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Der Preuße, der Amerikas Armee drillte

250 Jahre Unabhängigkeitserklärung: Welchen Einfluss hatten deutsche Einwanderer wie Friedrich Wilhelm von Steuben in der Gründungsphase der USA?

Wolf ZinnWolf Zinn, 19.05.2026
Der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben
Der preußische Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben war maßgeblich an der Ausbildung der Kontinentalarmee beteiligt (kolorierter Stahlstich von 1785). © picture alliance / akg-images | akg-images

In den ersten Julitagen 1776 liegt über Philadelphia eine nervöse Anspannung. Im Pennsylvania State House hat der Kontinentalkongress am 4. Juli die Unabhängigkeitserklärung angenommen – nun soll aus Worten Wirklichkeit werden. Papier wird zur Infrastruktur des Umsturzes, die Druckerpressen laufen heiß. Der in Hessen geborene Drucker John Henry Miller (eigentlich Johann Henrich Müller) vermeldet am 5. Juli 1776 in seiner deutschsprachigen Zeitung die Nachricht als erster; und am 9. Juli erscheint der vollständige Text der Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch. Damals leben in den britischen Kolonien rund 2,5 Millionen Menschen; etwa zehn Prozent sind deutscher Herkunft. Pennsylvania ist ein Zentrum deutscher Einwanderer, dazu kommen Gemeinden in New York, New Jersey, Delaware, Maryland und Virginia. 

Die Revolution soll verbreitet werden – auch dort, wo Englisch noch Fremdsprache ist. So gelangen die großen Formeln der Aufklärung – Leben, Freiheit, das Streben nach Glück – in die Stuben, Scheunen und Gemeinden der deutschen Einwanderer – und werden in jeder Hinsicht verstanden. Die Erzählung, Deutsch sei beinahe Amtssprache der USA geworden, ist Legende. Wahr ist jedoch, dass darüber gestritten wird, ob Gesetze auch auf Deutsch gedruckt werden sollen – ein Hinweis darauf, wie groß und relevant die deutschsprachige Öffentlichkeit damals ist.

General George Washington (l.) mit seinen Offizieren, darunter Friedrich Wilhelm von Steuben und die ebenfalls deutschstämmigen Johann von Kalb und Peter Muhlenberg
General George Washington (l.) mit seinen Offizieren, darunter Friedrich Wilhelm von Steuben und die ebenfalls deutschstämmigen Johann von Kalb und Peter Muhlenberg © picture alliance/United Archives

Friedrich Wilhelm von Steuben oder: Wie aus Aufständischen Soldaten werden

Valley Forge bei Philadelphia, Winter 1777/78: Kälte, Schnee und Krankheit setzen der Kontinentalarmee zu. Die Männer sind schlecht ausgerüstet, die Organisation ist brüchig, die Disziplin mangelhaft. George Washington, Oberbefehlshaber und später erster Präsident der Vereinigten Staaten, führt ein Heer, das politisch bedeutsam ist – militärisch jedoch schwach.

Im Februar 1778 trifft Friedrich Wilhelm von Steuben im Lager ein. Der preußische Offizier ist von Benjamin Franklin empfohlen, einem der bekanntesten Köpfe der Revolution, der in diesen Jahren als amerikanischer Gesandter in Paris um Unterstützung wirbt. Washington macht von Steuben zum Inspektor-General. Und der beginnt ganz von vorn: Exerzieren, Formationen, klare Zuständigkeiten, Disziplin, Hygiene. Er bildet eine Musterkompanie aus und lässt das Erlernte im Lager systematisch verbreiten.

Statue von Friedrich Wilhelm von Steuben in Washington, D.C., nahe dem Weißen Haus
Statue von Friedrich Wilhelm von Steuben in Washington, D.C., nahe dem Weißen Haus © picture alliance / NurPhoto | STR

Der Überlieferung nach kann von Steuben anfangs kaum Englisch, bedient sich jedoch einer kraftvollen Sprache: Er flucht in einer wilden Mischung aus Deutsch, Französisch und englischen Brocken; sein häufig eingestreutes „God-dam!“ wird zur Chiffre für die harte Ausbildung des preußischen „Drill-Masters“. Und die zeigt Wirkung: In den Gefechten des Jahres 1778 – als Prüfstein gilt Monmouth – hält die Truppe dem enormen Druck deutlich besser stand.

Von Steuben hält seine Strategie im „Blue Book“ fest, den 1779 veröffentlichten „Regulations for the Order and Discipline of the Troops of the United States“. Es ist das erste offizielle Ausbildungs- und Organisationsreglement der jungen US-Armee und bleibt lange prägend. 

Jährlich im September führt die Steuben-Parade durch New York.
Jährlich im September führt die Steuben-Parade durch New York. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Victor M. Matos, Victor M. Matos

Zum Nachleben von Steubens gehört auch eine seit Jahrzehnten geführte, skurril anmutende Debatte um seine mögliche Homosexualität. Teile der LGBT+-Bewegung stilisieren ihn zur queeren Ikone, während einige Konservative mit ihrem einstigen Helden hadern. Die historische Quellenlage ist umstritten; unbestritten ist jedoch von Steubens großer Einfluss auf Ausbildung und Struktur der Kontinentalarmee. Und daran erinnert bis heute in New York immer im September die Steuben-Parade – eine Tradition deutsch-amerikanischer Selbstvergewisserung.

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Zwischen Feldlager und Kapitol: Peter und Frederick Muhlenberg

Dass deutsche Herkunft in der Gründungsphase der USA Gewicht hat, zeigen auch die Karrieren der Brüder Peter und Frederick Muhlenberg (eigentlich: Mühlenberg), Söhne eines aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg eingewanderten lutherischen Theologen. Peter ist zunächst Pfarrer in Virginia, wirbt 1776 ein Regiment für die Kontinentalarmee an und steigt zum Generalmajor auf. Sein Bruder Frederick verkörpert den institutionellen Neubeginn: 1789 wird er erster Speaker des US-Repräsentantenhauses und unterzeichnet die Vorlage der Verfassungszusätze, die später als Bill of Rights berühmt werden. Die Brüder stehen somit für zwei Aspekte deutsch-amerikanischer Teilhabe an der Gründung der USA: Peter für die Mobilisierung im Unabhängigkeitskrieg, Frederick für Parlament, Verfahren und Verfassung. 

Ein Großteil der sogenannten „Hessians“ wurde für die britischen Truppen zwangsrekrutiert.
Ein Großteil der sogenannten „Hessians“ wurde für die britischen Truppen zwangsrekrutiert. © picture alliance / Heritage Images | The Print Collector

„Hessians“: Deutsche auf der anderen Seite

Nicht jeder deutsche Akzent in diesem Krieg spricht für die Revolution. Auf britischer Seite kämpfen insgesamt etwa 30.000 Soldaten aus deutschen Territorien, pauschal „Hessians“ genannt. Viele dieser Truppen kommen aus Hessen-Kassel, aber auch aus anderen deutschen Fürstentümern, deren Landesherren Soldaten meist zwangsrekrutieren und an die britische Krone vermieten. Im Juni 2022 werden bei einer archäologischen Grabung in Gloucester County, New Jersey, die sterblichen Überreste von mindestens 13 mutmaßlichen „Hessians“ gefunden – am Schauplatz der Schlacht von Red Bank vom 22. Oktober 1777.