Poetik der Gegensätze
Jasmin Siddiqui alias Hera zählt zu den bekanntesten Streetart-Künstlerinnen Deutschlands. Ihre Murals wirken märchenhaft – und greifen doch ernste gesellschaftliche Themen auf.
Wer vor einem Mural von Jasmin Siddiqui alias Hera steht, blickt selten auf ein gewöhnliches Porträt. Menschliche Körper verschmelzen mit Tiergestalten, zarte Linien treffen auf raue Flächen, märchenhafte Motive auf nachdenkliche Botschaften. Manche Figuren wirken flüchtig skizziert, andere beinahe fotorealistisch. Gerade diese Gegensätze machen Heras Arbeiten unverwechselbar.
Die 1981 in Frankfurt am Main geborene Grafikdesignerin arbeitet seit 2001 unter dem Namen Hera. Aufgewachsen zwischen deutschen und pakistanischen Einflüssen sowie katholischen und muslimischen Traditionen, entwickelte Siddiqui früh einen Blick für unterschiedliche Perspektiven.
„Als Kind war ich sehr introvertiert“, sagte sie in einem Interview mit Radio Primavera. Im Graffiti fand sie eine Ausdrucksform, mit der sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen unmittelbar in den öffentlichen Raum tragen konnte. „Ich fand es einfach logisch, dass man Wände als Ausdrucksmittel nutzt“, erklärte sie gegenüber dem Hessischen Rundfunk. Bis heute verbindet sie klassische Zeichen- und Maltechniken mit der Ästhetik des Graffiti. Dabei versteht sie sich weniger als Gestalterin großer Fassaden, sondern als Geschichtenerzählerin im öffentlichen Raum.
Ich fand es einfach logisch, dass man Wände als Ausdrucksmittel nutzt.
Siddiqui interessiert sich für das, was häufig übersehen oder an den Rand gedrängt wird. In ihren Murals rückt sie Menschen, Orte und Geschichten in den Mittelpunkt, die im Alltag oft unbeachtet bleiben. So verleiht sie dem vermeintlich Unschönen und Unvollkommenen eine neue Würde.
Murals für die Welt
Der internationale Durchbruch gelang Siddiqui 2004 mit dem Künstlerduo Herakut, das sie gemeinsam mit Falk Lehmann alias Akut gründete. Während Hera erzählerische Figuren und spontane Linien entwickelte, ergänzte Akut die Werke mit fotorealistischen Elementen. Gemeinsam schufen sie Murals auf mehreren Kontinenten und verbanden ihre Kunst immer wieder mit sozialen und humanitären Projekten. Arbeiten des Duos sind unter anderem in São Paulo, Miami, Berlin, Kampala und Washington, D.C., zu sehen.
Längst ist Siddiquis Kunst auch in Museen angekommen. Ihre Werke wurden unter anderem im Rogaland Kunstmuseum in Stavanger, im Pera Museum in Istanbul, bei Urban Nation in Berlin, im Straat Museum in Amsterdam und im Moca Museum in Kopenhagen gezeigt.
Street Art mit Haltung
Für das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ gestaltete Siddiqui 2025 eine mehr als 17 Meter hohe Fassade auf dem Berliner Teufelsberg. Das Mural steht für Mut, Solidarität und Empowerment. Zugleich macht es auf geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam und verweist auf das anonyme, kostenfreie Beratungsangebot.
Das Mural auf dem Teufelsberg reiht sich in eine lange Serie von Arbeiten ein, mit denen Hera Hausfassaden in großformatige Bildwelten verwandelt.