„Rückgabe ist ein Neubeginn“

Im Jahr 2022 sollen die ersten Benin-Bronzen nach Nigeria zurückkehren. Zwei Expertinnen beziehen Stellung.

Drei Benin-Bronzen im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), Hamburg
Drei Benin-Bronzen im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG), Hamburg picture-alliance/dpa

Im einstigen Palast im Königreich Benin – dem heutigen Nigeria – befanden sich Skulpturen und Metalltafeln aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die sogenannten Benin-Bronzen. Viele dieser Objekte wurden Ende des 19. Jahrhunderts aus Benin City entwendet und kamen in europäische Museen. Aktuell bittet die nigerianische Regierung um deren Rückgabe. In Deutschland befinden sich rund 1.000 Objekte in Museen in Hamburg, Stuttgart, Leipzig, Köln. Auch in Berlin sollen sie im neu eröffneten Humboldt-Forum ausgestellt werden.

Spitzentreffen zur Restitution

Auf Einladung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters einigten sich Ende April 2021 das Auswärtige Amt, die Kulturministerinnen und -minister der Länder und die deutschen Mitgliedsmuseen der Benin Dialogue Group in einer digitalen Gesprächsrunde auf einen gemeinsamen Fahrplan mit dem Ziel einer Wiedervereinigung der Kunstwerke in Benin City. Die Benin Dialogue Group ist ein Zusammenschluss internationaler Museen, in denen Benin-Bronzen ausgestellt sind, gegründet für den partnerschaftlichen Dialog mit der nigerianischen Seite. Außenminister Heiko Maas sagte nach dem Spitzentreffen zu den Benin-Bronzen: „Dass es jetzt gelungen ist, mit den Museen und ihren Trägern einen Fahrplan für Restitutionen von Objekten zu vereinbaren, ist ein Wendepunkt in unserem Umgang mit der Kolonialgeschichte.“

Wir haben zwei Expertinnen um ihre Einschätzung zur Debatte über die Rückgabe der Benin-Bronzen gebeten:

„Ein neues Museum in Benin-City“

Barbara Plankensteiner
Prof. Dr. Barbara Plankensteiner ist Sprecherin der Benin Dialogue Group und koordiniert mit Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und dem Auswärtigen Amt die Gespräche der deutschen Museen mit den nigerianischen Partnern.
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„Jetzt geht es darum, die Gespräche mit Nigeria zu intensivieren, um erste Rückgaben im Jahr 2022 zu ermöglichen – das ist unser gemeinsames Ziel. Gleichzeitig bleibt die Benin Dialogue Group, die von internationalen Museen und Experten gebildet wurde, eine sehr wichtige Kommunikationsplattform zum Beispiel für den Austausch über die Entwicklung der Rahmenbedingungen in unterschiedlichen europäischen Ländern und für die gegenseitige Unterstützung. Zusammen mit den nigerianischen Partnern möchten wir das geplante Edo Museum of West African Art EMOWAA in Benin-City aus unterschiedlichen Perspektiven und je nach Möglichkeit der einzelnen beteiligten Museen unterstützen. Mit dem Forum haben die nigerianischen Entscheidungsträger eine ideale Möglichkeit, die wichtigsten Museen mit Sammlungen ansprechen zu können und den Kontakt zu ihnen zu pflegen.

Es ist bedeutsam, dass sich das Museumsprojekt in Benin City materialisiert. Eine wichtige Rolle spielt das Digital Benin Projekt. Seitens unserer nigerianischen Partner besteht schon lange der Wunsch, Wissen über die Verteilung der Kunstschätze in der Welt zu bündeln – einschließlich der historischen Fotografien und Dokumente über die Benin-Bronzen. Über die Online-Plattform soll das ermöglicht werden. Auch für Wissenschaft und Forschung, die Museen weltweit und den Wissenstransfer wird diese Plattform ein wichtiges Medium sein und in Zukunft von der EMOWAA gehostet werden.“

„Ich sehe darin einen Neubeginn“

Prof. Dr. Bénédicte Savoy
Prof. Dr. Bénédicte Savoy ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin sowie Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes des 18. bis 20. Jahrhunderts am Collège de France in Paris.
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„Die aktuelle Debatte zur Rückgabe der Benin-Bronzen ist überfällig und zu begrüßen. Im Grunde geht es hier um die Spätfolgen einer misslungenen Dekolonisation. In der Regel klärt man Kulturgut-Verlagerung in Zeiten asymmetrischer Machtverhältnisse am Ende des asymmetrischen Machtverhältnisses. Aber als in den 1960er-Jahren viele ehemalige Kolonien der europäischen Staaten unabhängig wurden, kam der Umgang mit Kulturgütern nicht zur Sprache. In Deutschland, das seine Kolonien früher verloren hat, ist das im Grunde ähnlich verlaufen. Die nigerianische Regierung bat bereits vor mehr als 50 Jahren um die Rückgabe von Kulturgütern, aber es passierte nichts. Das bedeutet, die Kulturgüter in Europa sind sozusagen Reste einer nicht stattgefunden Verhandlung der Trennung. In meinem Bewusstsein ist es sehr, sehr wichtig, dass wir Erwachsenen von heute das Thema jetzt angehen und Taten folgen lassen, und es nicht unseren Kindern überlassen, so wie die Akteure der 1970er-Jahre die Problematik uns überlassen haben. Wir haben jetzt die Verantwortung, das in ein gute Lösung zu bringen, und ich betrachte die aktuellen Bemühungen als einen Neubeginn.“

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