3D-Kunst 
gegen das Vergessen

Mit digitalen Modellen wollen Wissenschaftler die Erinnerung an zerstörte Kulturstätten bewahren.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Terroristen des Islamischen Staates die syrische Ruinenstadt Palmyra vornehmen würden. Kürzlich ist der Albtraum der Archäologen wahrgeworden: Die Dschihadisten sprengten mit dem 1900 Jahre alten Baalschamin-Tempel einen der bedeutendsten antiken Tempel des Nahen Ostens und leiteten damit die Zerstörung des Weltkulturerbes ein.

Im Irak eroberten die Islamisten bereits Anfang des Jahres das Museum der Stadt Mosul sowie die antiken Stätten Nimrud und Ninive. Sie rückten mit Bulldozern an, zerschlugen Statuen aus vorislamischer Zeit und begannen die systematische Ausradierung von Jahrtausende altem Erbe der Menschheit. Die Schätze aus dem Irak und Syrien sind unwiederbringlich. Was bleibt, sind Erinnerungen – und die Bilder, die Forscher und Touristen in Friedenszeiten angefertigt haben.

An diesen sind derzeit zwei amerikanische Archäologen interessiert, die im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes versuchen, die zerstörten Kulturgüter zu rekonstruieren – wenn auch nur digital. Chance Coughenour von der Universität Stuttgart und Matthew Vincent von der Hochschule Murcia in Spanien bauen mit Hilfe von Fotos die Kunstwerke in 3D-Modellen wieder auf. Auf der Seite projectmosul.org haben sie und etwa 50 Freiwillige bereits 15 Modelle angefertigt. „Wir fanden die Zerstörung in Mosul so schrecklich, dass wir überlegt haben, was wir tun können, um wenigstens die Erinnerung an die Kulturstätten zu bewahren“, sagt Chance Coughenour, der am Institut für Photogrammetrie der Universität in Stuttgart forscht. Gemeinsam mit Matthew Vincent hat er das Projekt nach Feierabend entwickelt. Mehr als 800 Bilder haben Touristen und Forschungseinrichtungen dafür bereits hochgeladen. Knapp ein Dutzend europäische Universitäten, die Regierung in Bagdad und viele private Firmen aus der Wirtschaft beteiligen sich an dem internationalen Projekt, sodass Forscher und freiwillige Helfer unter anderem die Software kostenlos nutzen dürfen. Interessierte können auf der Seite nicht nur Bilder hochladen, sondern sie auch mit Photoshop bearbeiten und selbst digital zusammenbauen.

Grundlage des 3D-Modellbaus ist die Photogrammetrie. Damit rekonstruieren die Forscher aus 2D-Bildern die Originale in einer dreidimensionalen Ansicht. Voraussetzung ist, dass es möglichst viele Bilder aus unterschiedlichen Perspektiven gibt. Nur dann kann der Besucher auf der Internetseite die Objekte drehen und von allen Seiten betrachten. Wer projectmosul.org öffnet, findet unter anderem den Löwen von Mosul, eine imposante Steinfigur, zusammengebaut aus 16 Bildern. Weil der Löwe im Museum von Mosul mit einer Seite gegen die Wand stand, ist er nur zur Hälfte rekonstruiert. Dreht man ihn auf die Rückseite, blickt man in seinen hohlen Körper. „Wir können nicht garantieren, dass die Maße exakt sind, weil wir meistens nicht mit professionellem Bildmaterial, sondern mit Schnappschüssen von Urlaubern arbeiten. Die sind auch mal unscharf oder müssen erst eingescannt werden. Aber jeden Tag schicken uns Leute neue Bilder, sodass das Modell exakter wird“, sagt Coughenour, der Spezialist für Photogrammetrie.

Vor Kurzen haben die Forscher eine 3D-Ansicht des Durbar-Platzes in Katmandu hinzugefügt. Das UNESCO-Weltkulturerbe mit seinen buddhistischen und hinduistischen Tempeln, Pagoden und Palästen wurde während des Erdbebens in Nepal im April 2015 schwer beschädigt. Die 3D-Technik wird in Zukunft also nicht nur mutwillig zertrümmerte Kunst wiederauferstehen lassen, sondern auch von Naturgewalten zerstörte Stätten. Am Ende bleibt jedoch immer nur ein Bild, auf dem Computer oder im Kopf des Betrachters. Die Zerstörung aufarbeiten, aber nicht aufhalten zu können, damit müssen Archäologen berufsbedingt umgehen. „Es wäre großartig, wenn es ein Projekt wie unseres gar nicht geben müsste“, sagt Wissenschaftler Coughenour.

Langfristig wollen er und Kollege Matthew Vincent nicht nur gegen das Vergessen ankämpfen, sondern auch gegen den illegalen Handel mit Antiken, mit dem der Islamische Staat zu großen Teilen seinen Terror finanziert. Der Archäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz setzt sich für die Bekämpfung von Antikenhehlerei ein. In dem vom IS eroberten Gebiet in Syrien und Irak befänden sich mehrere tausend archäologische Stätten. „Nach Berichten von Kollegen vor Ort verpachten die Terroristen regelrechte Claims an die Plünderer, zu festen Quadratmeterpreisen, und kassieren für jedes gefundene Objekt Steuern. Im Gegenzug gewähren sie den Plünderern, Hehlern und Schmugglern Schutz“, sagt Müller-Karpe. Mittlerweile gehe man von einem mehrstelligen Milliardenbetrag aus, der jährlich mit geplündertem Kulturgut umgesetzt werde.

Das Ausmaß des Kulturraubs lässt sich nur schätzen – in Syrien gibt es kein Dokumentationssystem für Antiken. Wissenschaftler des Archäologischen Instituts in Berlin und des Museums für Islamische Kunst Berlin bauen daher seit zwei Jahren aus ihren analogen Datensammlungen ein digitales Register auf: Das „Syrian Heritage Archive Project“ wird vom Auswärtigen Amt finanziert und soll die Grundlagen für eine Zeit nach dem Bürgerkrieg legen. Bislang hat das Archäologenteam fast 130.000 Datensätze erfasst.

Auch die Forscher vom Projekt Mosul arbeiten mit Interpol zusammen, um gegen den Schwarzmarkt vorzugehen. Anhand ihrer Modelle könnten gestohlene Objekte leichter wiedererkannt werden. Für die Zukunft kann sich Chance Coughenour ein virtuelles Onlinemuseum vorstellen, aber auch, dass die zerstörten Objekte auf Basis der Modelle in einem 3D-Drucker nachgebaut werden. So bliebe der Menschheit zumindest eine Rekonstruktion der zerstörten Kunst. Denn die Originale sind für immer verloren. ▪