Wie zwei Hessen Jeff Bridges’ Lieblingskamera retteten
Ein Hollywoodstar, verlorene Baupläne und deutsche Feinmechanik: Wie eine legendäre japanische Panoramakamera wieder zum Leben erweckt wurde.
Es war ein Hochzeitsgeschenk, das Jeff Bridges über Jahrzehnte begleiten sollte: 1977 schenkte ihm seine Frau Susan eine Widelux. Mit der japanischen Panoramakamera hielt der Hollywoodstar, bekannt aus Filmen wie „The Big Lebowski“, „Crazy Heart“ und „True Grit“, Schauspielkollegen und Filmcrews hinter den Kulissen fest. Das schwenkbare Objektiv der Widelux erzeugt ungewöhnlich breite Bilder, in denen auch Bewegungen sichtbar werden.
Ihr schwenkbares Objektiv hält Bewegungen in ungewöhnlich breiten Bildern fest.
Doch irgendwann wurde die legendäre Kamera nicht mehr hergestellt. Ersatzteile gab es kaum noch, das technische Wissen drohte verloren zu gehen. Jeff und Susan Bridges wollten die Widelux wiederbeleben. Die entscheidende Verbindung führte nicht nach Japan oder Hollywood, sondern nach Deutschland, in den beschaulichen hessischen Kurort Bad Nauheim.
Dort geben Charys Schuler und Marwan El Mozayen die englischsprachige Fotozeitschrift „SilvergrainClassics“ heraus. 2019 kamen die beiden Experten für analoge Fotografie mit Bridges ins Gespräch. Eigentlich sollte es um seine Fotografien gehen. „Es waren noch keine fünf Minuten vergangen, da fragte er uns, ob wir gemeinsam die Widelux-Kamera wieder zum Leben bringen könnten“, erinnert sich Schuler. „Wir haben zuerst gedacht: Das kann er nicht ernst meinen.“ Aber er meinte es ernst.
Rekonstruktion ohne Baupläne
1958 brachte der japanische Hersteller Panon Camera Shokai die erste Widelux auf den Markt. Doch wie baut man eine Kamera nach, deren Konstruktionspläne nicht mehr existieren? Als das Werk des Herstellers im Jahr 2000 niederbrannte, gingen zahlreiche technische Unterlagen verloren. „Keine Baupläne, gar nichts. Wir mussten bei null starten“, erzählt El Mozayen.
Also zerlegten Schuler und El Mozayen eine originale Widelux und dokumentierten jedes Detail fotografisch, von winzigen Schrauben bis zu versteckten Federn im Gehäuse. Unterstützung fanden sie in ihrem Netzwerk internationaler Analogfotografie-Experten. „Der eine gibt diesen Tipp, der andere jenen – und plötzlich ergibt sich daraus ein Bild“, erzählt El Mozayen.
Fünf Jahre dauerte es, bis aus der Idee eine funktionsfähige neue Kamera wurde.
„Made in Germany“ war entscheidend
Jeff und Susan Bridges hatten klare Vorstellungen: Die neue Widelux sollte langlebig sein, ohne Kunststoffteile und Elektronik auskommen und in Deutschland gefertigt werden. „Jeff und Susan wollten eine Kamera, die wirklich Generationen überdauern sollte“, sagt El Mozayen. „Made in Germany war ihnen dafür ganz wichtig.“
Deutschland verfügt über eine lange Tradition in der optischen Industrie und Feinmechanik. Genau diese Präzision war bei der Rekonstruktion gefragt: Die Widelux besteht aus Hunderten Einzelteilen, rund 90 feinmechanische Komponenten müssen für den Schwenkmechanismus exakt zusammenspielen.
Gemeinsam mit einem spezialisierten Fertigungspartner entwickelte das Team zentrale Bauteile neu und verbesserte die Konstruktion. Die Komponenten, die ausschließlich in Deutschland gefertigt werden, sollen auch dazu beitragen, ältere Widelux-Modelle zu erhalten.
Die Renaissance der Analogfotografie
2023 gründeten Schuler und El Mozayen gemeinsam mit Jeff und Susan Bridges die SilverBridges GmbH. Die Herausforderung bestand nun darin, die Kamera nicht nur technisch zu perfektionieren, sondern auch wirtschaftlich in Serie zu produzieren. Im April 2026 startete der Vorverkauf. Innerhalb weniger Wochen waren alle 350 Exemplare zum Stückpreis von 5.200 Euro verkauft.
Der schnelle Ausverkauf passt zu einer Entwicklung, die die Gründer seit Jahren beobachten: dem wiedererwachten Interesse an analoger Fotografie. Für Charys Schuler ist das kein Widerspruch zur digitalen Bilderwelt. „Als die Fotografie in die Welt kam, haben die Leute nicht aufgehört zu malen“, sagt sie. Auch die analoge Fotografie werde neben der digitalen bestehen bleiben. Denn die Widelux stille „eine große Sehnsucht nach Kreativität“.
Eine deutsche TV-Dokumentation begleitet die Wiederbelebung der Widelux von Hessen bis Hollywood. Der 55-minütige Film ist in Deutschland seit dem 24. Oktober 2026 in der ARD Mediathek verfügbar.