankheit in Vergessenheit gerät?“ Adam ist eine fiktive Figur des Autors Ron Segal. Sein 2014 erschienenes Romandebüt „Jeder Tag wie heute“ wirft viele Fragen auf, die auch ein spannender Filmstoff sind. Denn jetzt hat Segal mit Filmförderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien das Drehbuch für den Animationsfilm „Adam“ geschrieben.

Wir müssen diese Geschichte neu erfinden, um die Erinnerung zu behalten.

Ron Segal, Autor von „Jeder Tag wie heute“

Wie lässt sich Erinnerung festhalten?

Die Geschichte ist aus der Perspektive der Enkel der Verfolgten und Überlebenden des Holocaust geschrieben. Literarisch bearbeitete Ron Segal die Schwierigkeiten der dritten Generation, die keine eigene Erinnerung an die große Katastrophe hat, aber einen Umgang mit ihr finden muss. „Ich hatte immer das Gefühl, dass alles, was ich zu dem Thema wissen soll, schon vor mir gedacht oder gesagt war und ich nur auswendig lernen sollte“, sagt Segal. Er aber suchte seine eigene Erzählung. „Die Geschichte des kranken Mannes, der seine lückenhafte Erinnerung zu erzählen versucht, ist auch das, was wir in der dritten Generation versuchen: diese Geschichte neu zu erfinden, um die Erinnerung zu behalten.“

Ron Segal wurde über einen Umweg Schriftsteller

Ron Segal ist 1980 in Israel geboren und studierte an der Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem. Aber Filmemacher sei man erst, wenn man einen langen Film gemacht habe, meint er lächelnd – und soweit sei er mit „Adam“ erst in ein paar Jahren. „Ursprünglich wollte ich Adams Geschichte gleich als Drehbuch verfassen, aber ich beschrieb Gefühle und Gedanken und merkte, ich schreibe einen Roman.“ Der Umweg ist ein Glücksfall, denn Ron Segal entdeckte sich als Schriftsteller.

Für die Liebe in Berlin geblieben

Eine erste Drehbuchversion ist fertig. An deren Umsetzung arbeitet der Autor mit der Produktionsfirma MovieBrats Pictures aus Berlin. Dort lebt Segal heute mit seiner deutschen Frau und dem gemeinsamen Kind. Es ist die Heimatstadt seiner Großmutter, die 1938 vor den Nazis nach Israel flüchtete. Die jüdische Urgroßmutter und sein Großonkel aus der Goltzstraße in Berliner Stadtteil Schöneberg überlebten nicht – sie wurden nach Riga deportiert und ermordet.

2009 kam Segal erstmals mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin, um in den 52.000 Interviews zum Holocaust im Visual History Archive der USC Shoah Foundation an der Freien Universität Berlin zu recherchieren. Er suchte nach Geschichtenerzählern und fand mehr als das. „Ich bin für die Liebe geblieben – die Liebe zu dieser Stadt“, sagt Ron Segal. Berlin bedeutet für ihn heute: offener Zugang zu Europa und Tor zur Welt.

Wichtige Auseinandersetzung mit dem Holocaust

In Deutschland schreibt Ron Segal auf Hebräisch. Sein zweiter Roman, eine schwarze Komödie über das Nachspiel des Sechstagekriegs in Israel aus der Perspektive von heute, erscheint im Frühjahr 2018 in Israel und hat dort bereits einen Preis gewonnen. „Aber bevor ich das Buch schreiben konnte, musste ich mich erst mit dem Holocaust beschäftigen und dieses Thema aus meinen Gedanken befreien“, sagt der Berliner aus Israel. Jetzt entsteht daraus der Film. Und mit dem Buch „Jeder Tag wie heute“ geht Segal noch immer auf Lesereise in Deutschland – auch in Schulen, was ihm besonders am Herzen liegt. Dann spricht er mit jungen Deutschen über die Herausforderung mit den Erinnerungen an den Holocaust.

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