Geschichte Teil 1: Amerikas deutsche Wurzeln

Die Deutschen sind die größte Einwanderergruppe in den USA – und trotzdem die am wenigsten öffentlich sichtbare.  

Einwanderer auf Ellis Island, USA
dpa

Kaum eine Bevölkerungsgruppe hat die USA in der Vergangenheit so stark geprägt wie deutsche Auswanderer. Knapp sieben Millionen finden über vier Jahrhunderte hinweg ihren Weg in die Neue Welt. Aktuell geben 40 bis 60 Millionen US-Amerikaner „German“ als ihre Hauptherkunft an und stellen die größte Einwanderergruppe – noch vor den Iren und weit vor den Italienern.

Die deutsche Emigration in die USA beginnt Ende des 17. Jahrhunderts. Deutschland leidet an den Nachwirkungen der blutigen Religionskonflikte des Dreißigjährigen Kriegs, christliche Minderheiten werden verfolgt. Viele Bauern leben in Armut, Missernten und Landmangel bedrohen sie existenziell. Und so brechen die Menschen auf in ein Land, das beides zu bieten scheint: Freiheit und Wohlstand. Nach Amerika.

Aufbruch ins „Land der Freien“

Die Situation in Deutschland verschärft sich, als die Bevölkerung mit der beginnenden Industrialisierung dramatisch zunimmt. Rund drei Viertel der Bauern besitzen Mitte des 19. Jahrhunderts nicht ausreichend Land, um davon leben zu können. Sie wandern ab 1816 in großer Zahl aus – der Beginn der offiziellen deutschen Massenemigration in die USA. Die Möglichkeiten muten paradiesisch an. Ein Kleinbauer, der in Deutschland mit einem halben Hektar Land auskommen muss, kann sich in Amerika nach nur zehn Jahren 64 Hektar erarbeiten. Auch politische Perspektivlosigkeit spielt als Auswanderungsmotiv eine Rolle. Das Scheitern der Revolution 1848  ist für viele Menschen der Beweis, dass mit mehr Freiheitsrechten in Deutschland in naher Zukunft nicht zu rechnen ist. Viele Anhänger des linksliberalen Bürgertums wandern in die demokratischen USA aus: die sogenannten Achtundvierziger.

Deutsche Auswanderer
Deutsche Auswanderer warten in Hamburg auf ihre Schiffspassage.
Handout/Pressemitteilung/Getty Images

Mobil und gut integriert 

In den USA etablieren sich die Deutschen zunächst als angesehene Einwanderergruppe und klassische „Bindestrich-Amerikaner“ mit einer Doppelidentität. Es entstehen zahlreiche Gemeinden mit Schulen, Kirchen und Vereinen, in denen die deutsche Sprache und Kultur gepflegt wird. Mit Einsetzen der Hochindustrialisierung in den USA zählen die Deutsch-Amerikaner sowohl unter den Farmern als auch in den neuen Arbeiterberufen zu den etabliertesten Bevölkerungsgruppen. Die frühe Präsenz in den neuen Industrien führt auch dazu, dass Deutsche so mobil sind wie kaum eine andere Gruppe. Sie konzentrieren sich weniger stark in einzelnen Regionen als andere Einwanderer. Als Vorarbeiter in Jobs wie dem Eisenbahnbau ziehen sie durch das ganze Land.

Erosion der Herkunftsidentität

Das Image der Deutschstämmigen ändert sich abrupt mit dem Einsetzen des Ersten Weltkrieges. Plötzlich geraten sie unter Druck, ihre ethnische Identität abzulegen. Die deutsche Sprache und Kultur werden im Zuge einer regelrechten antideutschen Hysterie geächtet. Es setzt etwas ein, was die deutschen Zuwanderer ebenfalls einzigartig macht unter allen großen Einwanderergruppen und durch den Zweiten Weltkrieg noch verstärkt wird: die fast vollkommene Erosion der Herkunftsidentität. Keine Gruppe büßt im Laufe des 20. Jahrhunderts in vergleichbarem Maße an öffentlicher Sichtbarkeit ein wie die Deutsch-Amerikaner.

Amerikanische Soldaten in einer Frankfurter Bar
Annäherungen: Amerikanische Soldaten tanzen mit deutschen Frauen in einer Frankfurter Bar.
dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben die USA ein wichtiges Zielland für neue Gruppen deutscher Auswanderer. Dazu gehören die Verlobten und Ehefrauen der in Deutschland stationierten US-Soldaten wie seit 1950 zunehmend Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte. Sie bilden bis heute die wichtigste Gruppe deutscher Immigranten in den USA. 2017 wandern rund 12.500 Deutsche nach Amerika aus.

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