„Deutschland ist sehr respektiert“

Frederik Pleitgen, Reporter beim US-Sender CNN, spricht darüber, wie Amerikaner Deutschland sehen und  weshalb ihm Fake News zu schaffen machen.  

Frederik Pleitgen, Träger des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2017
Frederik Pleitgen, Träger des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2017 dpa

Herr Pleitgen, Sie sind als deutscher Journalist seit zehn Jahren Reporter bei CNN. Warum arbeiten Sie für das amerikanische Fernsehen?

Ich habe mich immer für amerikanische Sender interessiert. Mit meinen Eltern lebte ich eine Zeit lang in den USA und studierte dort auch, an der New York University. 2005 hospitierte ich mit dem Arthur F. Burns Fellowship, einem deutsch-amerikanischen Stipendium, bei CNN in Atlanta. Genau in dieser Zeit verwüstete Hurrikan Katrina die Stadt New Orleans. Ich setzte mich ins Auto und fuhr allein dorthin, um für meinen damaligen deutschen Sender n-tv zu berichten. Das hat den CNN-Kollegen wohl imponiert, jedenfalls haben sie mich eineinhalb Jahre später eingestellt.

Die Deutschen planen langfristig, die Amerikaner treffen viele Entscheidungen spontan.

CNN-Reporter Frederik Pleitgen

Wie unterscheiden sich deutsche Medien von amerikanischen?

Den größten Unterschied sehe ich darin, dass die Deutschen langfristig planen, während die Amerikaner viele Entscheidungen spontan treffen. Bei Situationen, in denen sich die Lage schnell ändert, ist das vorteilhaft. Und wenn Ereignisse zu einem großen Thema werden, gehen Amerikaner mit sehr großen Ressourcen rein. Bei den Anschlägen in Paris zum Beispiel waren wir extrem schnell mit vielen Kollegen vor Ort. Ein weiterer Unterschied ist, dass auch jüngeren Journalisten früh Verantwortung übertragen wird. Wir hatten im Irak-Krieg teilweise Reporter, die Ende 20, Anfang 30 waren – auch in leitender Position.

Man hat oft den Eindruck, dass in den USA der Ton der Berichterstattung anders ist, auch bei seriösen Medien. Müssen Nachrichten anders „verkauft“ werden als in Deutschland?

Ich glaube, dass der Ton persönlicher ist, schon weil die Amerikaner die Barriere des Du und Sie nicht haben. Hinzu kommt, dass das Live-Element im amerikanischen Fernsehen stärker ausgeprägt ist und die Zuschauer häufiger die Reporter sehen, die ihnen die Nachrichten bringen. Es ist auch eine kulturelle Tradition – deutsche Sendungen sind eher etwas formal, amerikanische lockerer. Die Berichterstattung muss natürlich seriös bleiben und darf nicht, weil man locker sein will, verflachen. Da muss man einen Mittelweg finden.

Wer die freie Presse in Frage stellt, greift die Stabilität der gesamten Gesellschaft an.

CNN-Reporter Frederik Pleitgen

Gerade in den USA wird aktuell viel über manipulierte Nachrichten diskutiert, so genannte Fake News. Beschäftigt Sie das?

Ja, sehr. Politiker werfen mit dem Begriff um sich, was ich für ziemlich gefährlich halte, weil die freie Presse eine tragende Institution des demokratischen Staats ist. Wer sie in Frage stellt, greift indirekt die Stabilität der gesamten Gesellschaft an. Die Medien müssen sich wehren, solchen Anschuldigungen offensiv entgegentreten und sie entkräften. Gleichzeitig müssen wir bei der Recherche stark sein – Fehler werden ja gleich als Fake News verschrien. Also: Möglichst keine Fehler machen, aber wenn sie passieren, konsequent reagieren, sie zugeben und korrigieren.

Sind Sie von den Fake-News-Vorwürfen auch persönlich betroffen?

Leider ja, vor allem in den sozialen Medien. Als ich zum Beispiel für CNN aus dem Iran berichtet habe, behaupteten Leute, dass ich gar nicht dort sei und meine Bilder nicht echt seien. Teilweise sind die Angriffe rüde und weit unter der Gürtellinie. Ich versuche mich deshalb in sozialen Medien zurückzuhalten und mich nicht in unproduktiven Twitter-Dialogen zu verausgaben.

Ihnen ist 2017 der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für herausragende journalistische Leistungen verliehen worden. Der Preis ist benannt nach dem 1995 verstorbenen, renommierten deutschen Journalisten und langjährigem Nachrichten-Anchorman des deutschen Fernsehens. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?

Hanns Joachim Friedrichs forderte, dass sich ein Journalist mit keiner Sache gemein machen soll, auch nicht mit einer guten. Das halte ich heute für besonders wichtig. Die Stimmung ist sehr aufgeheizt, und alle Seiten versuchen Journalisten zu vereinnahmen. Ich berichte viel über kontroverse Themen aus Syrien, Iran und Russland. Selbst Wissenschaftler oder Leute, die vorgeben, wissenschaftlich zu arbeiten, wollen, dass man sich auf ihre Seite schlägt. Das darf ein Journalist einfach nicht. Es gibt so viele Beispiele dafür, dass etwas nicht so ist, wie man anfangs gedacht hat. Da hilft nur, objektiv zu bleiben, auch wenn es nicht einfach ist.

Sie haben den Preis auch deshalb bekommen, weil Sie – so die Laudatio – „deutsche Realitäten in den USA bekannter machen“. Wie gut kann das gelingen angesichts eines Präsidenten, der über Twitter auch durchaus Deutschland kritisiert?

Deutschland ist sehr respektiert. Viele Amerikaner schauen mit Neid auf uns und glauben, dass das Land viel richtig macht. Sie sehnen sich nach Verhältnissen, wo es weniger Drama in der Regierung gibt und Entscheidungen nach einem längeren Prozess gefällt werden. Vielleicht ist die Sicht auf Deutschland etwas verklärt, aber generell hat der ernsthafte politische Diskurs ein hohes Ansehen.

Ihr jetziger Standort ist London. Wie nehmen Sie dort die Stimmung wahr angesichts des Brexits?

Leute, die für den Brexit gestimmt haben, sind oft ein wenig trotzig und beharren auf diesem Weg, auch wenn er dem Land wirtschaftlich Probleme bereitet. Aber es gibt auch Briten, die wünschten, sie hätten sich anders entschieden. Vielen ist erst jetzt bewusst geworden, dass es keinen Plan gab, wie der Ausstieg aus der Europäischen Union zu bewältigen ist und wie es danach weiter geht. Dazu kommt, dass die Regierung parallel zum Brexit das Verhältnis zu den USA vertiefen wollte, Donald Trump aber auch in England kontrovers gesehen wird.

Möchten Sie eines Tages nach Deutschland zurückkehren?

Ich kann mir schon vorstellen, wieder in Deutschland zu arbeiten. Aber im Moment ist die Tätigkeit für CNN sehr spannend und ich würde sie gern noch eine Zeit lang ausüben. Mein Vorsatz ist, jedes Jahr etwas zu tun, was ich noch nie in meinem Leben gemacht habe. 2017 habe ich eine große Reportage über die U.S. Air Force gemacht und zum ersten Mal den Luftkrieg gesehen, den die Amerikaner im Nahen Osten geführt haben. Raus aus der Komfortzone, etwas Neues wagen, vielleicht sogar etwas, wovor man Angst hat: Das habe ich in den vergangenen zehn Jahren immer geschafft.

Interview: Christine Mattauch

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