„Wir wollen von anderen Kulturen lernen“

Das Humboldt-Forum ist zugleich ein Ort und eine globale Dialog-Plattform, sagt Professor Hartmut Dorgerloh.

Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums in Berlin.
Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums in Berlin. dpa

Herr Professor Dorgerloh, was ist das Humboldt-Forum? Das nationale Völkerkundemuseum?
Das Humboldt Forum ist kein Museum. Es ist es ist ein offenes Forum, eine internationale Dialogplattform für die Fragen, die uns heute in der Welt bewegen. Das wird zwar auch in Ausstellungen erlebbar, zum Beispiel in den großen Dauerausstellungen der ethnologischen Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin, aber auch in der Berlin-Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin zum Austausch Berlins mit der Welt oder in der Präsentation der Humboldt-Universität zu Vielfalt und Relevanz von Wissenschaft. Mit einem weiteren, eigenständigen Bereich Bildung und Vermittlung, Wissenschaft und Forschung laden wir dazu ein, sich mit zentralen globalen Themen unserer Zeit zu beschäftigen, wie zum Beispiel Ökologie, Ökonomie, das Nord-Süd-Gefälle, Ressourcen, Armut, Ausbeutung oder Menschenhandel. Ganz gemäß der Erkenntnis Alexander von Humboldts: Alles hängt mit allem zusammen. Das Forum wird sowohl in der internationalen Zusammenarbeit wie auch zu den Menschen in Berlin eine Brücke schlagen zwischen den Fragestellungen der Wissenschaft und den Interessen des Publikums. Und es wird ein eigenständiges, sehr breites Programm an Veranstaltungen, Tanz, Film, Musik, Performances, Diskussionen und vielen Mitmach-Angeboten geben. Das Humboldt Forum ist also zumindest viel mehr als ein Museum.

Weht eine Art Geist Alexander von Humboldts durch das Forum?
Wir haben nicht nur Alexander, sondern auch seinen Bruder Wilhelm als Namenspatron. Wilhelm würde man heute als einen großen Kommunikationsforscher bezeichnen. Er beschäftigte sich damit, eine allgemeine Verständigung über die verschiedenen Arten die Welt zu sehen herzustellen und sie zu erfassen. Und Alexander hinterließ uns die große Verpflichtung, vernetzt zu denken und zu arbeiten, also zu Kooperation und zu Zusammenarbeit. Das sind ganz entscheidende Punkte für unsere Arbeit. Wir wollen keine fertigen Ergebnisse präsentieren, sondern zu einem offenen Austausch einladen. Wir wollen zuhören und wir wollen von anderen Kulturen lernen. Genau das hat Alexander von Humboldt getan und so erkannt, wie global die Dinge vernetzt und verflochten sind.

Das Humboldt-Forum in Berlin im neuerbauten Stadtschloss.
Das Humboldt-Forum in Berlin im neuerbauten Stadtschloss. dpa

Gibt es etwas typisch Deutsches an Alexander von Humboldt?
Ich glaube nicht im Sinn von exklusiv deutsch. Beide Humboldts, Alexander und Wilhelm, haben sich als Weltbürger verstanden. Beide stammen zwar hier aus Berlin, aber beide waren geistig und auch physisch in der Welt unterwegs.

Beeindruckt Sie persönlich eine Eigenschaft Alexander von Humboldts besonders?
Sein unglaublicher Fleiß und seine Präzision, neben vielen anderen. Es ist immer wieder faszinierend zu entdecken, wie intensiv er korrespondiert und wie genau er hingeschaut hat. Messen war für ihn essentiell, akribisch zu untersuchen, exakte Werte zu haben und korrekt zu verstehen und so wegzukommen von Mutmaßungen, hin zu naturwissenschaftlich begründeter Erkenntnis.

Wie stehen sie zu den Vorwürfen an den musealen Teil des Forums, es vertrete eine koloniale Haltung? Es wird sogar die Rückgabe von Ausstellungsstücken an die Länder gefordert, aus denen sie stammen.
Das Humboldt-Forum war und ist ein Katalysator für eine überfällige Debatte über die deutsche koloniale Geschichte. Sie ist zwar schon 1918 zu Ende gegangen und damit früher als in den anderen kolonialen Systemen, aber sie hat natürlich genauso Auswirkungen bis in die heutige Zeit. In den ethnologischen Museen gibt es dafür eine Reihe von Belegen, Stücke, die unmittelbar mit kolonialen Kontexten, auch mit Gewalt zusammenhängen. Es muss also genau erforscht werden, unter welchen Umständen die Stücke nach Berlin gekommen sind. Wo ein Unrechtskontext vorliegt, muss es um Rückgaben gehen. Das müssen wir zusammen mit Vertretenden der Herkunftsgesellschaften erforschen und entscheiden, also mit den Menschen, die heute dort leben, wo diese Stücke herkommen. Dies ist im Kern eine Aufgabe der Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, die diese auch schon seit Jahren wahrnehmen. Das Forum ist der Ort, wo die gesellschaftlich relevanten Fragen dazu aus verschiedensten Perspektiven erörtert werden, beispielsweise wie wichtig die Objekte als materielles, aber auch als immaterielles Erbe sind. Wenn Sie so wollen, Aufklärung und Erkenntnisgewinn im Humboldtschen Sinn.

Zur Person:
Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh ist Denkmalpfleger und Kunsthistoriker. Seit dem 1. Juni 2018 ist er Generalintendant des Humdboldt-Forums in Berlin.

Die Stiftung Humboldt-Forum im Berliner Schloss feiert gemeinsam mit dem Goethe-Institut am 13. und 14. September 2019 mit einem Fest Alexander von Humboldts 250. Geburtstag.

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