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Frau auf einer Terrasse  in Müsen
US-Amerikanerin Mari Frith beim Besuch des nordrhein-westfälischen Ortes Müsen © privat

Deutsche Wurzeln: Warum Amerikaner auf Spurensuche gehen

„Wo komme ich her?“ Viele US-Amerikaner interessieren sich für ihre deutschen Vorfahren. Die Begegnung mit der eigenen Geschichte weckt oft Emotionen. 

27.08.2026Axel Novak

Als Ann und David Schwartz in der evangelischen Kirche von Müsen stehen, einem kleinen Ort im Bundesland Nordrhein-Westfalen, schließt sich für sie ein Kreis. Denn vor ihnen liegt das Kirchenbuch mit einem Eintrag aus dem Jahr 1692: die Taufe von Johann Kemper, Davids Vorfahr in achter Generation. 20 Jahre später verließ der junge Schmied seine Heimat und wanderte als einer der ersten deutschen Siedler nach Virginia aus. „Der Besuch in Müsen ist eine Erfahrung, die unser Leben verändert hat“, sagt Ann Schwartz. „Das hat unsere Verbindung zu unserer Vergangenheit wirklich gestärkt.“ 

Die Reise des Ehepaares aus South Carolina ist kein Einzelfall. Immer mehr US-Amerikanerinnen und -amerikaner interessieren sich für ihre Vorfahren aus Deutschland. DNA-Tests, digitalisierte Kirchenbücher und genealogische Online-Plattformen erleichtern die Suche nach den eigenen Wurzeln. Zudem wächst bei vielen Amerikanern der Wunsch, ihre Familiengeschichte nicht nur aus der Ferne zu erforschen, sondern die historischen Orte selbst zu besuchen. 

Menschen in einer Kirche
Ann und David Schwartz und weitere Nachfahren der Familie Kemper/Broombach in der Kirche von Müsen © privat

Rund 45 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner haben deutsche Wurzeln 

Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle. Menschen mit deutscher Herkunft haben die Geschichte der USA geprägt – prominente Beispiele sind William Edward Boeing, Dwight D. Eisenhower, John D. Rockefeller und Elvis Presley. Schätzungen zufolge haben rund 45 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner deutsche Vorfahren. 

Eine der Organisationen, die den Wunsch nach mehr Wissen über die eigene Herkunft in echte Begegnungen übersetzt, ist die Historic Germanna Foundation im US-Bundesstaat Virginia. Seit ihrer Gründung 1956 erforscht sie die Geschichte der deutschen Siedlerinnen und Siedler, die ab 1714 in der Kolonie Virginia ankamen. Aus dieser historischen Arbeit hat sich ein außergewöhnliches Projekt entwickelt: „Die Stiftung bringt Nachfahren der Auswanderer mit ihren Herkunftsorten in Deutschland zusammen“, sagt Barbara Price, die seit 1998 dem Vorstand der Stiftung angehört. 

Seit 2003 organisiert die Stiftung regelmäßig Reisen ins Siegerland, in die Pfalz und nach Baden-Württemberg, also in Regionen, aus denen viele der frühen Siedlerinnen und Siedler stammten. Rund 25 Personen nehmen jedes Jahr teil, manche sogar mehrfach. Es ist weit mehr als eine touristische Reise: Die Teilnehmenden besuchen die Herkunftsorte und Kirchen ihrer Vorfahren, sehen originale Taufregister oder treffen Menschen, die noch heute denselben Familiennamen tragen. Immer wieder erlebt Barbara Price, wie emotional die Begegnung mit der eigenen Geschichte ist. Das weiß sie auch aus eigener Erfahrung: „Ich stamme selbst von einer Familie ab, die 1714 nach Virginia auswanderte.“ 

Die ferne Vergangenheit so nah 

Warum bewegt die Suche nach den eigenen Wurzeln gerade Amerikanerinnen und Amerikaner so sehr? „Die meisten Nordamerikaner wissen, dass ihre Geschichte woanders begonnen hat. Im Gegensatz zu vielen Europäern sehen wir unsere Herkunft nicht jeden Tag. Die größere Geschichte liegt auf einem anderen Kontinent“, sagt Mari Frith. Wie David Schwartz ist sie Nachfahrin von Johann Kemper aus Müsen, aber auch von der Familie Op den Graeff aus Krefeld, deren Vorfahren bereits 1683 nach Pennsylvania auswanderten. 2026 reiste Frith nach Deutschland: „Meine Bewunderung für Johann Kemper ist grenzenlos. Meine Dankbarkeit für seinen Mut ist überwältigend“, sagt sie nach ihrer Rückkehr.

Das Bedürfnis nach Identität spiegelt sich in vielen Umfragen wider. Nach einer Erhebung des Conner Prairie-Museums im US-Bundesstaat Indiana halten 96 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner Geschichte für wichtig, um die Zukunft besser zu verstehen. 87 Prozent sind davon überzeugt, dass Ahnenforschung dabei hilft, die eigene Identität und Lebensgeschichte besser zu begreifen.  

Das Interesse an der eigenen Familiengeschichte wuchs bereits in den 1970er-Jahren. Alex Haleys Bestseller „Roots“ machte das Thema zusätzlich populär. Später halfen DNA-Tests von Anbietern wie Ancestry oder 23andMe, durch eine Speichelprobe Hinweise auf die Regionen zu erhalten, aus denen die eigenen Vorfahren stammen. Auch die Digitalisierung von Millionen von Kirchen- und Einwanderungsakten verringerte den Aufwand. 

Aus der Ahnenforschung ist zudem längst ein eigener Reisemarkt mit Milliardenumsätzen entstanden – „Roots Travel“ oder „Heritage Tourism“ genannt. Immer mehr Länder machen touristische Angebote, um die Heimat der Vorfahren besser kennenzulernen. Die Deutsche Zentrale für Tourismus wirbt gezielt um Amerikaner mit deutschen Wurzeln. Auf ihrer Internetplattform finden sie Infos zu Ahnenforschung, Auswanderungsrouten, historischen Orten sowie Reisevorschläge. 

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Verbundenheit und Wertschätzung 

Für Ann und David Schwartz stand kein spektakuläres Urlaubserlebnis, sondern etwas viel Persönlicheres im Mittelpunkt. „Als wir das Taufregister unseres Vorfahren sahen“, sagt Ann, „gab uns das ein tiefes Gefühl der Verbundenheit. Außerdem weckte es in uns große Wertschätzung für seinen Abenteuergeist und seine Beharrlichkeit.“ 

Verbundenheit und Wertschätzung – für Norman Burns, Leiter des Conner Prairie-Museums, offenbaren sich hinter diesen Gefühlen gesellschaftliche Phänomene: „In einer Zeit, in der sich unsere Nation zunehmend als isoliert und gespalten wahrnimmt, ist es ermutigend zu sehen, dass viele Amerikaner auf unsere Vergangenheit blicken, um unsere Zukunft zu gestalten.“