Wie offen sind wir?

Eine Brücke zwischen der Türkei und Deutschland: Weshalb die Istanbul Biennale 2018 in München fortgesetzt wird.

Begrüßung: ein Transparent des US-Künstlers Stephen G. Rhodes
Begrüßung: ein Transparent des US-Künstlers Stephen G. Rhodes Pinakothek der Moderne/Haydar Koyupinar

Deutschland. Ein Boykott der Istanbul Biennale war für das Berliner Kuratoren-Duo Elmgreen & Dragset keine Option. Manche hatten das angesichts des politischen Ausnahmezustands in der Türkei gefordert. Doch der Däne Michael Elmgreen und der Norweger Ingar Dragset, die 2017 unter der Überschrift „a good neighbour“ die große Kunstschau in der Türkei verantworteten, wollten es den Künstlern im Land ermöglichen, „mit anderen zusammenzukommen, Verbundenheit zu erleben und den intellektuellen Austausch mit Künstlern von außerhalb des Landes und mit einem internationalen Publikum pflegen zu können“. Nun findet die Istanbul Biennale in München eine, wenn auch deutlich kleinere, Fortsetzung: noch bis zum 29. April 2018 ist „a good neighbour_on the move“ in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Wie kommt die Kunst von Istanbul nach München?

„Viele Leute aus Deutschland hätten sich nicht getraut, nach Istanbul zu kommen“, sagt Michael Elmgreen. „Nun haben sie die Möglichkeit, zumindest einen Eindruck von manchen der in Istanbul gezeigten Arbeiten zu bekommen.“ Die Idee dazu hatte Bernhart Schwenk, Referent für Gegenwartskunst an der Pinakothek der Moderne. Elmgreen & Dragset sind in der Sammlung der Pinakothek der Moderne schon länger mit eigenen Werken vertreten. Und Bernhart Schwenk hat schon einmal für ein großes Projekt in München mit ihnen zusammengearbeitet: 2013 kuratierten die beiden Skandinavier in der Stadt 17 Installationen und Aufführungen zum Thema Öffentlichkeit.

Was wird gezeigt?

Insgesamt 50 Arbeiten von zwölf Künstlern aus acht Ländern. Vielfältig sind auch die gewählten Formate: Die türkische Künstlerin Canan erzählt in ihrem Animationsfilm „Exemplary“ („Vorbildlich“) von einer jungen Frau, die – von ihren Eltern verheiratet – aus der ostanatolischen Provinz in die Metropole Istanbul zieht. Canans Landsmann Erkan Özgen lässt in seinem Film „Wonderland“ einen taubstummen Flüchtlingsjungen aus Syrien auf seine Weise berichten, was er in seiner Heimat erlebt hat.

Zeitungsausschnitte zur Flucht über das Mittelmeer hat der deutsche Künstler Olaf Metzel zu einer großen Plastik zusammengefügt. Die Amerikanerin Andrea Joyce Heimer blickt dagegen stärker auf ihr persönliches Umfeld, etwa auf die „Bored Girls in Painting Class“. So zeigt sich, wie vielschichtig Nachbarschaft verstanden werden kann.

Wie politisch ist diese Kunst?

Sehr politisch – auf dezente Weise. Vielleicht zeigen das am treffendsten die von Burçak Bingöl im Museum platzierten Überwachungskameras. Sie filmen nicht und sind mit ihren Verzierungen schön anzusehen. Und sie führen doch zu Fragen von Überwachung und Kontrolle: Wie offen kann eine Gesellschaft sein? Auch das „Herzlich Willkommen!“-Transparent des Amerikaners Stephen G. Rhodes, unter das sich die Besucher beim Betreten der Ausstellung ducken müssen, lässt an diese Frage denken.

„a good neighbour_on the move“

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